Aarau
Nach 139 Jahren bricht sie die Männerherrschaft der Kaufmänner

Seit der Gründung 1878 wird die Kaufmännische Gesellschaft, die unter anderem das Telefon in die Stadt holte, von Männern geführt – nun führt Nicole Werder das Zepter.

Katja Schlegel
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Nicole Werder-Rupp ist zwar die erste Präsidentin, an den Traditionen rütteln will sie aber nicht.

Nicole Werder-Rupp ist zwar die erste Präsidentin, an den Traditionen rütteln will sie aber nicht.

Severin Bigler

Nach 139 Jahren ist es aus mit der Männerherrschaft: Am Mittwochabend wurde Nicole Werder-Rupp (38) zur Präsidentin der Kaufmännischen Gesellschaft Aarau, kurz KGA, gewählt. Eine Gesellschaft, ohne die in Aarau vieles anders wäre. Aber auch eine Gesellschaft, die das lieber nicht an die grosse Glocke hängt.

«Wir sind für Aarau und die Region da, sind offen für neue Projekte und setzen uns für pragmatische Lösungen ein», sagt Werder. «Aber wir posaunen unser Geleistetes nicht heraus.» Dabei zeigt der Blick in die Geschichte der KGA, dass es in 139 Jahren mehrfach Grund zum Herumposaunen gegeben hätte.

Gegründet im Herbst 1878 von den Herren Adolf Jenny-Kunz, Paul Adam-Stephani und Emil Hemmeler-Türler, sollte die Abendgesellschaft vor allem den Aarauer Industriellen und Kaufleuten dazu dienen, die langen Winterabende mit einem wöchentlichen, freundschaftlichen Treffen im «Ochsen» aufzuheitern. Mitglied wurde man nur auf Einladung, der jährliche Mitgliederbeitrag betrug 6 Franken. 1894 zählte die Gesellschaft bereits über 100 Mitglieder.

Bloss gesellig war zu langweilig

Beim geselligen Treffen sollte es nicht lange bleiben. Präsident Adolf Jenny (ab 1883) und sein Nachfolger Rudolf Zurlinden-Richner (ab 1887) wollten nicht nur beim städtischen Geschehen mitreden und ihre Interessen vertreten, sondern auch auf nationaler Ebene. So war es die Kaufmännische Gesellschaft unter Jenny, die 1886 dafür sorgte, dass Aarau an das Telefonnetz nach Zürich angeschlossen wurde, wie Eduard Frey-Wilson in der Jubiläumsschrift von 1928 schreibt.

Ein Jahr später folgte der direkte Draht nach Basel, 1888 der nach Bern. Zeitgleich griff der Vorstand unter Präsident Zurlinden die Idee einer «elektrischen Licht- und Kraftstation» in Aarau auf und setzte sie schliesslich gegen den Willen des Aarauer Gemeinderates durch.

Das ist nicht alles: Um 1900 setzte sich die KGA in Bern für eine Verbesserung der Fahrpläne der SBB im Kanton ein, arbeitete intensiv an der Umsetzung der Wynentalbahn mit und war – Jahrzehnte später – massgeblich an der Lancierung der Busbetriebe Aarau beteiligt. Die KGA war es auch, die noch vor 1900 die Initiative zur Schaffung einer Handelsabteilung an der Aargauischen Kantonsschule ergriffen hatte, die den Bau der Wohnkolonie im Herzoggut finanziell unterstützte und 1942 an der Gründung der Wohnbaugenossenschaft Aarau beteiligt war. Und es war die KGA, die 1920 das Hotel Gerber mit der Gründung einer AG vor dem Ruin rettete, das seither unter dem Namen «Aarauerhof» geführt wird.

«Es ist gut, es ist etwas anderes»

Heute zählt die KGA rund 210 Mitglieder. Und auch heute greift sie wichtige Fragen auf, sucht nach Lösungen und hilft bei der Realisierung; das letzte Beispiel ist die Initialisierung von Aarau Freenet, dem städtischen Gratis-WLAN.

An dieser Tradition will auch Nicole Werder nicht rütteln. Zwar habe der einstige Herrenverein sich verändert; die Mitglieder sind jünger und inzwischen natürlich auch weiblich, und in Bezug auf das Einmischen in politische Angelegenheiten ist man heute zurückhaltender als früher. «Aber wir setzten auf das gleiche, altbewährte Rezept wie schon unsere Vorgänger», sagt Werder. «Wir bringen langjährige Erfahrung und frische Ideen zusammen und schaffen so Innovation, wir geben neue Impulse und suchen nach pragmatischen Lösungen.»

Wer kam, wer ging

Sechs Mitglieder zählt der Vorstand der Kaufmännischen Gesellschaft Aarau. Präsidentin ist Nicole Werder-Rupp (BIKU Languages AG). Sie tritt die Nachfolge von Walter Keller (Verkaufsleiter ISS Facility Services AG) an, der noch ein Jahr als Past-Präsident im Vorstand bleiben wird. Weitere Mitglieder sind Dominik Hausherr (RIBAG Licht AG), Manuela Cescato (WP Beratung GmbH), Lukas Pfisterer (Pfisterer Fretz Rechtsanwälte) und neu Marcel Locher (Druckerei Buschö Schöftland), Nachfolger von Jörg Knecht (Treuhandbüro thv AG). (ksc)

Damals wie heute wichtig ist das Netzwerk, das sich innerhalb der Gesellschaft bilden lässt. An jedem der jährlich drei Anlässe nehmen rund 70 Unternehmerpersönlichkeiten aus dem Raum Aarau teil. So auch am Mittwochabend, als sich die Mitglieder im «Schützen» zum Referat von Peter E. Regli und zur 139. Generalversammlung trafen – und Nicole Werder zur Nachfolgerin von Walter Keller wählten.

Eine neue Ära? Werder lacht. «Dass ich nun die Männerherrschaft breche, war nie ein Thema. Aber es ist gut, es ist etwas anderes.» Sie selber empfinde es als grosse Wertschätzung, dieses Amt übernehmen zu dürfen. «Es ist eine grosse Ehre, auf diesem stattlichen Fundament aus 139 Jahren weiter aufzubauen.»

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