Aarau

Er sticht mit einem Segelschiff in See – mit blinden Passagieren

Aldo Botta (Bildmitte, mit schwarzem Hut und Brille) war mit Sehbehinderten eine Woche unterwegs auf See.

Aldo Botta (Bildmitte, mit schwarzem Hut und Brille) war mit Sehbehinderten eine Woche unterwegs auf See.

Der ehemalige Berufsschullehrer Aldo Botta hat einen speziellen Segeltörn organisiert: Blinde und Sehbehinderte in Gemeinschaft mit Sehenden auf dem holländischen IJsselmeer. Seine Passagiere sind davon begeistert.

Aldo Botta war viele Jahre als Lehrer an der Berufsschule Aarau tätig, ist Mitglied der Stadtsänger Aarau und amtete als Vorstandsmitglied in diesem Verein. Heute lebt er in Stüsslingen und führt seit vielen Jahren mit seinen «Tenn-Toerns» Segeltörns auf traditionellen Segelschiffen durch. Im Gespräch mit einem Freund kam er auf den Gedanken, einen Törn für Blinde und Sehbehinderte in Gemeinschaft mit Sehenden auf dem holländischen IJsselmeer zu organisieren. «Die Idee hat mich fasziniert», sagt Botta.

Eindrückliches Schicksal

Mit Aldo Botta unterwegs war Bruno Seewer aus Reutigen. Er genoss die Zeit auf dem stolzen Dreimaster, einem 60 Meter langen wunderschönen Segelschiff, und liess sich den Wind um die Nase streichen.

Der Vizepräsident des Schweizerischen Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes (SBV), Sektion Berner Oberland, leidet an einer seltenen Bindegewebeerkrankung mit dem Namen Marfan-Syndrom. Sie tritt meist als Erbkrankheit auf – auch bei Bruno Seewer.

Wenn der 59-Jährige aus seinem Leben erzählt, empfindet der Zuhörer eine grosse Bewunderung. Von viel Leid, aber auch Zuversicht ist die Rede. Von einer Mutter, die mit 37 Jahren starb, und einem Vater, der mit allen Kräften seine fünf Kinder über die Runden brachte.

Von einer Primarschulzeit im Dorf, in der der Lehrer Bruno Seewer wegen seiner starken Kurzsichtigkeit verkannte. Aber auch von Positivem, als er in der Blindenschule Zollikofen gefördert wurde.

Trotz allen Schwierigkeiten erlernte Seewer den Beruf des Kaminfegers, den er zehn Jahre lang ausüben konnte. Als die Symptome der Krankheit immer schlimmer wurden und Seewer den Job nicht mehr machen konnte, liess er sich zum Sozialpädagogen umschulen.

Vor über zehn Jahren erblindete Seewer schliesslich ganz. Der erneute Verlust seiner Stelle und nicht mehr lesen und schreiben zu können, stürzten ihn in eine tiefe Depression. «Selbstmitleid nützt nichts», habe er sich schliesslich gesagt und sich wieder aufgerafft, erzählt Seewer heute.

Die Blindenschrift, Mobilitätstrainings mit dem weissen Stock, der Umgang mit dem PC und anderen Hilfsmitteln führten ihn zurück ins Leben. Heute steht Seewer diversen Selbsthilfegruppen vor, referiert an Anlässen und ist im Blindenverband Berner Oberland für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Bruno Seewer «heuerte» als «blinder Passagier» an und probierte die Möglichkeiten eine Woche lang aus. Mit dabei war Alfonso Sorrento, welcher Bruno betreute. «Wir sind total überwältigt», so der Tenor.

Und Bruno Seewer sagt: «Ein toller Erfolg mit Wiederholungspotenzial.» Auch Aldo Botta ist begeistert. Nächstes Jahr organisiert er seinen fünfzigsten Törn und ist immer noch voll motiviert. «Solange mir die Ideen nicht ausgehen und es immer wieder Landratten gibt, die es aufs Wasser zieht, bin ich dabei», sagt der Macher.

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