Aarau
«Ökologischer Wert eines Stadtbaums endet nicht am Gartenzaun»: Petition fordert sofortigen Schutz

Die Stadt Aarau plant, markante private Bäume zu definieren. Diese Ankündigung sei eine Gefahr, befürchten die Petitionäre.

Katja Schlegel
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Jahrhundertealte Bäume wie diese Eiche seien keine Privatsache, selbst wenn sie in einem Privatgarten stehen, so die Petitionäre.

Jahrhundertealte Bäume wie diese Eiche seien keine Privatsache, selbst wenn sie in einem Privatgarten stehen, so die Petitionäre.

zvg

Jahrhundertealte Bäume. Sie spenden Schatten und kühlen, binden CO2 und produzieren Sauerstoff, bieten Hunderten Tierarten Lebensraum. Sie überdauern Generationen, prägen ein Quartier – aber sie verlieren eben auch Laub, verdunkeln Räume, werfen Böden auf und brauchen Platz. Konfliktpotenzial spriesst an jeder Ecke, erst recht in der Gartenstadt Aarau.

Das aktuellste Beispiel: eine Eiche im Gönhardquartier, mutmasslich 200 Jahre alt. Die Eigentümer ziehen die Fällung in Betracht, um einen Schlussstrich unter ein jahrelanges Ringen mit einer Nachbar-Partei zu ziehen. Diese stört sich an Laub und Dreck, die der stolze Baum Jahr für Jahr abwirft (und durch die Eigentümerschaft entfernt wird).

Dass der Baum gefällt werden soll, ist noch nicht beschlossen; das wiederholte Auftauchen eines privaten Forstbetriebs lässt diesen Schluss aber zu. Und es ist wiederum Auslöser einer jetzt auf petitio.ch lancierten Petition mit dem Titel «Wertvolle Privatbäume schützen – jetzt!». In der Petition geht es aber nicht um den Einzelfall der Gönhard-Eiche, sondern um das grundsätzliche Problem, das im Herbst eine zusätzliche Verschärfung erfahren hat.

Angekündigter Schutz gefährdet Bäume erst recht

Die Stadt, die den Stellenwert solch prägender Stadtbäume auf öffentlichem Grund bereits heute hoch gewichtet, will noch weiter gehen: Im Biodiversitätskonzept (im Herbst vom Stadtrat verabschiedet) wird aufgeführt, dass Stadtbäume künftig auch auf Privatgrundstücken zu schützen seien. «Auch Privatbäume tragen zur Lebensqualität einer Stadt bei. Aber ohne Schutzbestimmungen sind sie schutzlos», so der Wortlaut im Biodiversitätskonzept. Dazu stellt die Stadt – mit höchster Priorität – mitunter folgende Massnahme: «Baumschutz grundeigentümerverbindlich sicherstellen oder Bewilligungspflicht für Baumfällungen.» Dazu sollen die betroffenen Bäume in einem «Bauminventar» erfasst werden.

Eine Absicht, die voll und ganz im Interesse der Petitionäre steht. «Aber auch eine, die die betroffenen Bäume nun paradoxerweise ganz akut gefährdet», sagt Mit-Petitionär Samuel Peter. Bis die Massnahmen in Kraft treten, seien die privaten Stadtbäume schutzlos. «Der in Aussicht gestellte Schutz könnte dazu führen, dass Eigentümer ihre alten Bäume noch rasch fällen.»

«Keine Privatsache, genauso wenig wie Lärm»

Was in Privatgärten passiert, ist grundsätzlich Privatsache; diese Ansicht teilt Samuel Peter. «Aber ein so grosser Baum ist keine Privatsache, genauso wenig wie Lärm. Der ökologische Wert eines Stadtbaums endet nicht am Gartenzaun, er betrifft ein ganzes Quartier, über mehrere Generationen hinweg.» Und weil der Wert eines so stolzen Baumes selbst durch eine Neupflanzung nicht gleichwertig ersetzbar sei, überwiege das öffentliche Interesse bei seinem Verschwinden höher als das private.

Die Petitionäre verstehen aber auch die Angst der betroffenen Besitzer vor den Folgen einer Unterschutzstellung; vor Wertminderung und Unterhaltskosten. Darauf zielt denn auch die Petition ab: «Die Angst vor zu grosser Einflussnahme der Stadt in private Angelegenheiten soll möglichst schnell genommen oder gemindert werden», so der Petitionstext. Dazu müsse nicht nur klar dargestellt werden, welche Bäume den Anspruch auf Schutz haben, es müsse auch seitens Stadt Unterstützung – ob nun finanzieller oder beratender Art – signalisiert werden. «Wie bei denkmalgeschützten Bauten auch», sagt Peter. «Wo ein öffentliches Interesse an der Erhaltung besteht, muss auch öffentliche Hilfe möglich sein.»

Ausserdem erhoffen sich die Petitionäre vom Stadtrat eine Übergangsbestimmung, um schützenswerte Bäume bereits jetzt beispielsweise mittels Meldepflicht vor einer übereilten und vorsorglichen Fällung zu bewahren. «Es kann nicht sein, dass jahrhundertealte Bäume nun wegen dieses ‹Schwebezustands› den Kürzeren ziehen.»

Die Unterschriftensammlung auf www.petitio.ch läuft noch bis zum 10. Februar.