Kantonsspital Aarau
Kantonsspital Aarau: «Wir sind günstiger geworden»

CEO Hans Leuenberger widerspricht dem Preisüberwacher ganz vehement. Zwar stiegen die Gesamtkosten seit 2003, doch die Fälle nahmen um 15 Prozent zu und die Fallkostenpauschale sank um 7,8 Prozent.

Mathias Küng
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Hans Leuenberger: «Haben etwa Spektrum von Unispitälern.»

Hans Leuenberger: «Haben etwa Spektrum von Unispitälern.»

Chris Iseli

2012 haben Sie in der az vorgerechnet, dass Ihnen aufgrund der 10-Prozent-Investitionskostenpauschale, die Sie im neuen Fallpauschalen-System erhalten, 20 Millionen Franken fehlen. Sie forderten 17 Prozent. Fehlt das Geld wirklich?

Hans Leuenberger: Unsere Vorhersage ist leider 100-prozentig eingetroffen. In der Rechnung 2011 haben wir für den ganzen Unterhalt der Liegenschaften und Anlagen sowie Miete an den Kanton 50,3 Millionen Franken aufgewendet. Mit Blick auf die völlig ungenügenden 10 Prozent Investitionskostenpauschale waren wir 2012 sehr vorsichtig. Wir haben mit deutlich reduziertem Unterhalt von Gebäuden und Anlagen nur 37 Millionen Franken ausgegeben. Erhalten haben wir 29,7 Millionen Franken. Es resultiert ein Defizit von 7 Millionen Franken.

Aber nicht 20 Millionen. Sie brauchen also nicht 17 Prozent.

Halt, wir haben gesagt, wir brauchen 50 Millionen und es werden uns 20 Millionen fehlen. Das ist exakt eingetroffen. Wir haben weniger ausgegeben, vieles musste ausbleiben. Wir haben Stellen, wo der Boden kaputt ist, wo es hereinregnet, die Lüftung kaputt ist usw. Die Unterhaltsausgaben kann man halt nur ganz kurze Zeit so reduzieren. Macht man es länger, treten noch höhere Folgekosten auf. Das ist eine ganz kurzsichtige Politik. Wir laufen hier bereits in einem unverantwortlichen Bereich. Auch 2013. Das hat zur Konsequenz, dass wir einerseits die Produktivität weiter steigern müssen und anderseits nicht darum herumkommen, Geld aufzunehmen.

Sie bleiben also bei 17 Prozent?

Die Grössenordnung des Bedarfs an 50 Millionen Franken im stationären Bereich (der ambulante Bereich arbeitet kostendeckend) hat uns Price Waterhouse Coopers bestätigt. An diesem Bedarf führt kein Weg vorbei. Mittelfristig spricht die Politik aber nicht mehr von Investitionskostenpauschale, sondern nur noch von Fallpauschalen. Wie wir die Investitionen abdecken, ist dann unsere Sache. Die neusten Verhandlungen geben aber keinen Anlass zu Optimismus.

Inwiefern?

Die Verhandlungen mit den Versicherern ergeben für 2013 eine noch tiefere Fallpauschale (Baserate) als 2012.

Dann reicht das Geld nicht für Ihren redimensionierten Masterplan zur Gesamterneuerung des KSA?

Wir sind zeitlich leicht in Verzug, sonst aber auf Kurs. Vor einem halben Jahr sagte ich in der az, dass wir in den ersten vier Phasen der ersten Etappe 150 bis 180 Millionen Franken investieren, um dringende Raumbedürfnisse zu realisieren. Es werden jetzt 170 Millionen. Die fünfte Phase wird dann den Ostanbau zum Haus 1 für rund 130 Millionen Franken umfassen.

Und wie finanzieren Sie es, wenn gar Geld für den Unterhalt fehlt?

Wir suchen nach Optimierungsmöglichkeiten, schauen, effizienter zu werden. Die neuen Raumstrukturen im Masterplan enthalten natürlich Effizienzsteigerungen, etwa durch kürzere Wege und Zusammenlegen bisher verteilter Angebote.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel werden wir die Apparate für die Labor- und die Rechtsmedizin, die ins selbe Gebäude kommen, zum Teil nur einmal beschaffen. Eine weitere Redimensionierung der baulichen Verbesserungen ist aus jetziger Sicht nicht angedacht. Wir suchen nach Möglichkeiten für günstiges Fremdkapital von einer Bank oder vom Kanton.

Da kommt Ihnen gewiss entgegen, dass der Kanton vorschlägt, die Rückzahlzeit zeitlich auszudehnen.

Diese Absicht findet unsere volle Unterstützung. Aber wenn ich lese, welche Auflagen der Kanton im Gegenzug machen will, läuft es darauf hinaus, dass – obwohl man uns in die strategische Freiheit entlassen und uns auch die Liegenschaften übertragen hat – letztlich dann halt doch der Kanton entscheiden will, was wir wie und wo bauen. Das wäre ein klarer Rückschritt.

Was würden Sie in der kommenden Vorlage denn verbessern?

Es ist selbstverständlich, dass wir uns an die Eigentümerstrategie des Kantons halten. Es wäre aber nicht zielführend, wenn aufgrund solcher Rahmenbedingungen das politische Seil- ziehen bei jeder Investition zwischen Baden und Aarau weiterginge. Die Spitäler sollen doch unternehmerisch handeln können. Damit kämen sie aber – auch wenn es gewiss nicht Absicht ist – wieder ans Gängelband.

Was machen Sie dann?

Dann ginge ich lieber zur Bank, die uns diesbezüglich keine Auflagen machen kann. Anderseits würde sie angesichts der unzureichenden Entschädigungen, die wir bekommen, wohl einen Risikozuschlag verlangen. Das Dilemma ist absehbar.

Sie stehen auch unter Druck, weil die Spitäler immer mehr kosten.

Von 2003 bis 2013 haben bei uns die Fälle um 15 Prozent zugenommen, gleichzeitig ist die Fallkostenpauschale um 7,8 Prozent gesunken. Wir sind günstiger geworden! Die Gesamtkosten stiegen aber aufgrund der Zunahme von Patienten.

Der Preisüberwacher findet aber, dass Sie deutlich zu teuer sind.

Versicherer und Kanton haben die von uns transparent ausgewiesenen Kosten jeweils genehmigt. Plötzlich sollen es nicht mehr 10 400 oder 10 600, sondern aufgrund des Systemwechsels nur noch 8900 Franken sein? Das ist ein Widerspruch in sich!

Der Preisüberwacher kommt auf diese 8900 Franken aufgrund eines Benchmark-Vergleichs.

In den Benchmarks sind alle Spitäler enthalten. Ein Gleichsetzen von Regional-, Schwerpunkt- und Zentrumsspitälern wie dem unsrigen mit teurer Infrastruktur und sehr teuren Vorhalteleistungen, die wir 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag erbringen müssen, ist völlig unstatthaft. Wir haben etwa das Spektrum von Universitätsspitälern. Zudem werden die Daten in den Spitälern derzeit noch unterschiedlich erhoben und sind nur sehr begrenzt vergleichbar. Und das Swiss-DRG-System, mit dem heute gerechnet wird, wurde eingeführt, als es noch nicht fertig entwickelt war. Es muss noch lernen und sich weiterentwickeln. Das sagt selbst die Swiss DRG AG.

Was ist denn vergleichbar?

Vergleichbar sind zum Beispiel die Kantonsspitäler St. Gallen, Luzern und Aarau mit etwa derselben Angebotsstruktur und ihrer Zentrumsfunktion. Wir haben dieselben Fallkosten und dieselbe Baserate. Wir haben zusammen rund 100 000 Patienten. Wir sind eine Verhandlungsmacht und kaufen gemeinsam und günstiger ein. Im Grundsatz wären wir schon für eine einheitliche Baserate. Doch das System ist heute noch zu wenig differenziert, um die Leistungen von Zentrumsspitälern adäquat abzubilden. Auch das räumt Swiss DRG AG ein. Wir brauchen unbedingt eine höhere Baserate als ein Regionalspital.

Sie arbeiten ja immer noch mit einer provisorischen Baserate:

Ja. Wir hoffen natürlich sehr, dass wir die als Arbeitstarif deklarierten 10 350 Franken wirklich erhalten. Das ist zwar immer noch zu wenig, mehr ist aktuell aber nicht realistisch. Sollte der Tarif nachträglich tiefer ausfallen, würde noch mehr fehlen. Und es ergäbe sich ein gigantischer administrativer Aufwand zur Abwicklung von Abertausenden Rückzahlungen. Das wäre dann der ultimative Horror.

Hans Leuenberger, lic. rer. publ. HSG, seit 2011 CEO des KSA. Zuvor war er CEO am Kantonsspital St. Gallen, bevor er 2010 in Ruhestand ging.

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