Kolumne: Leben in Aarau
Übers Alleinsein – ein Seelen-Striptease

Kolumnistin Fiona Wiedemeier über die vermeintlich unangenehmste Seite des Singleseins: Die Einsamkeit.

Fiona Wiedemeier*
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Immerhin Alleinsein ist kein Wettbewerb, findet Fiona Wiedemeier.

Immerhin Alleinsein ist kein Wettbewerb, findet Fiona Wiedemeier.

Christian Beutler / KEYSTONE

«Du musst wieder lernen, allein zu sein.» Welcher Neo-Single kennt diese nervige Floskel nicht. Ein gut gemeinter Rat – ja –, aber er impliziert eben auch, dass man jetzt allein sein MUSS. Selbstgewähltes Alleinsein kann eine wunderbare Sache sein – wir nennen es dann liebevoll Me-Time –, verschriebenes Alleinsein kippt jedoch ziemlich schnell in Einsamkeit.

Einsamkeit ist ein Tabuthema. Sie passt nicht in unsere picture perfect instagrammable Welt, in der Erlebnisse zum neuen Statussymbol werden. Menschen haben auf Social Media immer die Zeit ihres Lebens. Die Singles da draussen geniessen ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit, reisen durch die Welt, tanzen auf jeder Party. Gefühlt die halbe Schweiz ist gerade auf der Skipiste. Und man selbst sitzt an einem Samstagabend gelangweilt zu Hause und durchlebt eine Mischung aus Einsamkeit und FOMO – wer zu cool für dieses in die Jahre gekommene Jugendwort ist: fear of missing out.

Aber statt spontan der Kollegin zu schreiben, bleibt man lieber allein. Denn wie peinlich wäre es, das Versagen einzugestehen, samstagabends wider Willen nichts loszuhaben. Über Einsamkeit zu reden, fühlt sich an wie ein Seelen-Striptease, es macht einen nackt und verletzbar. Ich komme direkt in ein Rechtfertigungsbedürfnis – nicht, dass ich die Leserschaft noch glaubt, ich hätte keine Freunde. Denn der Einsamkeit haftet ein Geruch der Verzweiflung an. Dabei fühlen viele von uns sich manchmal einsam. Nur reden wir halt nicht darüber.

Fiona Wiedemeier

Fiona Wiedemeier

Zvg / Aargauer Zeitung

* Fiona Wiedemeier (27) ist Aarauerin, Europäerin, Feministin, Libera, «foraus»-Denkerin und Geschäftsführerin der GLP Kanton Zürich.

Neben der absurden Angst, bedürftig zu wirken, wird auch suggeriert, dass es ein Mangel an Selbstfürsorge ist, sich einsam zu fühlen. «Gönn dir doch mal ein bisschen Me-Time.» Selbstliebe wird damit gleichgesetzt, gerne allein zu sein. Der gute Single ist schliesslich total Zen damit, denn er verbringt sein Alleinsein mit Selbstoptimierung. Am besten trainiert er sich paar healthy habits an; meditiert täglich, geht regelmässig ins Gym, führt ein Emotionsjournal, liest ein Buch pro Woche, ernährt sich supergesund und geht einmal pro Jahr in ein Schweigeseminar. Denn wer mit sich selbst im Reinen ist, fühlt sich nicht einsam. Der typische Selbstoptimierungswahn unserer modernen Leistungsgesellschaft.

Als Single muss man nicht gerne allein sein. Wir sind soziale Wesen, wir wollen Beziehungen zu anderen Menschen eingehen. Dieses Bedürfnis dürfen wir ernst nehmen. Ja, vielleicht ist es nicht schlau, sich kurz nach einer Trennung direkt in die nächste Beziehung zu stürzen. Aber wir können unsere Freundschaften pflegen und neue aufbauen. Wer sich jetzt fragt, wie zur Hölle man in diesem Alter noch neue Freunde findet; es gibt einen Cheat-Code: Was beim Online-Dating auf Tinder funktioniert, kann auch auf Freundschaften übertragen werden – Friends-App für euch getestet und für gut befunden.

Wir müssen nicht lernen, allein zu sein. Es ist jedoch von Vorteil, damit umgehen zu können, ohne sofort in Einsamkeit zu verfallen. Es geht nicht darum, dieses Gefühl zu umarmen, sondern es zu akzeptieren; die Langeweile mit sich selbst einen Moment zu ertragen; und einmal dem Impuls, sich sofort abzulenken, nicht nachzugehen – nicht spontan dem Gspusi schreiben oder sich in Arbeit stürzen. Denn damit schafft man ein Potenzial, einen Freiraum, den auszufüllen so viele Möglichkeiten eröffnet – eine berufliche Neuorientierung vielleicht, ein neues Hobby, eine Reise. Genauso gut möglich, dass du einfach richtig Bock hast, die neuste Netflixserie zu bingewatchen. Dann, go for it. Dein Alleinsein ist kein Wettbewerb!