Kolumne
Recht auf alles

Martina Suter*
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Martina Suter geht der Frage nach, wie viel Strukturschutz Aarau braucht. (Archiv)

Martina Suter geht der Frage nach, wie viel Strukturschutz Aarau braucht. (Archiv)

Luis Hartl

Ballenberg oder Neuzeit? «Ein Museum voller Leben» heisst der Slogan des beliebten Freilichtmuseums in der Region Brienz. Seit fünfzig Jahren wird den Besuchenden Einblick in die Geschichte der ländlichen Architektur, Gesellschaft und Kultur gewährt. Es wird gezeigt, wie die Bevölkerung der Schweiz früher gebaut, gewohnt, gelebt, gearbeitet und ihr Brauchtum gepflegt hat. Im Bereich Bauten können Sie sich bei einem Besuch von Häusern mit Jahrhunderte alten Wurzeln begeistern lassen. Dabei wird einem bewusst, dass sich die Wohnwelten in der Zwischenzeit enorm verändert haben.

In Aarau beschäftigen wir uns zurzeit intensiv mit Bauen und Wohnen. Die revidierte Bau- und Nutzungsordnung liegt auf dem Tisch. Mit diesem umfassenden Regelwerk wird die künftige Entwicklung von Aarau gesteuert werden. Das Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation wird sichtbar. Wo und wie intensiv darf oder muss ein Quartier wachsen? Wie viel Bausubstanz soll wo erhalten bleiben? Wie können die heutigen Anforderungen an den Wohnkomfort mittels Paragrafen erfüllt werden? Auf welche neuen Technologien soll man setzen, freiwillig oder mit hoheitlichem Zwang?

Sie und ich sind entweder Aarauer Mieter oder Hauseigentümer. Und damit ist jede und jeder betroffen von den städtischen Vorgaben. Die Altstadt beispielsweise wird neu in zwei gemischte Zonen unterteilt, eine mit mässig störender und eine mit nicht störender Betriebsnutzung – ein Resultat des jahrelangen Vermittlungsprozesses mit den Anwohnern und Gewerbetreibenden. Selbstverständlich sollen die schön bemalten Giebel und Teile der alten Stadtmauer erhalten bleiben. Die Altstadthäuser dürfen in der Erscheinung nicht verändert werden. Dieser Kern soll Aaraus Ballenberg bleiben.

Die Interessenlage in diesem Stadtteil könnte unterschiedlicher nicht sein. Viele Mieter wünschen sich möglichst wenig Lärm, Altstadtbesuchende suchen lebendiges Treiben. Ein Hauseigentümer will seine Baute nach eigenem Gutdünken gestalten, der Denkmalpfleger besteht darauf, dass alles Alte erhalten bleibt. Die Energievorschriften geben hohe Anforderungsziele vor, die traditionellen Bauten werden diesen nur mit aufwendigen Umrüstungen gerecht oder lassen es gar nicht erst zu. Solarzellen aufs Dach – ja gern, aber nicht in der Altstadt.

In den Gartenstadtquartieren tönt es ähnlich. Verdichten – ja, aber nicht bei uns. Ein zusätzliches Geschoss mit zusätzlicher Wohneinheit? Nein danke! Das erwartete Bevölkerungswachstum soll von anderen Quartieren absorbiert werden müssen. Alles soll hier möglichst für immer so bleiben, wie es ist. Bäume und Sträucher sind zu erhalten oder wiederherzustellen. Nebst Grenzabständen und Ausnützung wird dem Besitzer neu auch der maximale Fussabdruck des Gebäudes und eine grosse Grünfläche verbindlich vorgegeben. Die von der Verfassung gewährte Eigentumsfreiheit wird stark beschnitten, das öffentliche Interesse wird höher gewichtet. Veränderungen sind kaum mehr möglich. Wollen wir wirklich eine Versteinerung des Bestehenden?

Wie viel Strukturschutz braucht die Stadt? Mehr Rechte sind willkommen, neue Einschränkungen und Pflichten will niemand, Eigeninteressen haben erste Priorität. Wer verzichtet schon gerne auf Privilegien? Anrechte aller Art weiten sich aus. Immer mehr Personen und Interessengemeinschaften beanspruchen immer mehr Rechte in immer mehr Bereichen. Gleichzeitig verlieren aber auch immer mehr Bürgerinnen und Bürger Vorrechte. Die Fachpersonen der städtischen Verwaltung haben mit der Revision dieses Regelwerks eine Herkulesaufgabe zu bewältigen. «Recht auf alles verdirbt das Recht», habe ich kürzlich in einer Zeitschrift gelesen. Wie wahr!

*Martina Suter (53) ist Unternehmerin, FDP-Einwohnerrätin und -Fraktionspräsidentin

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