Frauen in der Politik
Nur gerade 12 von über 50 Gemeinden in der Region haben eine Frau als Ammann – Woran liegt das?

«Ich wurde als Frau weniger ernst genommen als mein Vorgänger»: sagt Monica Schenker, Gemeindepräsidentin von Erlinsbach. Sie musste lernen «Nein» zusagen, das lehrte sie der Politbetrieb. Weniger Mühe hatte Marianne Horner, Frau Gemeindeammann von Ammerswil. Doch auch sie spürt einen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Janine Gloor
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Vor dem Neujahrsempfang leitete Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga die erste Bundesratssitzung im neuen Jahr.

Vor dem Neujahrsempfang leitete Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga die erste Bundesratssitzung im neuen Jahr.

KEYSTONE/PS

Am 8.März ist Weltfrauentag. Zu diesem Anlass lud Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga alle Stadt- und Gemeindepräsidentinnen der Schweiz nach Bern zu Workshops und Austausch ein. Der Anlass wurde inzwischen wegen des Corona-Virus, wie so viele Veranstaltungen in der ganzen Schweiz, abgesagt. Zu einem Massenauflauf wäre es vermutlich aber nicht gekommen. Denn in der Schweiz gibt es – Stand Ende 2019 – 352 Gemeindepräsidentinnen. Nur gerade 16 Prozent aller Gemeinderäte werden von einer Frau präsidiert. Klickt man sich durch die Gemeindewebsites der Region, gibt es mehrere Gemeinden, auf denen ausschliesslich Männer auf dem Gemeinderatsfoto zu sehen sind. Mittlerweile haben wir 2020, Gleichstellung und Gleichberechtigung scheinen hergestellt, Helvetia hat gerufen, aber wieso gibt es nicht mehr Gemeindepräsidentinnen?

Monika Schenker, 55, ist seit zweieinhalb Jahren Gemeindepräsidentin in Erlinsbach AG, vorher war sie acht Jahre Gemeinderätin. «Frauen hinterfragen sich mehr als Männer», sagt sie. Frauen würden sich stets fragen «Kann ich das, bin ich der Aufgabe überhaupt gewachsen?», während Männer selbstbewusster auf solche Aufgaben zugehen würden. «Deshalb ist es sehr wichtig, dass man Frauen hier ermutigt, motiviert und unterstützt», sagt Monika Schenker. Als sie 2018 ihr Amt als Präsidentin antrat, musste sie merken, dass sie als Frau anders behandelt wurde als ihr Vorgänger. «Ich wurde manchmal weniger ernst genommen.» Sicher nicht immer und bestimmt auch nicht von allen Leuten. Verschiedentlich sei aber ausprobiert worden, wie weit man bei ihr gehen konnte.

Monika Schenker.

Monika Schenker.

san Bild: isl

Und etwas anderes ist Monika Schenker als Frau im Politbetrieb aufgefallen: «Oft wird versucht, Arbeit, die in Gremien und Vorständen anfällt, den Frauen zuzuschieben», sagt sie. Im Sinne von: Ihr habt ja Zeit für so etwas. Als Politikerin habe Monika Schenker gelernt, hier auch einmal Nein zu sagen. «Das kann ich heute sehr gut», sagt sie.

«Frauen meiden Wettbewerb eher als Männer»

Warum es bei den Gemeindepräsidien so wenige Frauen gibt, ist nicht untersucht. «Wissenschaftlich bestätigt ist jedoch, dass Frauen Wettbewerb und Konkurrenz eher meiden als Männer», teilt das Zentrum für Demokratie Aarau auf Anfrage mit. Und das dürfte auch im politischen Wettbewerb sowie in der Austragung politischer Konflikte eine Rolle spielen. «Umgekehrt dürfte auch der niedrige Anteil an Frauen in den Gremien zu gesellschaftlichen Rollenbildern beitragen, welche die Erwägung einer Kandidatur negativ beeinträchtigt.» Will heissen: Es fehlt an sichtbaren weiblichen Vorbildern, die andere Frauen zur Kandidatur anregen.

Dazu kommt, dass Frauen sich weniger gern exponieren. Als Gemeindepräsidentin muss man wortwörtlich hinstehen, zum Beispiel bei einer Gemeindeversammlung. Was Frauen ebenso können wie Männer.

Marianne Horner ist seit September 2017 Frau Gemeindeammann von Ammerswil. Schlaflose Nächte hat sie vor einer Gemeindeversammlung keine, ein bisschen nervös sei sie schon. Doch so starke Zweifel, dass sie sich das Amt nicht zugetraut hätte, hatte sie nicht. «Grundsätzlich liegt mir das Präsentieren und sich Exponieren», sagt Marianne Horner. Für sie gibt es keine wesentlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Kommunalpolitik. «Es sollte einfach selbstverständlich sein, dass Männer wie Frauen führende Ämter ausüben», sagt sie. So habe sie auch weder als Gemeinderätin noch als Frau Gemeindeammann negative Erfahrungen gemacht.

Marianne Horner.

Marianne Horner.

san Bild: isl

Ist das Amt ein idealer Job für Mütter?

In einem Beitrag der «Tagesschau» wird das Amt der Gemeindepräsidentin als ideal für Mütter angepriesen, da es in einem Teilzeitpensum ausgeführt wird. Die beiden Gemeindepräsidentinnen in diesem Artikel sind beide neben ihrem politischen Amt berufstätig und geben an, die Kinderbetreuung mit viel Organisationsgeschick und Unterstützung durch Ehemann und Umfeld geschafft zu haben.

Es ist ein Zeichen der fortschreitenden Gleichstellung, dass selbstverständlich auch Frauen das Amt der Gemeindepräsidentin ausüben. Doch erst, wenn auch ihre männlichen Pendants vor Kamera und Mikrofon gefragt werden, wie sie die Kinderbetreuung organisieren, ist sie wirklich erreicht.

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