Aarau
Romantischter Heiratsantrag: «Ich habe ihm gefühlte zwanzig Mal gesagt, dass er spinne. Das war mein Ja»

Der Fähnrich ging vor der Klarinette in die Knie. Was im Rahmen eines Anlasses der Stadtmusik Aarau passierte.

Katja Schlegel
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Romantischer Antrag: Patrick Keller, Fähnrich der Stadtmusik, mit seiner Freundin Ruth Scheurer, Klarinettistin. Sandra Ardizzone

Romantischer Antrag: Patrick Keller, Fähnrich der Stadtmusik, mit seiner Freundin Ruth Scheurer, Klarinettistin. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Diese Geschichte lässt nicht nur Mädchenherzen schmelzen, ob so geballter Romantik zerfliesst auch der Bärbeissigste. Es war in der Nacht nach der Eröffnungsvorstellung des Zirkusfestivals Cirqu’6 in der Alten Reithalle in Aarau, eine süffigwarme Nacht, eine Nacht, die viel zu schade zum Schlafen ist.

Im Hinterhof der Alten Reithalle herrscht ausgelassene Stimmung, die Musikanten der französischen Zirkus-Band Circa Tsuica und der Stadtmusik haben noch einmal ihre Instrumente hervorgeholt, improvisieren und schwofen. Und da, unter mottenumschwirrten Lämpchengirlanden, berauscht von dieser magischen Zirkusstimmung und trunken von Emotionen, sinkt einer auf die Knie. Ein Hochzeitsantrag, von dem inzwischen die ganze Stadt schwatzt.

Am anderen Ende der Welt

Die Geschichte von Ruth Scheurer und Patrik Keller, beide 45, beginnt vor neuneinhalb Jahren am anderen Ende der Welt, bei Minustemperaturen. Der HCD spielt in St. Petersburg an einem Turnier, das lässt sich Davos-Fan Patrik aus dem Zürcher Oberland nicht entgehen. Und da, zwischen all den Russinnen, findet Patrik die Aarauerin Ruth. Sie, die eigentlich nur einem Bekannten zuliebe nach Russland gereist ist, der sie erst noch im letzten Moment versetzt hat.

«Eigentlich wollten wir nie heiraten», sagt Ruth Scheurer nach dem Antrag. «Es war uns einfach nicht wichtig.» Aber dann wurde Patrik Anfang Jahr krank. «Diese Belastung hat uns zusammengeschweisst», sagt Ruth Scheurer. Doch selbst da wurde eine Hochzeit kein Thema. Bis vor eineinhalb Wochen, als Patrik seinen Freundschaftsring, den die beiden seit ein paar Jahren tragen, verlor. «Wir beschlossen, uns zum 10-Jahr-Jubiläum neue Ringe zu kaufen», sagt Ruth Scheurer.

Und dann kommt ebendieser Freitag, der Festival-Eröffnungstag. Ein stressiger Tag. Ruth Scheurer eilt über Mittag kurz heim und hört auf dem Anrufbeantworter, dass die Freundschaftsringe beim Goldschmied abholbereit seien. «Ich habe Pädu angerufen und ihn gesagt, er solle die Ringe doch nach Feierabend rasch abholen.» Da habe er schon komisch reagiert, von wegen, die Überraschung sei dahin. «Ich habe noch gescherzt, ob er mir denn habe einen Antrag machen wollen», sagt Ruth Scheurer und lacht. Sein Herumdrucksen hätte sie kurz etwas ahnen lassen. Aber nie hätte sie gedacht, dass er wirklich Ernst machen würde.

Sternstunde für Rosenverkäufer

Am Abend hat sie die Ringe vergessen. Und als sie da so im schummrigen Licht steht, mit der Klarinette in den Händen und einfach nur glücklich ob diesem magischen Moment mit ihren Musikerkollegen, erschrickt sie, als Patrik sie nach vorne zieht, vor ihr auf die Knie geht und um ihre Hand anhält. «Ich habe ihm gefühlte zwanzig Mal gesagt, dass er spinne. Das war mein Ja», sagt sie und lacht schallend.

Was danach um sie beide herum passiert, bekommen die beiden nicht mit. Wie ihre Kollegen von der Stadtmusik johlen und sich freuen und mit ihnen all die noch anwesenden Vorstellungsbesucher, wie die Musiker «Im Aargau sind zwöi Liebi» und «Ti amo» anstimmen, wie der Rosenverkäufer, der zufällig auf das Gelände tappt, das Geschäft seines Lebens macht, weil eine wildfremde Frau für Ruth den gesamten Strauss Rosen kauft, all das bekommen sie nicht mit. Ruth und Patrik tanzen einfach nur. Und mit ihnen der ganze Platz.

Geheiratet wird nächstes Jahr. Am allerliebsten mitsamt all den Musikern, die diesen Abend so unvergesslich haben werden lassen. Noch immer ist Ruth Scheurer aus dem Häuschen, noch immer etwas überrumpelt. Aber sie ist glücklich. Überglücklich. «Der Antrag hätte nicht schöner sein können.»