Gretzenbach
Eine 7000 Quadratmeter grosse Oase im grauen Alltag und mitten im Industriegebiet

Seit 2003 sticht er aus dem Gretzenbacher Industriequartier und seinen Aldi- und Lidl-Filailen heraus: Der farbenfrohe buddhistische Tempel Wat Srinagarindravararam in Gretzenbach. Er zieht Besucher aus ganz Europa an.

Tijana Nikolic
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Er ist der oberste Mönch und seit 20 Jahren in Gretzenbach, Kittidhammawitet vor dem buddhistischen Tempel. Bruno Kissling

Er ist der oberste Mönch und seit 20 Jahren in Gretzenbach, Kittidhammawitet vor dem buddhistischen Tempel. Bruno Kissling

Bruno Kissling

Wie eine wunderschöne, farbenprächtige Blume steht der buddhistische Tempel, Wat Srinagarindravararam, mitten im grauen, tristen Industriegebiet Gretzenbachs. Die hohen weissen Mauern drum herum wirken etwas abschottend. Der Eingang ist in Thailändisch und Englisch beschriftet. Umso mehr überrascht es, dass sich beim Läuten am Eingang durch die Gegensprechanlage eine Stimme mit österreichischem Akzent meldet und hereinbittet, da das Tor gar nicht verschlossen sei.

Beim Betreten des über 7000 Quadratmeter grossen Geländes können sich die Augen gar nicht sattsehen. Jedes Gebäude ist prunkvoll, quer durch die ganze Farbpalette, verziert. Inmitten dieses Szenarios befindet sich ein handelsübliches Schwimmbecken, in dem viele kleine Schiffchen aus exotischen Blumen, Früchten oder Gemüse schwimmen. «Das sind Geschenke an den Wassergott», erklärt die Frau aus Österreich. Anfang Dezember wurde nämlich das Lichterfest im Tempel gefeiert. «Rund 300 Personen waren hier in Gretzenbach und haben das Lichterfest begangen», erklärt sie weiter. Auch sie sei extra wegen des Festes aus Österreich angereist.

Auch ein Auto wird gesegnet

Einige Meter neben dem Becken befinden sich zwei Frauen neben einem Auto. Aus einem Gebäude erscheint ein kleiner Thailänder und begrüsst die Frauen herzlich. Jedoch ohne Berührungen, denn das Berühren von Frauen ist den buddhistischen Mönchen strengstens untersagt.

Es ist der oberste Mönch dieses Tempels, Phrakru Kittidhammawitet. Zuerst geht er um das Auto herum, setzt sich hinein und spricht leise etwas vor sich hin. Nach etwa fünf Minuten bespritzt er das Auto mit geweihtem Wasser und befestigt ein Bild von Buddha am Rückspiegel. «Fast täglich kommen Buddhisten aus der ganzen Schweiz zu uns, um die verschiedensten Sachen segnen zu lassen», verrät Kittidhammawitet. Er sei auch viel zu neuen Häusern und Wohnungen unterwegs, um Segnungen durchzuführen und so böse Mächte von den neuen Besitztümern fernzuhalten.

Mit dem verschmitzten Lächeln eines kleinen Jungen scheint der Mönch viel jünger, als er ist. Er ist 50 Jahre alt und bereits 30 Jahre in seinem «Amt». Davon 20 Jahre in diesem Tempel in Gretzenbach, der auf Wunsch der thailändischen Königsfamilie gebaut wurde. Ikh Phrasrinagarindra, die bereits verstorbene Mutter des heutigen Königs, wohnte zu Lebzeiten in Lausanne und fühlte sich der Schweiz und den Schweizerinnen und Schweizern immer sehr verbunden. Der Tempel wurde nach ihr benannt. Baulich ist die dritte Etappe im Sommer 2003 endgültig abgeschlossen worden. Das innerhalb der Tempelmauern im thailändischen Stil fertiggestellte religiöse Hauptgebäude (Ubosoth) wurde am 28. Juni 2003 von der königlichen Hoheit Prinzessin Galayani Vadhana eingeweiht.

Leben nach den 311 Regeln

Die Augen von Kittidhammawitet strahlen eine unglaubliche Wärme aus, Ruhe und Gelassenheit. Für einen kurzen Augenblick möchte man in einen gar naiven Glauben an eine sichere und friedvolle Welt abtauchen. «Unser Tagesablauf ist immer etwa gleich; wir stehen früh auf, beten und meditieren. Nach einem gemeinsamen Frühstück übernimmt jeder seine Aufgabe», sagt Kittidhammawitet. Er sei für die Gästebetreuung verantwortlich. Andere würden Büroarbeiten machen oder putzen. Nur bei den verschiedenen Zeremonien wie einer Hochzeits- oder Feiertagszeremonie würden sie sich abwechseln.

«In der Schweiz sind höchstens sechs Mönche pro Tempel erlaubt», so Kittidhammawitet. Zwei davon seien noch nicht lange hier und müssten in die Schule gehen, um Deutsch zu lernen. «Mönch kann jeder werden, der keine ansteckenden Krankheiten hat, nicht körperlich oder geistig behindert ist und 100-prozentig ein Mann ist», sagt Kittidhammawitet lachend. Aber es gilt als Ziel, sich an die 311 Gebote zu halten, die das «Mönchsein» beinhaltet. «Jeder von uns Mönchen darf nie getötet oder gestohlen haben, muss bescheiden sowie sein Leben lang ohne Frau und Familie sein», meint er und versichert, dass er sich bis jetzt problemlos an die Gebote halte. Er arbeite täglich daran.

Früher habe es auch weibliche Mönche gegeben. In der Zwischenzeit sei das nicht mehr so in Thailand. In anderen buddhistischen Kulturen, wie beispielsweise in Sri Lanka, sei das jedoch normal. «Es gibt nämlich zwei Arten von Buddhismus, die beide unterschiedliche Glaubenssätze haben. Man kann es mit dem Unterschied zwischen den Reformierten und Katholiken vergleichen», meint Kittidhammawitet. «Dieser Tempel richtet sich vor allem nach den Glaubenssätzen der thailändischen Bevölkerung.»

Gaben anstatt Kirchensteuern

«Unter der Woche haben wir täglich rund zehn Besucher. Am Wochenende sind es schon mal über 100», erzählt er weiter. Beim thailändischen Neujahrsfest Mitte April seien sogar rund 1000 Personen gekommen. «Unter den Besuchern sind nicht nur Buddhisten aus der Schweiz, sondern auch aus Deutschland, Österreich, Italien oder Frankreich. Aber natürlich auch viele Interessierte aus anderen Religionen», versichert Kittidhammawitet. Finanziert wird der Tempel durch grosszügige Spenden. «An grossen Festtagen bringen Gläubige sogar kleine Bäumchen mit vielen daran befestigten Geldscheinen als Gabe mit.» Man könne im Tempel jedoch auch gratis übernachten oder essen, indem man bei den verschiedenen Arbeiten hilft.

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