Aarau
Was wäre Aarau ohne die Deutschen?

Der Verleger Sauerländer, der Verleger Zschokke oder der Politiker Frey – die meisten berühmten Aarauer kamen von ennet dem Rhein. Sie haben sich hier rasch und gut integriert und die Geschichte der Kantonshauptstadt wesentlich mitgeprägt.

Hermann Rauber
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Die berühmten Aarauer: Heinrich Zschokke (Mitte), Ernst Ludwig Rochholz (unten links), Heinrich Remigius Sauerländer, Ernst August Evers und Friedrich Frey (im Uhrzeigersinn). ZVG/mia

Die berühmten Aarauer: Heinrich Zschokke (Mitte), Ernst Ludwig Rochholz (unten links), Heinrich Remigius Sauerländer, Ernst August Evers und Friedrich Frey (im Uhrzeigersinn). ZVG/mia

Die Jahre zwischen 1798 und 1850 waren für Aarau die bedeutendsten und aufregendsten in historischer Zeit. Das ehemalige Berner Munizipalstädtchen schwang sich ins nationale Rampenlicht und brachte es zu einer «Geschichtswirksamkeit», die später nie mehr erreicht werden konnte. Entscheidende Impulse für diesen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aufschwung gaben eingewanderte Köpfe, namentlich aus Deutschland, die sich rasch integrierten und gemeinsam mit den ansässigen Aarauer «Regimentsfamilien» der Stadt den Stempel aufdrückten.

Die Aufnahme der Immigranten oder Flüchtlinge führte damals zu wenig Reibereien, man «hing am Seil des Liberalismus» und legte auch Wert auf konfessionelle Neutralität. Nach echter «Aufklärermentalität» war in Aarau stets jeder willkommen, «welcher durch nützlich Industrie oder durch schon erworbenes Vermögen den Verkehr hierselbst vergrössern kann», wie der «Schweizer Bote» bereits 1805 vermeldete. Recht sparsam gingen die Aarauer aber mit der Verleihung des Bürgerrechtes um, was sich erst nach 1850 besserte.

Der Verleger Sauerländer

Glück hatte Heinrich Remigius Sauerländer, der dank dem Kauf des Hauses an der Laurenzenvorstadt 61 im April 1807 das Bürgerrecht erhielt. Dieses Privileg haftete auf der Liegenschaft respektive auf dem Eigentümer, sofern er «die Fertigstellung des Gebäudes» garantierte. Sauerländer wurde 1776 in Frankfurt geboren und machte dort eine Lehre als Buchdrucker. In Basel sammelte er in der Buchhandlung Flick Erfahrungen als Verleger, ehe er über den Jura an die Aare kam und die erfolgreiche Dynastie begründete.

In Aarau fand der Verleger in der Person von Heinrich Zschokke jene geniale Feder, die seit Beginn des Jahres 1804 den «aufrichtigen und wohlerfahrenen Schweizer Boten» redigierte. Zschokke stammte mit Jahrgang 1771 aus Magdeburg, studierte in Frankfurt an der Oder, reiste durch halb Europa, erhielt 1801 das Gemeindebürgerrecht von Malans und stand als Regierungskommissar in Diensten der helvetischen Republik. Im Frühling 1802 kam er, wohl auf Veranlassung von Johann Rudolf Meyer, nach Biberstein, 1807 nach Aarau. Sauerländer und Zschokke pflegten auch private Kontakte und waren führende Häupter in der «Aarauer Partei» der Patrioten, die für einen modernen Staat kämpften.

Der Politiker Frey

Bereits 1774 kam Friedrich Frey von Lindau am Bodensee über Zurzach nach Aarau. Hier erhielt der junge Kaufmann nach vergeblichen Versuchen in Zurzach und Zofingen das Bürgerrecht. 1779 folgte ihm sein jüngerer Bruder David an die neue Wirkungsstätte. Die Aarauer erkannten rasch, welche Kräfte und Talente wirtschaftlicher und politischer Art in der Familie Frey schlummerten. Bereits 1803 wählten sie David Frey zum ersten Stadtammann neuer Ordnung, 1809 folgte ihm Friedrich Frey in diesem Amt.

Als Dritter aus der Frey-Dynastie übernahm schliesslich 1832 Daniel Frey die Führung der Stadt. Einer seiner Söhne, Friedrich Frey-Herosé, schaffte 1848 gar den Sprung in den Bundesrat.

Der Flüchtling Friedrich List

Angezogen vom liberalen Geist der Stadt und vom internationalen Zirkel im Hause Zschokke suchte der politisch verfolgte Friedrich List aus Reutlingen (der heutigen Partnerstadt) vom Herbst 1823 bis Sommer 1824 Schutz in Aarau. Der Nationalökonom und spätere Vordenker der europäischen Integration wohnte in seinem Exil im Haus an der Laurenzenvorstadt 19, wie noch heute eine Tafel an der Westseite bekundet.

Die deutschen Rektoren

Bedarf an Sukkurs aus deutschen Landen hatte auch die 1802 gegründete Kantonsschule. Als Beispiel unter vielen genüge Ernst August Evers, der das Institut von 1804 bis 1817 als Rektor leitete. Weil seine Prioritäten bei den alten Sprachen lagen, war er in Aarau, das in Sachen Lehrplan eher dem Nützlichkeitsprinzip huldigte, nicht unumstritten. So kehrte er vorzeitig in seine norddeutsche Heimat zurück, wobei ihn nicht einmal das Aarauer Ehrenbürgerrecht (verliehen 1811) von diesem Schritt abhalten konnte.

Aus Bayern eingewandert war Ernst Ludwig Rochholz, der ebenfalls als Professor an der Kantonsschule wirkte und sich darüber hinaus als Sammler einheimischer Sagen einen Namen machte. Im Unterschied zu den Sauerländer, Zschokke oder Frey gab er seine ausländische Staatsbürgerschaft bis zu seinem Tode 1892 nie auf. Ganz im Gegensatz zu Karl Reinhard Oehler, der 1820 als junger Lehrer vom deutschen Rheinland nach Aarau an die Kantonsschule kam und hier jenen Familienstamm begründete, der später vor allem unternehmerisch tätig war.

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