Bezirksgericht Baden
Betrunkener klaut Nobelwagen: «Mein Leben war schon etwas zerrüttet»

Stationäre Alkohol-Suchtbehandlung statt unbedingte Haftstrafe für einen jungen Mann: So hat das Badener Gericht entschieden. Der Mann hatte Job, Wohnung und Beziehung verloren.

Louis Probst
Drucken
Der Mann konnte dem Alkohol nicht widerstehen. (Symbolbild)

Der Mann konnte dem Alkohol nicht widerstehen. (Symbolbild)

Pixabay

Diebstahl, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch – alles gleich mehrfach –, Entwendung eines Fahrzeuges zum Gebrauch, Fahren ohne Berechtigung und ohne Fahrzeugausweis sowie Missbrauch von Ausweisen und Schildern: Die Liste der Delikte, für die sich ein 34-jähriger Schweizer vor dem Bezirksgericht Baden zu verantworten hatte, ist beachtlich.

«Ich bin jetzt im Aufbau», erklärte der Beschuldigte, der sich im vorzeitigen Massnahmenvollzug in einer suchttherapeutischen Institution im Kanton Solothurn befindet und ohne Begleitung zur Verhandlung angereist war, in der Befragung durch Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr. «Mein Leben war schon etwas zerrüttet durch meine Fehltritte.»

Offen, und zuweilen auch recht selbstkritisch schilderte der junge Mann seine Probleme mit dem Alkohol. Sehr gut, fast zu gut, sei es ihm nach der Entlassung aus einer Haftstrafe während eines halben Jahres gegangen, erklärte er. Dann sei da wieder der Alkohol gewesen. Auf die Frage der Vorsitzenden nach dem «Wieso», meinte er: «Gute Frage. Vielleicht war es Überheblichkeit.»

Es sei jedenfalls so gewesen, dass er zuletzt einen Alkoholpegel von zwei Promille benötigt habe, um überhaupt aufstehen zu können. Und plötzlich sei alles weggewesen: Job, Wohnung, Beziehung. Unterschlupf habe er zuletzt in einem Lagerraum im Untergeschoss einer grossen Geschäfts- und Wohnliegenschaft in Baden gefunden, zu dem ihm ein Bekannter einen Schlüssel gegeben habe.

Mit Desinfektionsmittel grossen Schaden verursacht

Und in diesem Untergeschoss und in Kellerräumen zweier benachbarter Gebäude hatte er die Straftaten verübt. Er klaute teure Velos – «ich fahre gerne Velo, das ging noch», meinte er auf die Frage der Gerichtspräsidentin zum Grund –, aber auch Sportartikel und einen Elektro-Scooter.

Als er in der Tasche einer Jacke auf einen Autoschlüssel stiess, suchte und fand er in der Tiefgarage des gleichen Hauses das dazu passende Fahrzeug, ein SUV einer deutschen Nobelmarke, das dort ohne Kontrollschilder parkiert war. Er fuhr mit dem Auto auf einen nahegelegenen Parkplatz, wo er Kontrollschilder anbrachte, die er in der Tiefgarage an einem andern Auto abmontiert hatte.

Später versuchte er, mit einem Desinfektionsmittel seine Spuren am und im geklauten Auto zu tilgen, wobei er erheblichen Schaden anrichtete. «In betrunkenem Zustand hat man so Vorstellungen», meinte er. «Ich wollte verreisen. Irgendwie hatte ich das Tessin im Kopf.» Auf den Vorhalt, dass die Versicherung einen Schaden von 26'399 Franken geltend mache, entgegnete er:

«26'000? Wie kommt man auf 26'000? Gibt’s gleich ein neues Auto?»

Nach einem Monat Untersuchungshaft hatte der Beschuldigte den vorzeitigen Massnahmenvollzug in einer Therapieinstitution angetreten. Dort war seine Motivation anfänglich als gering bezeichnet worden. «Ein zweiter Versuch läuft besser», erklärte er vor Gericht. «Vieles ist Einstellungssache. Ich habe mir Gedanken über das Altern gemacht. Ich bin mehr als am Nullpunkt.»

Nachdem der Beschuldigte seine Einwilligung zu einem sogenannten abgekürzten Verfahren gegeben hatte, erhob das Bezirksgericht den Urteilsvorschlag der Staatsanwaltschaft – eine unbedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren, deren Vollzug zu Gunsten einer stationären Suchtbehandlung aufzuschieben ist – einstimmig zum Urteil.

Auf den Hinweis der Gerichtspräsidentin, dass das auch länger gehen könne und er, wenn es nicht klappe, doch in Haft müsse, meinte der Beschuldigte: «Ich bin jetzt daran, ein Fundament aufzubauen.»

Aktuelle Nachrichten