Preiszerfall bei Wasserkraft
Stadt Aarau hat wegen Alpiq-Beteiligung 100 Millionen verloren

Die Stadt Aarau hat wegen der Alpiq-Beteiligung der IBAarau auf dem Papier gigantisch viel Geld verloren. Was bedeutet das für die Stadt?

Urs Helbling
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«Überhaupt keine Entspannung in Sicht» – Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin kämpft mit dem ins Bodenlose gefallenen Strompreis. bruno kissling

«Überhaupt keine Entspannung in Sicht» – Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin kämpft mit dem ins Bodenlose gefallenen Strompreis. bruno kissling

Bruno Kissling

Die riesigen Umwälzungen im Geschäft mit dem Strom und die damit verbundene Entwertung der Wasserkraft gehen für die Stadt Aarau ins Geld. Stark vereinfacht kann man sagen: Seit 2009 hat sie mindestens 100 Millionen Franken – das fünffache ihres Beitrages an das geplante Fussball-Stadion – verloren. Natürlich nur auf dem Papier. Aber dort, auf dem Papier, ist das Geld weg. Und die Aussichten, es in absehbarer Zeit zurückzuerhalten, sind schlecht. Denn die Prognosen für die Alpiq-Aktien sind düster: Ein Kursfeuerwerk gilt als eher unwahrscheinlich.

Auch ein Dividenden-Problem

Das Alpiq-Problem der Stadt Aarau ist kaum bekannt, weil es praktisch nur in Fussnoten erscheint. Etwa als Eventualguthaben im Anhang der städtischen Bilanz. Oder auf Seite 37 des aktuellen Geschäftsberichts der IBAarau AG. Dort steht: «Auf rund 96 Prozent der Alpiq-Aktien hat sich die IBAarau verpflichtet, die Hälfte eines realisierten Buchgewinnes der Einwohnergemeinde Aarau abzutreten.» Oder im städtischen Budget: Der Stadtrat befürchtet, dass die IBAarau der Stadt nächstes Jahr 1,7 Millionen Franken weniger Dividenden überweisen kann – unter anderem, weil die IBAarau von der Alpiq seit diesem Jahr keine Dividende mehr erhält.

Elf Milliarden in Luft aufgelöst

Die Ausgangslage: Die IBAarau ist mit zwei Prozent am Aktienkapital der Alpiq beteiligt. Die Alpiq entstand Anfang 2009 aus der Fusion der Atel (Olten) und der Westschweizer EOS. Am ersten Handelstag (2. Februar 2009) kostete eine Alpiq-Aktie Fr. 485.25. Ein Wert, der danach nie mehr erreicht wurde. Gestern lag der Kurs bei 90 Franken.

Wie dramatisch die Entwicklung ist, zeigt ein anderer Vergleich: Anfang 2009 hatte die Alpiq einen Wert von 13,5 Milliarden Franken. Gestern waren es nur noch 2,5 Milliarden Franken.

Was bedeutet das für die Stadt? Sie ist zu fast 100 Prozent Besitzerin der IBAarau (2011 hatte sich diese mit einigen wenigen Prozent dem Publikum geöffnet). Die IBAarau wiederum nennt rund 550 000 Alpiq-Aktien ihr Eigen.

Die «Aarauer» Alpiq-Aktien hatten Anfang 2009 einen Wert von etwa 260 Millionen Franken. Gestern waren es noch knapp 50 Millionen Franken. Also haben sich etwa 210 Millionen Franken – immer auf dem Papier – in Luft aufgelöst.

Gestern nur noch 10 Mio. Franken

Die IBAarau hat die Alpiq-Aktien zu Anschaffungswerten (um 30 Mio. Franken) in den Büchern.

Nehmen wir an, sie hätte ihre Beteiligung im allerbesten Moment verkauft, hätte sie etwa 260 Millionen Franken bekommen. Und die Einwohnergemeinde Aarau hätte (gemäss der heutigen 96-Prozent-Regel) gut 100 von diesen 260 Millionen Franken kassiert (indirekt hätte die Stadt als IBAarau-Hauptaktionärin auch von den anderen 100 Millionen profitiert).

Hätte die IBAarau die Beteiligung gestern abgestossen, wären für die Einwohnergemeinde nur rund 10 Millionen Franken abgefallen – also zehn Mal weniger.

Ebner hat auch dieses Problem

Was können die Stadt und die IBAar-
au jetzt tun? Am besten wohl darauf spekulieren, dass sich der Aktienkurs der Alpiq wieder etwas erholt. Sie wären dabei in guter Gesellschaft: Auch der umstrittene Grossinvestor Martin Ebner hofft auch eine Erholung des Schweizer Stromriesen. Er hat Alpiq-Papiere.

Warum ist die heute von Jasmin Staiblin geführte und von Jens Alder präsidierte Alpiq derart in die Brüche geraten? Ihr Hauptproblem ist der europäische Strompreiszerfall (primär eine Folge der Subventionierung von Solar- und Windenergie in Deutschland). Am letzten Freitag publizierte die Alpiq ihr Halbjahres-Ergebnis. Der Konzernverlust sank gegenüber der Vorjahresperiode von 886 auf 2 Millionen Franken. Die Alpiq profitiert nach wie vor davon, dass sie ihren Strom auf Termin verkauft hat. Sie bekommt darum mehr, als die Energie auf dem freien Markt im Moment Wert hat.

Jasmin Staiblin betonte am Freitag, auf dem Strommarkt sei «überhaupt keine Entspannung in Sicht». Alpiq hat das Problem, dass sie die Kosten ihrer zu teuren Produktion nur schlecht überwälzen kann. Sie hat, anders als beispielsweise die BKW oder die IBAar-
au, keine Endkunden.

Dafür ist sie hoch verschuldet. Daran ändert das vergleichsweise gute erste Halbjahr 2016 wenig. «Von einer finanziellen Genesung Alpiqs zu sprechen, wäre verfrüht», schrieb die «NZZ». Bis spätestens im März 2017 will die Alpiq 49 Prozent ihrer inländischen Wasserkraft (Stauseen) an Investoren verkaufen. Mindestens bis das gelungen ist, bleiben die Aussichten für die Aktionäre düster.

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