Seon
Aargauer Jungfirma fräst mit Weltneuheit

So steinig der Weg, so angenehm das erste Etappenziel: Patrick Meyer hat mit Kunden und Lieferanten seine Carbomill eingeweiht. Herzstück ist eine hochpräzise Fräsmaschine, bei der Software ist die Jungfirma weltweit an der Spitze.

Hans Lüthi
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Gründer und Firmeninhaber Patrick Meyer (links) erklärt zusammen mit Mitarbeiter Markus Schwarz den Gästen an der Einweihungsfeier die hochpräzise Maschine zur Bearbeitung von Carbon-Werkstücken. Emanuel Freudiger

Gründer und Firmeninhaber Patrick Meyer (links) erklärt zusammen mit Mitarbeiter Markus Schwarz den Gästen an der Einweihungsfeier die hochpräzise Maschine zur Bearbeitung von Carbon-Werkstücken. Emanuel Freudiger

Emanuel Freudiger

«Ein Lied mit vielen Misstönen könnte auch er singen, der 36-jährige Jungunternehmer Patrick Meyer. Zwar reden alle davon, das Land brauche innovative Firmen, die mit viel Unternehmergeist Neues wagen und produzieren.

Am besten in der zukunftsträchtigen Hochtechnologie und mit Nischenprodukten. Die Carbomill in Seon, eingemietet in einer 300 Quadratmeter grossen Halle im Industriegebiet Birren, passt perfekt in dieses Bild. Doch als es um die Wurst ging, präziser um die Beschaffung des Geldes, musste Meyer trotz bester Referenzen bei Banken und Leasingfirmen tüchtig die Klinken putzen.

Sein Businessplan sei ausgezeichnet und überzeugend, wurde ihm beschieden. Aber die Grössenordnung von einer Million Franken erschreckte viele Banker, die Leasingbranche gibt den Start-up-Firmen in aller Regel nicht über 100000 Franken. Er möge doch zuerst kleinere Brötchen backen, wurde dem jungen Geschäftsführer schon mal beschieden.

Aber die hochpräzise Maschine für eine Million Franken kann man nicht stückleinweise erwerben. Am Ende des steinigen Weges stand die Finanzierung der 1,4 Millionen Franken umfassenden Investitionen.

Sein Herz schlägt für die Technik, sein Unternehmen treibt die Präzision auf die Spitze des technisch Möglichen. Schon auf dem Weg zum Kernstück in der hohen Holzbauhalle leuchten die Augen von Patrick Meyer.

Die 30 Tonnen schwere «Linearmotor-Fräsmaschine mit fünf CNC-gesteuerten Simultan-Achsen» gehört zur neuesten Generation. «Weltweit ist es erst die zweite Maschine, die «Fooke Endura» fräst ferngesteuert und mit einer Genauigkeit von wenigen Tausendstel Millimetern», erklärt Meyer.

Der Bohrkopf dreht sich mit höchstem Speed, genauer mit 22000 Umdrehungen pro Minute. Neben Tempo verspricht die Maschine enorme Genauigkeit und Oberflächenqualität für die Bearbeitung von Werkstoffen aus Carbon, Kunststoffen, Aluminium sowie für die Schichtbearbeitung von Guss und Stahl.

Luft- und Raumfahrt, Rennsport, aber auch Autobranche, Medizin und Forschung sind – zunehmend – auf Carbon angewiesen, weil es leicht ist und eine enorm hohe Festigkeit aufweist. Hier ist die Carbomill AG tätig, «das ist unsere Kompetenz», sagt Patrick Meyer und zeigt auf ein teures Teilstück eines Satellitenarmes, das zur Bearbeitung bereit liegt.

Es besteht aus Carbon, Aluminium und Titanteilen, «da darf uns kein Fehler passieren, sonst ist das ganze Stück kaputt». Der Satellit zur Erdbeobachtung wird 2018 mit einer Trägerrakete Ariane ins All katapultiert, das Material sei nur während 55 Sekunden einer Topbelastung ausgesetzt, «danach schwebt es im luftleeren Raum». Insgesamt wird die neue Firma in Seon acht solcher Teile bearbeiten, die dereinst im All zu Armen mit 12 Metern Spannweite ausgeklappt werden sollen.

Von wichtigen Kunden gab es schon im Voraus Absichtserklärungen zur Zusammenarbeit, denn die Carbomill konnte und wollte nicht quasi auf gut Glück so viel Geld investieren. Namen mag der Unternehmer nicht nennen, «weil wir mit vielen eine Geheimhaltungs-Vereinbarung abschliessen».

Denn oft geht es um neuartige Produkte und Anwendungen, über deren Geheimnisse andere auch gerne mehr wüssten. Eine Ausnahme gibt es: Sauber Rennsport in Hinwil gehört zu den Kunden, hier ist der Architektur-Modellbauer als Quereinsteiger zur Frästechnik und Mechanik gekommen. Zehn Jahre lang war Meyer beim Sauber-Team im Zürcher Oberland tätig, im Windkanal und zuletzt als Abteilungsleiter im Formbau.

Für die Arbeit in Höchstpräzision braucht es 50 spezielle Werkzeuge, aus härtestem Material oder diamantbestückt. «Wir brauchen auch Messgeräte im Tausendstel-Millimeter-Bereich und weiteres sehr teures Zubehör», erklärt Patrick Meyer.

Das Feuer des Unternehmers spürt man beim Rundgang durch die neue Firma auf Schritt und Tritt. Die Carbomill AG hat sich Patrick Meyer selber aufgebaut, aber er sieht es als Vorteil, «dass ich in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen bin».

Denn sein Vater ist Bauunternehmer Richard Meyer in Dintikon, der auch den Baumeister-Verband Aargau präsidiert. Die Carbomill AG ist ein Zweimann-Unternehmen, «Markus Schwarz war früher mein Stellvertreter bei Sauber», sagt Patrick Meyer zu seinem einzigen Mitarbeitenden.

Grosse Angst vor Konkurrenten hat er derzeit nicht, denn neben der teuren Maschine braucht es auch exklusive Fachkenntnisse, um in diesem hochsensiblen Nischenbereich tätig sein zu können. «Mit der computerunterstützten Software Catia V6 sind wir weltweit die erste Firma, die auf diesem System fräst», betont Meyer und freut sich über diesen Wettbewerbsvorteil (www.carbomill.ch).

Seinen Beruf nennt der Jungunternehmer auch als sein grösstes Hobby. Mit seiner Jungfamilie wohnt er in Schafisheim, mit Ehefrau Claudia und der einjährigen Elena.

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