Gedanken zu Corona
Respekt, Daniel Humm!

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Ein Jahr ist es nun her, dass sich die Bedeutung für den Begriff «Corona» von einem mittelmässigen Bier zu einem uns mit Schrecken beherrschenden Virus verwandelte. Man kann das Thema dieser Pandemie von vielen Seiten beleuchten.

Eine der spannendsten «Feldstudien» ist für mich die Demaskierung vieler Menschen in der Krisenzeit: Ich war überrascht, wie viele bis dato rational und intelligent erscheinende Zeitgenossen plötzlich irgendwelchen Verschwörungstheorien nachhingen.

Weniger überrascht hat mich, dass es tatsächlich unzählige gnadenlos egoistische Dubbel gibt. Die Hamsterkäufe sind nur eine dazu passende Anekdote, über die man lachen könnte, wenn es nicht so traurig wäre.

Ich könnte unzählige weitere Beispiele aufzählen und bin fest davon überzeugt, dass die Apokalypse und das gegenseitige Morden nur drei Tage fehlendes WC Papier entfernt sind.

Es ist mir zudem aufgefallen, dass die Graustufen nur noch zur Beschreibung der Wetterlage dienen und nicht mehr Gegenstand der Debatte sind. Die einen halten Corona für eine harmlose Grippe, die andere für die moderne Pest. Man ist Impfgegner oder -befürworter. Es geht um die Wirtschaft oder Menschenleben – nichts mehr dazwischen.

Politiker werden zu «Männern des Jahres» gekürt oder verteufelt. Man beschwert sich, dass alle Länder auf Druck der Nachbarländer in den Lockdown gehen. Machen die Schweiz oder einzelne Kantone es dann mal anders, heisst es schnell «Coronablindflug» oder «Trödelkanton».

Lasst uns doch mal ehrlich sein! Wer will in dieser Zeit Politiker sein und Entscheidungen dieser Tragweite treffen? Man hat doch gar keine Chance – kann nur falsch liegen, egal wie man es macht. Wird hart durchgegriffen, ist man der Wirtschaftstod – macht man das Gegenteil, muss man die vielen Menschenleben auf sein Gewissen nehmen.

Mir sind aber in dieser charakterentlarvenden Zeit auch einige Menschen aufgefallen, die mich positiv überrascht haben und die meine Bewunderung verdient haben. Einer von ihnen ist der Aargauer Daniel Humm. Mit 14 von der Schule geflogen und dann bald in die Welt hinaus. Als Koch hat er es zur absoluten Weltspitze gebracht, 2017 wurde er gar zum weltbesten Koch gewählt. Ich selber durfte schon in seinem Restaurant Eleven Madison Park in New York speisen. Er besass vor Corona mehrere Restaurants und hatte mehrere hundert Angestellte.

Der 16. März 2020 war einer dieser prägenden Tage, als sowohl hier wie auch über dem grossen Teich der Lockdown verkündet wurde. Und als einem als Unternehmer bewusst wurde, welches Risiko man trägt, wenn plötzlich den zahlreichen Ausgaben keinerlei Einnahmen gegenüberstehen. Ich musste mich anstrengen, vor meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht in Tränen auszubrechen, als ich vor ihnen stand und die Schliessung des Betriebes verkünden musste. Dazumal wusste niemand, ob und wann wir unseren Betrieb wieder aufnehmen können, ob es Kurzarbeitergeld gibt, wie das Ganze weitergeht und wo es hinführen wird. Schlaflose Nächte lagen vor mir.

Besagter Daniel Humm musste ebenfalls in genau dieser Zeit seinen Restaurantbetrieb schliessen. Allerdings mit einem ganz wesentlichen Unterschied zu mir. Er ist in New York domiziliert und dort gibt es kein Kurzarbeitsgeld oder Ähnliches. Er musste über Nacht alle Mitarbeiter entlassen, viele, mit denen er über Jahre erfolgreich etwas aufgebaut hatte. Und im Gegensatz zu uns sind die Betriebe des Daniel Humm – wie auch die Schweizer Gastronomie – noch immer geschlossen. Mehrfach stand er vor der Insolvenz, musste privaten Besitz veräussern, um nicht auch die Räumlichkeiten seines Betriebes zu verlieren.

Nun mag Daniel Humm in einer privilegierten Position sein, und ich streite nicht ab, dass es vergleichbare oder gar schlimmere Schicksale hier bei uns gibt. Aber was ich an Daniel Humm bewundert habe, ist, dass er mit seinem Schicksal offenbar nicht lange haderte. Nein, er hat bereits im März die Initiative «Rethink Food» gestartet und gemeinsam mit anderen Restaurants Hunderttausende Mahlzeiten gekocht und an Bedürftige in New York verteilt, wo die Coronakrise kombiniert mit fehlenden Sozialsystemen unzählige Heimat- und Mittellose produziert hat.

In einem Interview sagte er zu seiner Situation: «Es ist ein harter Bruch, aber auch ein Riesengeschenk: Ich habe auf einem Höhepunkt nochmals die Chance, neu anzufangen. Diese Möglichkeit kriegt man in meinem Alter und mit einer solchen Geschichte sonst praktisch nie…ja. Ich bekomme eine weisse Leinwand geschenkt, auf der ich neu beginnen kann.»

Ich finde es zutiefst bewundernswert, nach dem Verlust seiner äusserst erfolgreichen und stets mit Passion betriebenen Existenz, eine derartige Haltung zu entwickeln. Ich weiss nicht, ob ich das so gekonnt hätte? Respekt, Daniel Humm!