Punkrock
Vom Schiesskeller auf die Hamburger Planken

Aarau Nuno, Luca und Simon lassen mit ihrer Punkrock-Band«Selbstbedienung» nächsten Freitag in Hamburg ein Millionenpublikum tanzen.

Katja Schlegel
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Gitarrist Luca, Drummer Nuno und Bass-Gitarrist Simon (v.l.).

Gitarrist Luca, Drummer Nuno und Bass-Gitarrist Simon (v.l.).

Emanuel Freudiger

Simon stellte Apfelbier auf den Küchentisch, ein Geschenk für die Gastgeberin, und sagte Hallo. Dann sprachen sie über Musik und damit wars passiert. Simon und Nuno, am Abend noch Fremde, waren um Mitternacht beste Freunde mit ziemlich grossen Plänen: Eine Band wollten sie gründen, eine WG sowieso.

Das ist sieben Jahre her. Eine Band haben sie gegründet, eine WG sowieso. Eine Punkrock-Band namens «Selbstbedienung», meist laut und schroff, mal experimentell mit Bläsern oder Dudelsack, da lassen sie sich keine Grenzen setzten. Mit selbst geschriebenen Texten, oft gegen Rechts, manchmal banal und immer auf Hochdeutsch. Im Keller von Simons Elternhaus haben sie erst geübt ohne ein Instrument zu können, der Mutter hats gefallen, sie hatte selbst Punkrock gehört.

Erst waren sie zu zweit, dann zu dritt und bald darauf zu viert. Der Dritte schied irgendwann aus, weil es nicht hinhaute. Der Vierte aber blieb: Luca, Nunos Kindergartengspändli aus der Telli, der sich damals mit Pilzfrisur auf einen Stuhl stellte und «Major Tom» sang. Heute hat er zentimeterlange Dornen in der Ohrmuschel stecken.

Bandraum im alten Schiesskeller

Gäbe es kein Licht, man würde sich auf der steilen Treppe hinunter in den Bandraum das Genick brechen. Vom Keller eines Einfamilienhauses mitten im Grünen am Dorfrand von Schafisheim geht es noch einmal tiefer hinab. Ein Schiesskeller war das hier früher, bestens schallisoliert und schlauchförmig. An den Wänden hängen Poster von den «Toten Hosen», von den «Ärzten», «Rammstein», Konzertplakate und natürlich der Totenkopf von «St. Pauli», dem Hamburger Fussballclub.

Hier also toben sie an ihren Instrumenten, «schreddern» nennen sie es, singen lauthals von wilden Nächten, von Betrügern und schönen Frauen, von ihrer Hafengang und Freundschaft, von Freiheit und Demokratie. Und draussen vor dem Haus schaukeln die Pusteblumen im Wind und führen adrette Damen ihre Hunde spazieren.

Nuno, Simon und Luca, alle Aarauer, alle 24 Jahre alt, «das Ehepaar zu dritt», wie sie selber sagen. Seite an Seite sitzen sie auf dem Sofa gegenüber, trinken Bier und rauchen. Wenn sie anstossen, sagen sie nicht «Prost», sondern «Moin moin». So, wie es auch der Hamburger zu sagen pflegt. Hamburg, die heiss geliebte zweite Heimat. «Hamburg, unsre Stadt, St. Pauli, unser Viertel, Jolly Rogers, unsre Bar, da finden wir uns wieder», schmettern sie und tönen dabei so überzeugend, dass sie mit dem Stück 2010 auf der Jubiläums-CD «St. Pauli Einhundert» landeten; einer Sammlung mit 100 Fansongs des Fussballvereins.

Selbst auf das Album mit den 25 allerbesten Fan-Songs schaffte es «Selbstbedienung», das Lied wurde schon in vollen Fussballstadien gespielt. In der Schweiz und Deutschland stehen sie regelmässig auf der Bühne, die Liste mit den ganzen Vorbildern in der Punk-Szene, mit denen «Selbstbedienung» irgendwann mal spielen wollte, ist fast komplett abgehakt. Und eben haben sie ihr zweites Album «Hafengang» herausgebracht, das sie am Freitag bei ihrem Auftritt am Hamburger Hafengeburtstag – dem mit über einer Million Besucher grössten Hafenfest der Welt – ein erstes Mal taufen.

Und doch sind die Drei ganz gewöhnlich. Viel gewöhnlicher und anständiger, als es ihre ruppige Musik erwarten lässt. Sie tragen Jeans, Chucks und Shirts oder Hemd und normale Frisuren. Kein Irokesenschnitt, keine karierte Hose, keine Ketten, lauter Dinge eben, die man bei Punks erwartet. «Uns geht es um die Einstellung, nicht ums Aussehen», sagen sie. Die Einstellung, die sei links, aber nicht uneingeschränkt. «Wir sind gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie. Aber Extremes heissen wir nicht gut, mit Kommunismus beispielsweise kann ich nichts anfangen», sagt Nuno.

Von wegen Rockstar-Leben

Richtig anständig, das seien sie inzwischen. Und von wegen Rockstar-Leben: Nuno und Luca büffeln für die Erwachsenen-Matur, Simon ist Landschaftsgärtner, alle haben eine Freundin. «Hätten wir uns den Verlockungen eines Rockstar-Lebens hingegeben, stünden wir heute nicht da, wo wir stehen», sagt Simon.

Die Band, die Musik, das Liederschreiben das sei heftige Arbeit. «Früher haben drei Akkorde gereicht, um nach Punkrock zu tönen», sagt Nuno und lacht. «Diese Zeiten sind längst vorbei.» Heute üben «Selbstbedienung» an mindestens zwei Abenden pro Woche, tüfteln an neuen Liedern. Und jedes Stück ist selber komponiert, jede Textzeile selbst geschrieben. Und damit die Puste fürs nächste Konzert reicht, wird sonntags gejoggt. Denn auf der Bühne, da lassen sie die Sau raus, dass das Publikum nur so tobt, singt, tanzt. «Das ist das beste Gefühl, das man haben kann», sagt Nuno und wirkt plötzlich nachdenklich: «Das alles ist aus dem Nichts heraus entstanden – das überrascht mich immer wieder.»

CD-Taufe am 24. Mai im Flösserplatz
in Aarau, Konzert 21 Uhr.

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