Aarau
Nach der Kampfansage sind die roten Fahnen wieder versorgt

Die Jungsozialisten, die sich (ausgerechnet) bei der Kantonalbank an der Bahnhofstrasse zum Umzug besammeln, haben die Musik selber mit. Aus der Anlage tönt ein rhythmisch aufgemotzter alter Schlager und ohne Unterbruch die «Internationale».

Hubert Keller
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1. Mai-Feier in Aarau
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1. Mai-Feier in Aarau

Chris Iseli

Ihr Transparent fordert: «Mensch statt Geld, ändern was dich stört.»

Zwei Tambouren aus Gränichen (der Vater des einen ist SP-Mitglied, das verpflichtet) schlagen die Trommeln. Der Umzug formiert sich. SP-Stadträtin Jolanda Urech, Aaraus SP-Präsident Christoph Schmid, SP-Einwohnerrätin Franziska Graf, Santina Russo vom NWA Aargau («Nie wieder Atomkraftwerke») und Giorgio Tuti, Präsident des Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonalverbandes SEV, marschieren voraus. Rund 150 Gewerkschafter und Sozialdemokraten schliessen sich ihnen an. Polizisten, die den Verkehr auf der Bahnhofstrasse für die paar Minuten anhalten, begleiten den Zug. Passanten unterbrechen ihre Shoppingtour: «Gegen was protestieren die?»

Später auf dem Kirchplatz gibt es die Antwort: «Gegen eine Wirtschaft, die Egoismus belohnt und Gemeinsinn bestraft», wie ein kämpferischer SEV-Präsident der Versammlung zuruft. «Das Wetter ist besser als vorausgesagt», meint ein älterer Mann beim Bier. Es gibt Grillwürste und Penne. Die SP Küttigen-Rombach lädt zum Kuchenessen für einen guten Zweck ein. Der Arbeiterstrand Tennwil wirbt neben einem Transparent «Gegen Missbrauch der Wirtschaftsmacht, für Mitbestimmung in der Wirtschaft.»

Juso-Präsident am radikalsten

Drei Redner kündigt Einwohnerrätin Silvia Dell’Aquila an: Giorgio Tuti, Santina Russo und David Roth, Präsident der Juso Schweiz, der am radikalsten wettert: «Der Kuchen ist ungerecht verteilt», ruft er aus und ergänzt: «Die ungerechte Verteilung ist nicht die Kampflinie, an der wir kämpfen müssen. Wir fordern nicht ein grösseres Stück des Kuchens, sondern dass sich die Spielregeln ändern.» Und er schloss mit dem Kampfruf: «Schluss mit der Macht der Finanzmächte und der Superreichen, Schluss mit dem Kapitalismus.

Santina Russo warnt: «Die Energiestrategie 2050 ist ein leeres Wort. Noch haben drei von vier Kernkraftwerken eine unbefristete Betriebsbewilligung.» Gefordert ist laut Russo: «Energiestrategie jetzt!» Je rascher die AKW abgeschaltet würden, umso kleiner sei das Risiko und umso weniger der Abfall. «Die erneuerbaren Energien und die Energieeffizienz bedeuten eine grosse Chance», sagt sie. «Solange neue Häuser ohne Energie-plus-Standard gebaut werden, können wir nicht zufrieden sein.»

«Die bürgerliche Mehrheit entscheidet konsequent und systematisch gegen die einfachen Lohnempfängerinnen und -empfänger», ruft Giorgio Tuti aus. Der Kampf dagegen werde mit Initiativen geführt, mit der 1:12-Initiative, der Mindestlohninitiative und der Erbschaftssteuerinitiative. «Doch», so Tuti, «unser wichtigstes Instrument im Umgang mit der Wirtschaft sind Gesamtarbeitsverträge, sie sind das Erfolgsrezept der Schweizer Wirtschaft.» Und zwischendurch bekommt die Slam-Poetin aus Zürich, Rea Regli , spontanen Applaus: «Du kannst das Meer nicht teilen, aber du kannst mehr teilen.» Das heisst doch Solidarität.

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