Aarau
Vier Zeitgenossen sind an der Ausstellung per Video im Dialog mit Zschokke

Das Publikum stand dicht gedrängt im Forum Schlossplatz an der Vernissage zur Ausstellung «Im Dialog mit Zschokke». Historiker und Kurator Dominik Sauerländer sagte, sein Werk weise Parallelen zur heutigen Blog- und Twitter-Zeit auf.

Hermann Rauber
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Mit diesem Wanderstab kam Zschokke in die Schweiz.

Mit diesem Wanderstab kam Zschokke in die Schweiz.

Maria Schmid

Im 19. Jahrhundert war Heinrich Zschokke einer der meistgelesensten Autoren im deutschsprachigen Raum – heute ist er nur noch einem engen Personenkreis bekannt. Dies hätte Zschokke, so Thomas Pfisterer an der Vernissage im Forum Schlossplatz, «kaum gekümmert». Denn dessen umfangreiches Werk war laut dem Präsidenten der Zschokke-Gesellschaft «weder für das Büchergestell noch für die Ewigkeit bestimmt».

Er wollte vielmehr seine Zeitgenossen beeinflussen, aufklären und ihnen dank einer breiten Bildung mehr Selbstbestimmung und -verantwortung vermitteln, als Grundlage der politischen Freiheit und der Demokratie – nicht zuletzt im jungen Kanton Aargau nach 1803, in dem er ein dankbares Betätigungsfeld fand.

Die Annäherung an den Vordenker und Wegbereiter der modernen Eidgenossenschaft ist das Ziel der Ausstellung «Zschokke im Dialog» im Forum Schlossplatz in Aarau, die bis zum 30. Juni dauert.

Der Scheinwerfer richtet sich nicht auf das literarische Schaffen an sich, sondern auf Zschokkes gesellschaftlichen Einfluss als Autor und Kommunikator. «Er teilte sich der Welt mit und verbreitete seine Schriften auf dem Massenmarkt», erklärt Dominik Sauerländer, der Kurator der Ausstellung und Nachfahre von Zschokkes Verleger Heinrich Remigius Sauerländer. Zschokke war sozusagen «das Kind einer Medienrevolution», die an der Wende zum 19. Jahrhundert begann und durchaus «Parallelen zu unserer heutigen Blog- und Twitter-Zeit aufweist», wie Historiker Sauerländer an der Vernissage sagte.

Der Gang durch das Leben und Wirken Zschokkes führt durch die vier Räume des Hauses zum Schlossgarten. Die Thematik reicht von der Migration und Suche nach Heimat bis zum Politiker, vom vielgelesenen Volksaufklärer bis zum gläubigen Familienmenschen.

Präsentiert werden Objekte und Dokumente aus den Beständen des Stadtmuseums Schlössli, aus dem Staatsarchiv und der Kantonsbibliothek. Die Palette reicht von Zschokkes Wanderstab, mit dem er 1795 erstmals die Schweizergrenze überschritt, bis zum Schreibsekretär seiner Frau Nanny Zschokke-Nüsperli oder zur familieninternen Hauszeitung im Wohnhaus Blumenhalde.

Im «Dialog» mit Heinrich Zschokke stehen dank Video-Interviews vier aktuelle Persönlichkeiten, und zwar der Geschichtsprofessor Bernd Roeck, der Schriftsteller und Dramaturg Lukas Bärfuss, die Aargauer Ständerätin Christine Egerszegi und die Zürcher Pfarrerin Verena Mühlethaler.

Weil ein Gespräch mit dem 1848 verstorbenen Heinrich Zschokke nicht mehr möglich ist, sei die jetzige Ausstellung «also wohl eine Einladung an uns alle, in der publizistischen und politischen Öffentlichkeit in Dialog miteinander zu treten», führte Béatrice Ziegler, Co-Direktorin des Zentrums für Demokratie Aarau, an der Vernissage aus. Das umfangreiche Werk Zschokkes könne gerade heute noch immer «Ideenlieferant» sein für die Diskussion brennender Zeitfragen, «zum Beispiel über die Gestaltung des Bildungswesens oder über die Funktion der politischen Öffentlichkeit für den Bau einer demokratischen Gesellschaft».

Wer sich in das Lebenswerk Zschokkes vertiefe, entdecke «zeitlose Botschaften», gab der ehemalige Regierungs- und Ständerat Thomas Pfisterer dem Vernissagepublikum mit auf den Heimweg. «In Zeiten des Umbruchs, wie wir sie heute wieder erleben, genügen Rezepte ‹von oben› nicht. Weiter kommen wir, wenn nach den Ideen Zschokkes möglichst viele Mitmenschen ‹von unten› ihren Beitrag leisten».

Dass der universelle Aarauer auch eine musikalische Ader hatte, zeigt das «Aargauer Lied», das Heinrich Zschokke 1814 komponierte. Die Leiterin des Forums Schlossplatz, Nadine Schneider, überraschte als Dirigentin und Sängerin mit ihrem Chor «Kreis 3» das dicht gedrängte Vernissage-Publikum, das mangels Stühlen sein Stehvermögen ausgiebig testen konnte.

«Im Dialog mit Zschokke» unter der gemeinsamen Projektleitung von Forum Schlossplatz (Nadine Schneider) und Stadtmuseum Aarau (Kaba Rössler) ist als Wanderausstellung konzipiert und wird auch in Liestal, in Magdeburg (dem Geburtsort Zschokkes) und in Frankfurt an der Oder (Zschokkes Universitätsstadt) zu sehen sein.

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