Lencis Historia
Der Mann, der wegen Frauenkleidung auf dem Scheiterhaufen landete und andere Gräuel der Gerichtsbarkeit

Öffentlich musste er sein, ein Prozess vor 400 Jahren. Und auch einer vor 300. Lencis Historia blickt diesmal weit zurück - und tief in den Abgrund. In jenen der Justiz.

Eva Wanner
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Nicht nur Menschen, die man für Hexen hielt, wurden bei lebendigem Leib verbrannt, auch andere Verbrechen wurden damit bestraft.

Nicht nur Menschen, die man für Hexen hielt, wurden bei lebendigem Leib verbrannt, auch andere Verbrechen wurden damit bestraft.

Screenshot «Beiträge Zur Aargauergeschichte 1993»

Vielleicht heisst er eigentlich Thoman Brendlin. Der Mann, der gemäss einem Wikipedia-Eintrag am 28. Mai 1586 in Lenzburg verbrannt wird, weil er Frauenkleider trägt und als Barbara Brunner auftritt. Denn in der - erschreckend umfangreichen - Liste der zum Tode verurteilten von 1503 bis 1796, die einem Beitrag zur Aargauergeschichte beigelegt ist, passt nur ein Eintrag zu Datum und Bestrafung. Eben Thoman Brendlin, von Triengen, der wegen Sodomie zum Tode im Feuer verurteilt wird.

Dazu muss man allerdings wissen: Der Begriff Sodomie hat in der Zeit, auf welche diese Zeilen zurückblicken, noch nicht die Bedeutung, die er heute hat. Zwar ist auch die «widernatürliche Unzucht mit Tieren» gemeint, wie der Abhandlung der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargaus zu entnehmen ist. Aber ebenso Homosexualität. Der Straftatbestand hat seinen begrifflichen Ursprung im Alten Testament: Auf die Städte Sodom und Gomorrha, den Inbegriff der grössten Sündhaftigkeit, und deren Einwohnerinnen und Einwohner fiel Feuer vom Himmel. Zwischen 1592 und 1729 enden im bernischen Aargau mindestens 27 sogenannte Sodomiter auf dem Feuer.

 Ein Auszug aus der Liste der Hingerichteten.

Ein Auszug aus der Liste der Hingerichteten.

Screenshot «Beiträge Zur Aargauergeschichte 1993»

Es wird öffentlich verhandelt

Lenzburg ist zu dieser Zeit eine der sieben Richtstätten im Unteraargau. Im Mittelalter tagt noch das Blutgericht: Alle erwachsenen Männer müssen erscheinen, um ein Urteil zu finden. Als die Bevölkerung wächst, ist das nicht mehr praktikabel. 24 sogenannte Gerichtsässen, darunter Untervögte, tagen über Schuld oder Unschuld.

Nach der Eroberung des Aargaus durch Bern im Jahr 1415 zieht der Rat von Bern das Recht an sich, über das Blut zu richten. Verhandelt wird vor Ort teilweise nur noch pro forma: Die Berner Räte haben das Urteil im Vorfeld schon gefällt und stellen es dem Landvogt schriftlich zu. Nicht selten mit dem Zusatz: «Das Urteil des Landtages möge lauten wie es wolle, die Obrigkeit habe so und nicht anders geurteilt, und daran möge sich jedermann halten.»

Verhandelt wird dennoch zunächst im Freien, unter markanten Bäumen wie einer Pappel in Lenzburg. Später, als man sich in ein Haus zurückzieht, bleiben die Türen offen. In Lenzburg etwa finden die Gerichtstagungen im Haus «Zum alten Landgericht» statt.

Die «ehrlichen» und «unehrlichen» Strafen

Vor das Blutgericht beziehungsweise den Landtag kommt nur, wer ein schweres Verbrechen begangen hat, bei dem ein Todesurteil zu erwarten ist. Das sind sogenannte Missetaten oder Meintaten, leichtere Fälle werden Frevel genannt.

Todesstrafen gibt es verschiedene. Brutale und sehr brutale; das Verbrennen bei lebendigem Leib ist besonders durch unzählige «Prozesse» gegen Hexen bekannt. Unterschieden wird auch zwischen einer «unehrlichen Strafe», wie es etwa das Hängen am Galgen bedeutet. Dieses Schicksal ereilt Diebe, Räuber und Bandenmitglieder. Teilweise werden Verurteilte aber «begnadigt», zu einer «ehrlichen Strafe». Darunter fällt das enthaupten. Dieser Tod erwartet den letzten Mann, der in Lenzburg und dem ganzen Kanton Aargau hingerichtet wird: Dem Dieb und Einbrecher Bernhard Matter, der als eine Art Robin Hood verehrt wird.

Erst Wunden verarztet, dann getötet

Der Beitrag in der Aargauer Geschichte ist eine gruselige Fundgrube. So etwa die Anekdote, wenn man sie denn so nennen will, über Christen Berchtold. Bei Festnahmen war man selten zimperlich. Kein Wunder also weist der zum Tode verurteilte 61 Wunden auf. Der sogenannte Schärer, der Wundarzt, pflegt den Verurteilten so weit gesund, dass er fähig ist, zur Richtstätte zu gehen und dort den Tod zu erleiden.

Oder die Geschichte des kranken Greises, der in Lenzburg in Gefangenschaft kommt. Weil man fürchtet, der 70-Jährige könnte auf dem Schloss sterben und man nicht auch noch einen Totenbaum bezahlen will, wird der Birrwiler weggeschickt.

In Anbetracht dieser Geschichten schon fast versöhnlich ist folgende: 1573 wird der Rossdieb Kaspar Müller gefangen genommen. Vor seiner Hinrichtung bittet er darum, seiner schwangeren Frau «zur Zeit der Niederkunft» etwas Wein zu schenken. Die Amtsverwaltung tut es tatsächlich; acht Mass Wein werden der Witwe bezahlt.

Regelmässig werfen wir einen Blick in die Chroniken der «Lenzburger Neujahrsblätter». Wir schauen, was die Stadt und das Umland vor 20, 50 oder noch viel mehr Jahren bewegt hat. Wir zeigen hübsche Trouvaillen zum Kichern, zum Ärgern oder aber zum Besserwissen.