Rockwell-Sprengung
Zuoberst im 11. Stock schwitzten die Chefs - nicht nur im Sommer

Albert Fischer hat sein ganzes Arbeitsleben im Sprecherhof verbracht – in Büros mit strenger Ordnung. Das «Du», das aus Amerika den Weg zu ihnen in das Unternehmen fand, empfand er zuerst als Anbiederung.

Sabine Kuster
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Albert Fischer (vorne) an einer Mitarbeiterinformation über den Verkauf an Rockwell, 1993. ZVG

Albert Fischer (vorne) an einer Mitarbeiterinformation über den Verkauf an Rockwell, 1993. ZVG

31 Jahre alt war Albert Fischer, als er 1968 in den neuen Büroturm einzog. Seit acht Jahren hatte er als Disponent und Verkaufsförderer schon bei Sprecher & Schuh gearbeitet, im Parkhof an der Bahnhofstrasse. Die Abteilungen der Firma arbeiteten in verschiedenen Liegenschaften in Aarau und Umgebung, doch nun zog man in die Zentrale im heutigen Torfeld Süd.

Die meisten Büros waren ein paar Wochen nach der Einweihung schon bezogen, als Albert Fischer seine Ordner ins Regal stellte. Viel gab es nicht einzurichten. «Die Büros waren sehr streng organisiert», sagt Fischer. «Es herrschte Ordnung, private Fotos an der Wand hatten keine Chance.» Die Arbeitsplätze passten genau zur Breite der Fenster.

Es war der Auftakt in ein neues Bürozeitalter: bis zu 25 Angestellte in einem Raum, zwei Räume pro Stockwerk, meist in derselben Anordnung. Kaffeemaschinen waren dort keine erlaubt, man traf sich in Kaffeeecken auf zwei Stockwerken.

Dem jungen Fischer gefiel sein neuer Arbeitsplatz. «Wir waren stolz, dort zu arbeiten», sagt er, «es war ein elegantes Hochhaus.» Das AEW-Hochhaus, welches ein Jahr später fertig wurde, hätten sie spöttisch als «Fliegerbunker» bezeichnet.

Das Hochhaus war ein Symbol

Sprecher & Schuh befand sich auf dem Höhepunkt, die Firma gehörte zu den reichsten der Schweiz, ihre Produkte hatten Weltruf. Das Hochhaus war ein Symbol dafür.

Im Innern des Betonbaus aber waren Sparen und vornehme Zurückhaltung noch immer Tugenden. «Farbige Prospekte fand man damals marktschreierisch», sagt Fischer, die Ingenieure hätten mit Zahlen überzeugen wollen.

Bei Fotos war wichtig, dass die Schraubenschlitze scharf waren und bei Verkaufskatalogen, dass die Seitenränder nicht zu breit waren – um Papier zu sparen. Gleichzeitig investierte die Firma aber in den 70er-Jahren im Ausland im grossen Stil in den Geschäftsausbau.

Ein Leben für die Firma

38 Jahre lang blieb der Aarauer seiner Firma treu – bis zu seiner Pensionierung. Wobei: Zwischendurch wollte er doch weg. Aber nach zwei Jahren in Bern klopfte er wieder bei Sprecher & Schuh an. «Ich habe mein Leben in dieser Firma verbracht. Es war hochinteressant.»

Aber nicht immer war das Arbeiten ein Vergnügen. Doch seine Partnerin Rita habe ihn oft nicht ernst genommen, wenn er nach Hause kam und jammerte. Deshalb schrieb er ihr nach der Pensionierung einen Teil seines Lebens bei der Firma auf neun A4-Seiten auf, «um ihr nachträglich zu beweisen, wie grausam verdreht das Business-Leben sein kann».

Über die 60er- und 70er-Jahre schreibt er: «Für viele war nicht transparent, wie gross die Eintrittskosten in die internationalen Märkte sein würden. Erst später wurde klar, wie verheerend sie an der Substanz des Stammhauses zehrten.»

Der Rest ist seine ganz private Sicht auf die Firma. «Nicht zu veröffentlichen», sagt er. Er schildert, wie er um seinen Job fürchtete, mal enttäuscht, mal unterstützt und schliesslich befördert wurde.

Werben wie die Amerikaner

Im Laufe der Jahre wandelte sich sein Beruf vom Verkaufsförderer zum Werbeleiter, er nahm den Begriff «Public Relations» in sein Vokabular auf. 1980 organisierte er für Sprecher & Schuh die allererste Bilanz-Pressekonferenz.

«Das war Neuland», sagt er. Und das Neue gefiel ihm: Nach amerikanischem Vorbild wurde der Nutzen eines Produktes gezeigt und an Gefühle appelliert. Fischer ging zu Werbeagenturen in den USA in die Lehre.

Unter der neuen Leitung wandelte sich die Unternehmenskultur im Sprecherhof. Sogar die Sekretärinnen seien elegante Frauen von Welt geworden. «Die flachen Bürorutscher bekamen Absätze, aus dem dunkelblauen Rock und der prüden Bluse wurden Lederkostüme.»

Er selbst arbeitete mal im 3. Stock, mal im 7. und im 9. Er blickte mal auf die Rangierlokomotiven im Güterbahnhof, mal Richtung Kantonsspital, wo er unten auf der Strasse die Ambulanzen vorbeirasen sah.

Die Direktion war zuoberst im 11. Stock beheimatet. Schwitzen taten sie im Sommer alle. Nur ein Geschoss, wo der Grosscomputer mit der Lochkartenmaschine stand, war klimatisiert.

Im Keller arbeitete der Fotolaborant. Zwischen den Etagen zirkulierte ein Kurier. Meistens siezte man sich. «Das ‹Du› kam aus Amerika, wir empfanden es zuerst als Anbiederung.»

Sprengung ist bloss der letzte Akt

1998 wurde Fischer frühpensioniert und die Kommunikation von den Amerikanern übernommen. Er behält sein Arbeitsplatz in guter Erinnerung: «Das Hochhaus stand für eine Firma, die einst mit Fleiss und Weltoffenheit Erfolg hatte», sagt Fischer.

«Schade, dass es gesprengt wird.» Aber weh tut es ihm nicht mehr; er sagt, der Niedergang der Firma habe ja schon vor vierzig Jahren begonnen. Wenn in der Nacht auf Freitag sein langjähriger Arbeitsplatz zu Boden sinkt, ist er nicht dabei. Er weilt in den Skiferien in Davos.

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