Aarau
Quartiere werden von Lernfahrern "überschwemmt" – Anwohner drohen Fahrlehrern mit Klagen

Wegen der Teilfahrverbote in Zelgli, Gönhard und Goldern steuern Lernfahrer andere Aarauer Quartiere im Minutentakt an.

Katja Schlegel
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Wegen Fahrverboten kommt es in einigen Quartieren zu einem massierten Auftreten von Fahrschülern.

Wegen Fahrverboten kommt es in einigen Quartieren zu einem massierten Auftreten von Fahrschülern.

Keystone

Lernfahrer in Aaraus Quartieren sind keine Seltenheit. Seitwärtsparkieren, Rechtsvortritt, Ausweichmanöver an engen Stellen, das will alles erlebt und gelernt sein. Doch schienen die Autos mit dem blauen L auf dem Heck in den letzten Wochen – vorab im Scheibenschachen und in der Telli – so zahlreich wie nie.

Der Eindruck täuscht nicht: Die Lernfahrer haben Nachholbedarf, in allen Kategorien. Denn der Lockdown im Frühling galt auch für sie: Zwischen dem 18. März und 11. Mai konnten weder theoretische noch praktische Fahrprüfungen abgelegt werden.

«Der Nachholbedarf war gewaltig», sagt Rudolf Schneider, Geschäftsführer der Cityfahrschule GmbH, mit knapp 60 Jahren eine der ältesten Fahrschulen auf Platz Aarau. Bis Ende November hätten er und sein vierköpfiges Team Überstunden im Akkord geleistet, um den Riesenansturm auf Lernfahrten, Nothelferkurs und Verkehrsunterricht abzuarbeiten.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Zunahme von Lernfahrten in den Quartieren Scheibenschachen und im Telli sind weder durch Corona verursacht, noch durch eine Zunahme von Fahrschulen oder Fahrschülern: Sie ist in erster Linie die Folge der Teilfahrverbote in den Quartieren Zelgli, Goldern und Gönhard. Für Aarauer Fahrschulen ein Problem: «Uns bleiben auf Stadtgebiet und in den umliegenden Gemeinden immer weniger Möglichkeiten, um das adäquate Fahren und Verhalten im Quartier zu üben», sagt Rudolf Schneider.

Lernfahrten konzentrieren sich auf wenige Quartiere

Die Folge: An gewissen Strassen tauchen Lernfahrer im Minutentakt auf. Das wiederum ärgert gewisse Anwohner dermassen, dass sie die Fahrlehrer massiv beschimpfen. «Gewisse drohen sogar mit Klagen», sagt Schneider. Was die Anwohner stört, kann Schneider nicht nachvollziehen. Fahrschulen halten sich an die Regeln, belegen Parkplätze höchstens für Minuten.

«Und vor allem: Wir tun nichts anderes, als den staatlich verordneten Auftrag zu erfüllen. Wir bilden die Lernfahrer zu verantwortungsvollen und rücksichtsvollen Lenkern aus», sagt Schneider. Dass sich diese Lernfahrten auf wenige Quartiere konzentrieren, sei die Konsequenz der kommunalen Verkehrspolitik. «Dafür können wir Fahrlehrer nichts. Wir wissen bald nicht mehr, wo wir noch üben sollen.»

Und die Probleme werden nicht weniger werden. Denn auch für den Aarauer Scheibenschachen ist ein Teilfahrverbot angedacht, genauso für Buchs Süd, auch in Suhr wird laut darüber nachgedacht. Für die Fahrschulen heisst das: Sie müssen auf Dörfer im weiteren Umkreis ausweichen. Das kostet Zeit, führt zu noch mehr Verkehr und ist ökologisch fragwürdig. Und für die Fahrschüler heisst das: Sie müssen Doppellektionen buchen, 45 Minuten für eine Lektion reichen nicht mehr aus, um über eine der – wegen der Teilfahrverbote – verstopften Aarauer Ausfallstrassen in ein Nachbardorf und zurückzugelangen.

All das betrifft in erster Linie die Auto-Fahrstunden. Noch enger ist es in der Region für die Motorradfahrer: Sie müssen als Vorbereitung mitunter auf einer 80er-Strecke Schlangenlinien fahren. Im Raum Aarau gebe es genau eine Strasse, die sich dafür eigne, sagt Schneider. «Ich habe schon gegen 100 Firmen angeschrieben, ob wir ihre Parkplätze für solche Übungen nützen dürfen – ohne Erfolg.»