Ein Schmunzeln kann sich Dieter Wicki nicht verkneifen, als man ihn auf die Geschichte anspricht. Denn der CVP-Grossratskandidat hatte via Facebook öffentlich gemacht, dass SVP-Regierungsrat Alex Hürzeler bildungspolitisch das Heu nicht auf der gleichen Bühne hat wie Parteifreundin Franziska Roth – und sie an einer Veranstaltung dafür «abwatschte», wie Wicki schrieb.

Es ist aber nicht seine Rolle in diesem SVP-internen Scharmützel, das Wicki von andern Kandidaten unterscheidet, sondern sein beruflicher Hintergrund: Es gibt kaum andere Grossratsanwärter, die sich in sicherheitspolitischen Fragen besser auskennen.

«Es hätte sein können, dass ich den Termin kurzfristig verschieben muss», sagt Dieter Wicki, kaum hat man sich in der «Tuchlaube» die Hand geschüttelt und Latte Macchiato bestellt. Wenn sein Chef eine Sitzung einberufe, stehe das an oberster Stelle. Es handelt sich schliesslich um Bundesrat Guy Parmelin, Vorsteher des Departements Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS. Wicki, ehemaliger Präsident der aargauischen Offiziersgesellschaft, arbeitet dort als sicherheitspolitischer Berater.

Einsatz im Krieg: Ein Kamerateam der «Rundschau» besuchte Dieter Wicki, damals Chefplaner der Untso, 2006 im Südlibanon.

Einsatz im Krieg: Ein Kamerateam der «Rundschau» besuchte Dieter Wicki, damals Chefplaner der Untso, 2006 im Südlibanon.

Ausgestrahlt wurde der Beitrag in der Sendung vom 16.8.2006.

Die Weiterentwicklung der Armee, der Sicherheitsverbund Schweiz und das Dienstpflichtsystem sind seine Hauptthemen. «Wir haben mit einer Studiengruppe das bestehende Dienstpflichtsystem mit Armee, Zivildienst sowie Zivilschutz analysiert und Strategien erarbeitet, wie dieses System in Zukunft aussehen könnte.» Dazu gehört auch die mögliche Wehrpflicht für Frauen, die Wicki befürworten würde – nicht aus Prinzip, sondern weil sich weitere Ressourcen auftäten.

Krieg hautnah miterlebt

Wicki, Jahrgang 1967, wuchs in Althäusern im Freiamt auf. In seinem Dialekt ist das nicht mehr erkennbar, was nicht nur daran liegt, dass er unglaublich schnell spricht, sondern auch daran, dass er zum Studieren nach Zürich und Berlin ging: Allgemeine Geschichte, Betriebswirtschaft, Militärgeschichte. Nach dem Doktorat zog es ihn 2004 zu einem militärischen Friedensförderungseinsatz in den Nahen Osten. «8000 Jahre Siedlungsgeschichte», schwärmt er, «ein Eldorado für einen Historiker».

Ein halbes Jahr war er im Südlibanon, überwachte als UNO-Militärbeobachter mit dem Feldstecher die Waffenstillstandslinie von 1949. Nach einem weiteren halben Jahr in der UNO-Mission UNTSO kehrte er in die Schweiz zurück, arbeitete beim Center of Security Studies der ETH. Bis man ihn wieder nach Jerusalem entsandte, dieses Mal als Planungschef. Seine Frau durfte mit. Am 10. Juli 2006 kam das Ehepaar in Jerusalem an.

Zwei Tage später entführte die Hisbollah zwei israelische Soldaten – und Krieg brach aus. Völlig unerwartet. «Eine unglaublich schwierige Situation. Man wusste, dass die Hisbollah über Raketen verfügen, die es bis nach Jerusalem schaffen würden.» Das Ehepaar blieb. Selbst als vier Mitglieder von Wickis Mission durch eine israelische Fliegerbombe starben. «Am 25. Juli 2006», sagt Wicki.

Am selben Datum zehn Jahre später hat er vier Kerzen angezündet. «Wenn Sie das miterlebt haben, das Rauschen nach dem plötzlich abgerissenen Funkkontakt, dann vergessen Sie solche Daten nie mehr.» Der Krieg dauerte 34 Tage, forderte gut 1500 Tote, unzählige Verletzte und Geflüchtete. Teile des Libanons und Israels lagen in Schutt und Asche. Den Rest seiner einjährigen Friedensmission war Wicki damit beschäftigt, das UNO-Dispositiv an die neue Situation anzupassen.

«Recht und Gesetz gelten für alle»

Von Jerusalem gings direkt nach Aarau. Zuerst in die Altstadt. Mittlerweile lebt Wicki im Gönhardquartier; mit seiner Gattin und dem Büsi «Frau Meier» («Eine Trottoirmischung aus dem Tierheim»). 2013 verpasste er die Wahl in den Einwohnerrat. Und nun versucht er es mit dem Grossen Rat. Ohne eigene Website und Überpräsenz auf Plakaten. Selbst auf Facebook weibelt Wicki mehr für Regierungsratskandidat Markus Dieth als für sich selber. «Stimmt, ich führe keinen schrillen Wahlkampf», sagt er.

Auf der politischen Landkarte findet man ihn fast tupfgenau in der Mitte. Er ist gegen «kantonale Sonderzügli in der Bildung» und will sich für die Berufslehre einsetzen, «denn die Diskussion geht zu rasch in Richtung Maturitätsquote und Kanti». Er stimmt für das neue Nachrichtendienstgesetz, setzt sich für Solidarität und Minderheiten ein – aber auch für Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit. «Bei der Anzahl Polizisten darf nicht gespart werden. Sicherheit muss man integral anschauen – auch raumplanerisch, damit sich die Leute nachts auf der Strasse sicher fühlen.»

Und was sagt Wicki zu den jüngsten Zwischenfällen mit Asylbewerbern im Aargau – Beissattacken, Prügeleien, sexuelle Belästigung? «Recht und Gesetz gelten auch für Leute, die frisch hier angekommen sind. Man muss sie eng betreuen und frühzeitig über unsere Spielregeln aufklären.» Für die Aufklärungs- und Integrationsarbeit will Wicki aber auch die Bevölkerung in Pflicht nehmen: «Es braucht interkulturelle Kompetenz von beiden Seiten. Es schadet nichts, zu wissen, wann das islamische Opferfest stattfindet und weshalb das für diese Kultur so wichtig ist wie für uns Weihnachten. Das heisst nicht, dass wir unsere christlich-abendländische Kultur aufgeben müssen.»

AZ Vimentis Wahlhilfe 2016