Manor Kunstpreis Aarau
Dominic Michel entlarvt mit Kunst den Alltag – dafür wird der gebürtige Klingnauer nun geehrt

Dominic Michel erhält den Manor Kunstpreis der Stadt Aarau. Der Aargauer Künstler stellt lieber Fragen, statt Antworten zu geben.

Ursula Burgherr
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«Ich will den Dingen kein Label aufdrücken oder sie in eine Schublade stecken», sagt Dominic Michel auf sein künstlerisches Schaffen und die stilistische Richtung angefragt. Dass der 33-Jährige gerne alltägliche Objekte verändert, zeigte er 2020 mit einem völlig ausgehöhlten und abgeschmirgelten Konzertflügel, den er im Aargauer Kunsthaus präsentierte.

Eine seiner Arbeiten besteht aus Trinkgläsern, die er inwendig mit Farbe anmalt. Die Behältnisse verlieren ihre Transparenz und Fragilität. 2020 zeigte er im Helmhaus Zürich seine Videoinstallation «Flickering Gaslamp». Auf drei Monitoren werden vermeintlich unspektakuläre Szenen hintereinander abgespielt. Eine Autofahrt durch Oerlikon, Aufnahmen von einem Fischreiher und die Zubereitung einer Suppe. Durch unterschiedliche Längen der einzelnen Szenen ergeben sich stetig wechselnde Kombinationen und Zusammenhänge.

Videoinstallation «Flickering Gaslamp»

Videoinstallation «Flickering Gaslamp»

Zoe Tempest

Ein feiner Beobachter blickt auf Alltägliches

Michel interessiert, wie er in seiner Arbeit deren Sinn auf-, aber auch wieder abbauen kann. «Kunst soll Fragen stellen und keine Antworten liefern», meint Michel, «denn Antworten können sich nicht gross erneuern. Aber man hat nie ausgefragt.» Der sensible Beobachter erforscht gerne seine Umgebung, «liest» sie immer wieder neu, geht auf Entdeckungsreise. Genauso verhält sich das für ihn mit der Kunst. «Wichtig ist, dass man in einem Werk jeden Tag etwas Neues sehen kann.»

«Kunst soll Fragen stellen und keine Antworten liefern. Denn Antworten können sich nicht gross erneuern. Aber man hat nie ausgefragt.»

Diese Beobachtungsgabe und die vielschichtige Perspektive auf den öffentlichen Raum ehrt die Jury nun mit dem Manor Kunstpreis Aarau 2022. Als Träger der Auszeichnung widmet ihm das Aargauer Kunsthaus eine Einzelausstellung, die am 28. Januar 2022 mit neuen Arbeiten eröffnet wird. Der Preis ist dotiert mit 15000 Franken sowie einer, meist ersten, Monografie.

Der Manor Kunstpreis wird seit 1982 im Wechsel in zwölf Schweizer Städten verliehen und ist einer der wichtigsten Förderpreise des hiesigen zeitgenössischen Kunstschaffens. So war 1994 in St.Gallen etwa Pipilotti Rist Preisträgerin oder Sylvia Bächli 1990 in Aarau.

«Kunst sollte nicht mit irgendwelchen Weisheiten versehen werden»

Sein Kunststudium führte Michel bis nach Athen, wo ihn die verschiedenen Stadtquartiere im Aufbruch faszinierten. In Bern absolvierte er den Bachelor of Visual Communication – Grafikdesign – und an der HGK Basel den Master of Fine Arts.

Ein Flügel ohne Innenleben im Kunsthaus Aargau

Ein Flügel ohne Innenleben im Kunsthaus Aargau

ullmann.photography

Die Ausstellungsliste des 33-jährigen Klingnauers, der mittlerweile in Zürich wohnt, ist lang. Sie führt durch Kunsthäuser und Galerien der ganzen Schweiz, Deutschland und Österreich. Den Ausstellungsraum «Hamlet» in Oerlikon bespielte er bis vor kurzem solo mit seinen Exponaten unter dem Titel «Over The Bed, Under The Skin, Inside The Head». Darunter lebensgrosse menschliche Silhouetten aus Spanplatten. Die Interpretation überlässt er wie bei all seinen Kunstwerken dem Betrachter. Und findet: «Kunst sollte nicht mit irgendwelchen Weisheiten oder fixen Formulierungen versehen werden. Das unmittelbare Gefühl, das sie auslöst, ist wichtig.»

Ausstellungsansicht «over the bed, under the skin, inside the head», 2021

Ausstellungsansicht «over the bed, under the skin, inside the head», 2021

Patrick Cipriani

Michel hat sich auch als Kurator von Ausstellungen einen Namen gemacht. Er führte jahrelang den Ausstellungsraum «Riverside» in Bern, der heute in Basel domiziliert ist. Dort präsentiert er junge zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler. Er arbeitet gegenwärtig Teilzeit als Dokumentarist und Archivar für eine Kunstsammlung in Basel. Den Stipendienaufenthalt in Paris vom Kuratorium Aargau musste er letztes Jahr wegen Corona abbrechen.

Seine Existenz bezeichnet er als «riesige Mischrechnung». Verschiedene Verkäufe, Stipendien und Jobs, wie jetzt in Basel oder früher im Staatsarchiv Zürich, ermöglichen ihm, ein Leben als Kunstschaffender zu führen. Und mit seinem Forschungstrieb weiterhin völlig neue Sichtweisen auf Alltägliches und bisweilen Banales zu eröffnen.

Ausstellung des Manor Kunstpreis Aarau: 28.1.–24.4.22 Kunsthaus Aargau

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