Aarau
Gegen Vorurteile: In der Stadtbibliothek statt Büchern Trans*-Menschen ausleihen

«Kann das Geschlecht nicht einfach egal sein?», fragt Jean (16). Jean ist Trans*-Mensch und eines von sieben lebenden «Büchern», die am Sonntag in der Stadtbibliothek Aarau ausgeliehen werden können. Das Projekt «Trans* Living Library» will einen Beitrag gegen Vorurteile leisten.

Daniel Vizentini
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Von «Trans*» spricht man, wenn die eigene Geschlechtsidentität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Dabei kann sich die Person einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen oder es kann ihr schlicht egal sein, ob sie nun weiblich oder männlich ist. Menschen gibt es in vielfältigen Varianten. Was zählt, ist das Empfinden der Person, die es betrifft.

Jean, 16, aus Aarau, ist trans*, non-binär, oder einfach ein Mensch, dem Geschlechtsunterschiede ziemlich egal sind. «Diese Einteilung in Frau oder Mann, die hat für mich noch nie Sinn gemacht», sagt Jean. «Schon als Kind war ich nicht gerne ein Mädchen, wollte aber auch kein Knabe sein.»

Mit 13 Jahren hörte Jean erstmals den Begriff «gender nonconforming»: wenn kein Geschlecht den Gefühlen entspricht. «Mir war sofort klar, dass dies mit meinen Empfindungen übereinstimmt.»

Jean (l.) mit Anouk Neracher, die das Projekt «Trans* Living Library» in der Stadtbibliothek Aarau aufgegleist hat. Auf der Trans-Pride-Flagge steht Blau für männlich, Rosa für weiblich und Weiss für non-binär.Bild: C. Frei

Jean (l.) mit Anouk Neracher, die das Projekt «Trans* Living Library» in der Stadtbibliothek Aarau aufgegleist hat. Auf der Trans-Pride-Flagge steht Blau für männlich, Rosa für weiblich und Weiss für non-binär.Bild: C. Frei

Foto: Colin Frei / Aargauer Zeit

Zu wissen, dass Jean damit nicht alleine ist und eben nichts Falsches fühlt, habe enorm Mut gemacht. Mut, der bitter nötig ist, um der Ausgrenzung und den schrägen Blicken entgegenzuwirken. Etwa wenn andere auf der Strasse darüber diskutieren, ob Jean jetzt Mann oder Frau ist.

«Oft werde ich angeschaut und merke dann, wie der Blick nach unten zwischen die Beine geht. Das ist sehr unangenehm.» Die meisten Menschen bräuchten halt diese Orientierung nach Geschlecht, ist sich Jean bewusst.

«Ich weiss, es ist schwierig, von dem Schwarz-Weiss-Denken wegzukommen. Wir sind alle binär erzogen worden, Adam und Eva, Mann und Frau.» Doch: «Kann das Geschlecht nicht einfach offen sein?»

Schulklasse überhaupt nicht tolerant

Jean spricht sehr selbstbewusst, trotz jungem Alters mit bewundernswertem Mut. Dabei kommt Jean überhaupt nicht wütend oder deprimiert daher, auch wenn es dazu wohl Grund genug gäbe. In der Schule zum Beispiel, wo Jeans Klasse «überhaupt nicht tolerant» sei. «Die denken noch, alle Homos gehen sowieso in die Hölle und dergleichen.»

In der Schule hat sich Jean deshalb nicht geöffnet, wird noch mit dem weiblichen Geburtsnamen angesprochen, den Jean nicht gerne hört und auch lieber nicht nennen will. «Es fühlt sich jedes Mal an wie ein Messerstich, so im Stil: Wer ich eigentlich sein müsste, aber nicht bin.»

Da die Schule für Jean kein sicherer Ort ist, wo genug Menschen ihre eigene Beschränkung überwunden haben, beisst Jean sich lieber noch ein Jahr durch; besucht derzeit das 10. Schuljahr.

Zuvor, in der Sekundarschule, da sei es besser gewesen, auch wenn gewisse Leute geschockt waren, als Jean mal in einem Theater einen Mann gespielt habe – zu Shakespeares Zeiten spielten Männer stets Frauenrollen. Nächstes Jahr will Jean eine KV-Lehre beginnen.

Sexuelle Orientierung hat nichts mit Geschlecht zu tun

In der Familie sei es lange schwierig gewesen. Sie gingen offenbar davon aus, dass Jean nur eine Phase durchmache. «Du bist doch noch viel zu jung, um das zu wissen», hörte Jean oft. «Doch es war ja ein interner Prozess und geschah nicht von einem Tag auf den anderen.»

Lange habe sich Jean einfach als lesbisch bezeichnet, sich aber nie wohlgefühlt dabei. «Zudem hat meine sexuelle Orientierung nichts mit meinem Geschlecht zu tun.» Das verwechseln einige.

Jean suchte sich einen neuen Namen aus und wollte fortan in der Familie damit angesprochen werden. «Zu Beginn gab sich meine Familie sehr Mühe dabei.» Allgemein sei es schön, zu merken, dass sich jemand Mühe gibt. Jean erinnert sich da an die Cousine, die an Familienfesten den Namen jeweils absichtlich laut ruft.

Heute schaut Jean, anderen Menschen die Augen zu öffnen und sie auch auf Details aufmerksam zu machen, die eben keine sind: etwa korrekte Pronomen für Trans*-Menschen anwenden. Das ist für Jean sehr wichtig. Man solle auch die Hemmung verlieren, das Sternchen zu schreiben etwa bei «Trans*» als Sammelbegriff für alle Geschlechter.

«Ich merke, wie ich mich oft nicht angesprochen fühle.» Schon beim Ausfüllen von Online-Formularen etwa, wenn es um die Wahl der Anrede geht. Herr oder Frau? «Da klicke ich blind mal auf das eine, mal auf das andere. An gewissen Tagen regt es mich aber sehr auf.»

Dasselbe Würfelspiel geschehe, wenn Jean in eine öffentliche Toilette muss. «Ich wurde schon aus beiden hinausgeschmissen.» In Schweden etwa seien Unisex-Toiletten normal, in der Schweiz fällt Jean nur dasjenige am Bahnhof Bern ein. Bei diesen Dingen des Alltags, «die halt auf das binäre System von zwei Geschlechtern laufen», da bestehe Nachholbedarf.

Projekt in Stadtbibliothek als Aufklärung

Diskriminierung geschieht oftmals aufgrund fehlender Aufklärung. Einen Beitrag dagegen leistet nun Anouk Neracher mit ihrem Projekt «Trans* Living Library». In der Stadtbibliothek Aarau können am Sonntag sogenannte lebendige Bücher ausgeliehen werden – also Menschen, die ihre Geschichten schildern.

Jeder Mensch ist schliesslich auch ein Buch, wie man sagt. Sieben solcher menschlichen Bücher stehen zur Auswahl: Sechs Trans*-Menschen und eine betroffene Mutter, die ihre Perspektive schildern wird. Während zweier Stunden kann man den «Büchern» vor Ort Fragen stellen.

Das Projekt ist eine Schularbeit der 18-jährigen Aarauerin, die gerade das letzte Lehrjahr als Medizinische Praxisassistentin absolviert. «Ich wollte die Arbeit einer Gruppe von Menschen widmen, die in der Gesellschaft nicht wirklich akzeptiert werden», sagt sie. «Ich bin nicht Trans*, aber lesbisch und kenne das Anderssein.»

Das Weltall als utopischer Ort ohne Geschlechter

Eines der «Bücher» ist Jean. Offizieller Buchtitel: «Utopia – weil dem Weltall meine Pronomen egal sind». «Im Raumanzug sieht eh keiner, was du zwischen den Beinen hast», sagt Jean humorvoll. Der Zukunft sieht Jean positiv entgegen, auch wenn Menschen «wohl immer in dem binären System denken werden».

Lichtblicke gäbe es immerhin bereits bezüglich sexueller Orientierung, die in der Gesellschaft immer akzeptierter werde. «Das ist schon mal ein guter Anfang.» Die Offenheit bezüglich unterschiedlicher Geschlechtersituationen sei der nächste Schritt.

Wie wichtig wäre es für Jean, dass Schulbücher entsprechend angepasst würden? «Es wäre schon nur super, wenn in der Sexualkunde nicht nur Heterosex erklärt würde.» Jean wünscht sich allgemein weniger Schwarz-Weiss-Denken, mehr Aufklärung. «Und dass sich Menschen einfach weniger um die Dinge anderer kümmern.»