Tonis Geschichte ist schwere Kost

Die Theatergruppe «AUJA!» der Neuen Kantonsschule Aarau feiert mit «Deadname» morgen Freitag Premiere.

Katja Schlegel
Merken
Drucken
Teilen
Das Stück ist laut und wütend, tieftraurig und verwirrend. Und es spielt an fünf Orten, unter anderem im Heizungskeller. Auch Autor Charly Ruff spielt im Stück mit.
2 Bilder
Das Stück ist laut und wütend, tieftraurig und verwirrend. Und es spielt an fünf Orten, unter anderem im Heizungskeller. Auch Autor Charly Ruff spielt im Stück mit.

Das Stück ist laut und wütend, tieftraurig und verwirrend. Und es spielt an fünf Orten, unter anderem im Heizungskeller. Auch Autor Charly Ruff spielt im Stück mit.

Bild: Chris Iseli Bild: Chris Iseli

Schlagartig verwelken sie. Sinken in sich zusammen, Leere und Entsetzen in den Gesichtern. Noch hallt es nach, das Laute von eben: «Und denn isch de Michi cho – und denn isch alles schiefgange.» Ein Ausruf, der das Ausgelassene von eben weggefegt, der den knapp 40 jungen, eben noch tanzenden Menschen alles Unbeschwerte aus ihren Körpern gesogen hat. Michi. Der Kerl, der Toni später anschreien wird, er solle sich doch nicht so anstellen, er sei doch Julia und nicht Toni. Nur einer in der Szene wirkt elektrisiert: Regisseur Beat Knaus. «Sehr gut», ruft er, «sehr gut.»

Es ist früher Morgen, der Tag noch lang. Aber das Ensemble ist fidel, die Stimmung konzentriert, aber unbeschwert. Die Texte sitzen, die Ausdrücke auch. Es bleiben wenige Stunden, morgen Freitag ist Premiere: Die Theatergruppe «AUJA!» der Neuen Kantonsschule Aarau zeigt ihr Stück «Deadname».

Es ist schwere Kost. «Deadname», toter Name, ist die Bezeichnung für den Geburtsnamen, den Transmenschen abgelegt haben. Das Stück ist die autobiografisch inspirierte Geschichte eines Menschen, der sich der Einteilung in Mann und Frau entzieht.

Autor erlebt seine Geschichte ein zweites Mal

Geschrieben hat das Stück Charly Ruff, 23 Jahre alt, ehemaliger Schüler der Neuen Kanti. Er sitzt als Autor nicht nur am Rand, er spielt auch mit. Durchlebt so ein zweites Mal, was er als genderqueerer Teenager auf dem Campus ausgehalten hat, was Klassenkameradinnen und -kameraden, was Freundinnen und Freunde von ihm durchmachen mussten. Nicht eins zu eins, vieles ist anders im Stück. Aber doch nimmt es ihn mit. «Mehr, als ich das gedacht habe», sagt er in einer Probenpause.

Doch steht eines über allem: Sein Wunsch, Themen anzusprechen, die Menschen auf dem Campus umtreiben, Vorfälle, die über Mobbing hinausgehen. Das aber ohne Schuldzuweisung. «Es geht nicht darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, jemanden anzuprangern. Ich will nur, dass die Leute hinschauen und registrieren, was passiert.» Und er will das Schweigen brechen, den Leuten die Unsicherheit nehmen und versuchen darzustellen, wie gleichgültiges und unreflektiertes Verhalten – wenn auch meist unbeabsichtigt – Mitmenschen das Leben schwermachen kann. «Es geht nicht darum, zu erklären, was genderqueer ist. Sondern darum, zu zeigen, was es mit der betreffenden Person macht, was für Ängste und Fragen sie quälen.»

Regisseur Beat Knaus hatte vor zwei Jahren die Idee, ein Stück mit Einbezug von LGBT+ (die Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender plus) und ihren Geschichten zu schreiben. Charly war während des Prozesses seines Outings in der Theatergruppe. Und so sprach Beat Knaus Charly an, ob er nicht ein Stück schreiben möchte. «Es ist eines der herausforderndsten und schwierigsten Stücke, die ich bisher gemacht habe», sagt Knaus.

Herausfordernd nicht nur des Themas wegen, sondern auch der Umsetzung: Das Stück spielt an fünf verschiedenen Orten; Ausgangs- und Schlusspunkt ist die Mensa, dazwischen wandelt das in Gruppen aufgeteilte Publikum über den Campus, erlebt Tonis Geschichte an vier verschiedenen Schauplätzen. Diese wiederum wird multiperspektivisch erzählt; die Charaktere erzählen jeweils ihre Sicht der Dinge, springen zwischen Rahmen- und Binnengeschichte. Sie beschuldigen, rechtfertigen, stellen bloss, es ist laut und wütend, tieftraurig und verletzlich, verwirrend. Wer ist dafür verantwortlich, dass am Ende einer Party ein Körper im Pool treibt? War es Eifersuchtsdrama oder Unfall, Provokation oder Partygeplänkel?

Toni ist nicht Charly, Toni ist die Essenz

Hauptfigur Toni ist nicht Charly Ruff, der Charakter ist die Essenz von Erlebtem ganz vieler Menschen. Das ist Charly Ruff wichtig. Und auch wenn er den Text geschrieben hat, so sei es doch nicht mehr nur sein Stück. «Meine Textdatei und dieses Stück sind nicht das Gleiche. Es ist zu einem Stück von uns allen geworden, von jedem Einzelnen, der hier mitmacht.»

«Deadname»

Freitag, 14. Februar (20 Uhr), Samstag, 15. (20 Uhr), Dienstag, 18. (19 Uhr), Donnerstag, 20. (19  Uhr), Freitag, 21. (20 Uhr) und Samstag, 22. (17 und 20 Uhr). Vorverkauf www.auja.ch