Aarau
Zu grosse Differenzen: Junges Ärztepaar hat Doktor-Zentrum verlassen

Hausärzte im Pensionsalter und junge Ärzte gemeinsam in einer Gruppenpraxis – das ist eine grössere Herausforderung als ursprünglich angenommen. Zumindest sind zwei Ärzte nun aus dem Pionierprojekt der Argomed in Aarau ausgetreten.

Sabine Kuster
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Julia Scheumann und Marcel Buchser (l.) bauen eine eigene Praxis auf.

Julia Scheumann und Marcel Buchser (l.) bauen eine eigene Praxis auf.

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Es war ein Pionierprojekt und es tönte vielversprechend: Drei Aarauer Ärzte im Pensionsalter und ein junges Aarauer Ärztepaar eröffneten im August vor einem Jahr gemeinsam eine Gruppenpraxis beim Bahnhof. Mit diesem Modell sollen die alten Ärzte ihre Patienten nach und nach den jungen übergeben können – ein geregelter Ausstieg für die einen, ein sanfter Einstieg für die anderen.

Angeleitet wurde das «Doktor-Zentrum Behmen» von Argomed aus Lenzburg, der Betriebsgesellschaft der Schweizer Hausärzte.

Jetzt sagt Daniel Hotz von Argomed: «Rückblickend haben wir die unterschiedlichen Kulturen von jungen und älteren Ärzten unterschätzt. Wir hätten dieser Thematik mehr Beachtung schenken sollen.»

Denn bald wurde Marcel Buchser, einem der jungen Ärzte, klar, dass die Differenzen im Team zu gross sind. Er stieg nur drei Monate nach der Eröffnung wieder aus. Seine Frau blieb bis im März.

Gestaltung war nicht allen wichtig

Buchser sagt: «Unsere Vorstellungen lagen in vielen Bereichen weit auseinander.» Der 46-Jährige findet es beispielsweise wichtig, dass sich seine Patienten wohlfühlen in der Praxis. Er sagt: «Ich will einem Patienten auch mal einen Tee anbieten können, also muss das Zimmer ein Lavabo haben. Diese Investition ist kein Luxus.»

Er sehe sich als Dienstleister und wolle sich Zeit nehmen für die Patienten. Lieber drei statt sechs pro Stunde. Auch darin waren sich die Ärzte nicht einig.

«Mein Eindruck von vielen Praxen älterer Hausärzte ist: Ihnen ist das Drumherum nicht so wichtig», sagt Buchser. «Es spielt ihnen auch keine Rolle; das Wartezimmer ist ja ohnehin voll, auch wenn es ein ungemütliches ist.»

Der Hausarzt sagt zwar, sie hätten sich im Guten getrennt. Aber er ist auch enttäuscht: «Wir Jungen sind doch das Kapital. Das schätzte man nicht.»

Jetzt baut er mit seiner Partnerin an der Küttigerstrasse im ehemaligen Gebäude der Fachhochschule eine Gruppenpraxis nach seinen eigenen Vorstellungen auf – mit Holzböden und Lehmwänden und wird dort auch Hypnose-Therapie anbieten.

Kein ärztespezifisches Problem

Daniel Hotz von Argomed, der auch der kaufmännische Geschäftsführer des Doktor-Zentrums Behmen ist, betont: «Sehr viele Gruppenpraxen scheitern an der Generationen-Thematik. Und es ist auch kein ärztespezifisches Problem, es ist überall schwierig, wenn die Generationen wechseln.»

Die älteren Hausärzte haben oft dreissig Jahre als Einzelkämpfer gearbeitet und waren mit den Kollegen in der Stadt kaum mehr als über die gegenseitigen Stellvertretungen verbunden. Jetzt treffen sie auf Ärzte, die frisch von ihrer Ausbildung im Spital kommen und daher teamorientiert sind. Sie arbeiten oft zackig (nicht alle Jungen teilen Buchsers Philosophie), aber sie wollen geregelte Arbeitszeiten.

Neue Praxis in Baden

Daniel Hotz sieht es positiv: «Wir haben aus der Geschichte gelernt.» Jetzt würden sie mit den Ärzten von Anfang an in Workshops erarbeiten, was die Erwartungen sind – auf medizinischer, persönlicher und finanzieller Ebene.

Im September wird ein zweites Doktor-Zentrum in Baden eröffnet mit drei älteren und einer jüngeren Ärztin. Ein weiterer stösst im Frühling 2015 dazu. «Wir haben dort unsere Erfahrungen umgesetzt und es läuft hervorragend», sagt Hotz.

In Aarau ist inzwischen eine neue junge deutsche Ärztin angestellt, im August steigt eine Schweizer Ärztin ein, weitere – auch männliche – Ärzte sind gesucht, damit die älteren drei weiter kontinuierlich zurücktreten können. Christian Ludwig arbeitet momentan noch 70%, Heinrich Brändli 50% und Verena Hertig 20%.

Das Aufhören ist für die Hausärzte ein Problem, weil sie ihre langjährigen Patienten nicht einfach im Stich lassen wollen. Aber es ist nicht nur das. Hotz sagt: «Vielen fällt es schwer, mit 65 Jahren einfach den Schlüssel zu drehen.»

Hausärzte sind gefragte Personen, die Patienten hören ihnen zu. Nach der Pensionierung ist diese Rolle plötzlich weg. Auch deshalb wünschen sich viele Ärzte einen sanften Ausstieg.