Rückblick
«Ein weiteres Stück Aarau fällt» – wie sich die Einkaufsstadt Aarau vor 50 Jahren veränderte

Die Aarauer Warenhäuser möbeln auf – noch nie wurden in der Stadt zeitgleich so viele Lokale saniert wie jetzt. Und das ausgerechnet 50 Jahre, nachdem sich das Stadtzentrum signifikant verändert hatte.

Katja Schlegel
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Viele abgerissen, eines verschoben: Einkaufsstadt Aarau vor 50 Jahren
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Heute steht an dessen Stelle die «Denner»-Filiale.
Auch die Häuser an der Bahnhofstrasse mussten 1968 der Behmen-Überbauung weichen.
Das Bähnli verschwand 1967 von der Strasse.
Ebenfalls vor 50 Jahren wurde das Restaurant «Hirschen» am Graben in Schutt gelegt.
Rechts die Balkone vom «Waldmeier».

Viele abgerissen, eines verschoben: Einkaufsstadt Aarau vor 50 Jahren

Aarauer Neujahrsblätter 1969

C&A, Calida, PKZ, Schild, OVS, Globus, Calzedonia und allen voran Coop – in den Läden rund um die Aarauer Igelweid bleibt aktuell kaum ein Stein auf dem andern. Investitionen, die dem Standort Aarau neuen Schub verleihen. Und all das passiert just 50 Jahre nach dem Frühjahr, in dem sich die Aarauer Innerstadt innert weniger Wochen optisch so stark veränderte wie wohl nie zuvor.

«Ein weiteres Stück Aarau fällt» – eine Formulierung, die vor 50 Jahren mehrmals im «Aargauer Tagblatt» stand. Im Frühjahr 1968 wurden im Stadtzentrum gleich mehrere Häuser in Schutt gelegt, von einer regelrechten «Abbruch-Welle» war die Rede. Mit dem «Hirschen» am Graben, dem «Kohler-Stübli» an der Ecke Ziegelrain/Vordere Vorstadt und der alten «Aarauerstube» an der Bahnhofstrasse wurden beispielsweise gleich drei Gaststuben dem Erdboden gleichgemacht. Und auch zwischen Igelweid und Bahnhofstrasse fielen mehrere Gebäude, darunter die «Kanisius»-Buchhandlung und die Liegenschaft Christmann.

Viele abgerissen, eines verschoben

Nebst dem «Hirschen» musste ein weiteres Haus dem Warenhaus-Neubau Platz machen: das Hübscherhaus. Das 2750 Tonnen schwere Gebäude wurde aber nicht abgebrochen, sondern von August bis September 1968 um 54 Meter verschoben. Die Verschiebung kostete rund 950 000 Franken. Heute beherbergt das Hübscherhaus die Stadtbibliothek und das Café littéraire. Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums sucht die Stadtbibliothek für eine kleine Ausstellung (ab 25. Mai) Film- und Tonmaterial. Informationen nimmt Leiterin Lilo Moser entgegen, 062 824 50 11 oder lilo.moser@aarau.ch.

In den Lücken wuchsen Warenhäuser, das Coop-Center und die Behmen-Überbauung mitsamt dem Parkhaus, an der Oberen Vorstadt reckte sich das AEW-Hochhaus Stockwerk um Stockwerk in die Höhe, im Schachen weihte die Kern & Co. AG ihr neues Verwaltungsgebäude ein und an der Alten Kantonsschule wurde Aufrichte für den Erweiterungsbau gefeiert.

Vom Graben an die Hauswand

Mit dem «Hirschen» musste ein Haus weichen, in welchem sich einst eine der bedeutendsten Aarauer Bierbrauereien befand, nämlich die der Familie Siebenmann. Damals war es üblich, dass jeder rechte Wirt sein eigenes Bier ausschenkte; alleine Aarau zählte rund zehn Brauereien. Die Familie Siebenmann war es auch, die um 1820 einen Hirsch auf die Hauswand malen liess – in Erinnerung an die Hirsche, die während Jahrhunderten im Stadtgraben zwischen Oberturm und Schlossplatz gehalten worden waren; nicht etwa zur Zierde, sondern für die Pfanne, als währschaftes Menü für die Ratsherren. Der Name «Hirschen» blieb über die Jahrzehnte erhalten, ebenso wie das Gemälde. Blätterte es ab, wurde es abermals gemalt.

Der «Hirschen» sei eine der fidelsten Wirtschaften in Alt-Aarau gewesen, schreiben Hermann Rauber und Gustav Aeschbach in den Neujahrsblättern 1986. Wirt war ab 1945 der national bekannte Kranzschwinger August Suter. Die Gaststube war durch eine Treppe in zwei Lokale geteilt, die im Volksmund «Hafen und Dock» genannt wurden: Unten speisten die Gäste an weiss gedeckten Tischen, im Obergeschoss ging es volkstümlicher zu und her. Später übernahmen Hans und Lina Liechti das Zepter, bis 1967 das Licht gelöscht wurde. Das Hirsch-Fresko blieb – wenn auch stark verblasst – bis zu dem Moment sichtbar, als die Abbruchfirma das Areal umzäunte. Aus dem «Hirschen» wurde das Warenhaus Oscar Weber (ab 1985 EPA).

«Wo müde Schuppen standen»

Zeitgleich wie beim «Hirschen» lief auch für viele Häuser im Gebiet zwischen Igelweid, Hinterer Vorstadt und Bahnhofstrasse (damals hinter dem Globus, heute Manor) die Zeit ab: «Wo auf teurem Platz an guter Lage müde Schuppen standen, begann eine umfassende Abbrucharbeit», berichtete das AT. Sie alle machten dem Coop-Center Platz. Nebst den Abbruchliegenschaften und Lagerbuden fiel auch die Kanisius-Buchhandlung der Abrissbirne zum Opfer, in der Schwestern des römisch-katholischen Kanisius-Ordens religiöse Werke verkauften und wo Knirpse eine helle Freude daran hatten, das Missionskässeli, ein nickendes schwarzes Büblein, mit ein paar Rappen zu füttern. Stehen blieben nur noch die Häuser von Radio Gloor, Blumen Reinhardt, Seilerei K. Grau, Blumen Riniker und das Eckhaus, das Spielwarengeschäft Hemmeler (heute Modehaus WE).

Einem Neubau Platz machen mussten 1968 auch an der Ecke Ziegelrain/ Vordere Vorstadt verschiedene Häuser, darunter die Metzgerei und das Speiserestaurant Kohler-Stübli von Wirt und Metzgermeister Kohler (die einstige Wirtschaft Häfliger von Metzger und Wirt Otto Häfliger; die Wirtschaft trug jeweils den Namen des jeweiligen Besitzers). Hier fand vom Balkon des Saals aus in den 1920er-Jahren das «Nuss Nuss» der 1824er-Schützengilde Aarau statt. Die Häuser machten der Denner-Filiale Platz. Zwischenzeitlich befand sich im Obergeschoss das beliebte Restaurant Rondo.

Heute schüttelt man den Kopf

Wer heute von dieser Abbruch-Welle liest, hat womöglich wenig Verständnis für die damalige Euphorie – und vor allem für die seinerzeitige Vorstellung von schönem Bauen. Doch was damals alt war, war meist baufällig, nicht pittoresk. Wohl betitelte der AT-Redaktor den «Hirschen» vor 50 Jahren als «Sehenswürdigkeit», aber als «fragwürdige Sehenswürdigkeit»: Zwar habe der «Hirschen» sicher seinen Teil zur Lokalgeschichte beigetragen, stand damals im AT, doch möge er heute kaum noch Romantik hervorzaubern. «Sein Zustand erfordert ein Eingreifen; denn der Zahn der Zeit hat dem Bauwerk mächtig zugesetzt. Türen und Fenster sind jetzt verschlossen, der ‹Hirschen› will das moderne, pulsierende Leben unserer Zeit nicht mehr ansehen.» An seiner Stelle wird «ein neues, lichtdurchflutetes Geschäftshaus entstehen, das einen bedeutenden Akzent ins Stadtbild von Aarau setzen wird», so der begeisterte Redaktor weiter.

Ähnlich tönte es übrigens auch in Bezug auf die Häuser im Gebiet Igelweid: «Die Sanierung dieses Gebietes zwischen Bahnhofstrasse, Hinterer Vorstadt und Igelweid war überfällig. Aarau kann durch sie nur gewinnen», schwärmte der Redaktor und lobte das «Erneuerungsfieber», das in Aarau um sich greife. «Aarau wird eine moderne Stadt.»

Bis der nächste Entwicklungsschub das Geviert zwischen Igelweid und Bahnhofstrasse ergriff, dauerte es noch einmal knapp zwei Jahrzehnte. Erst Mitte der Achtzigerjahre, im September 1985, wurde mit der Eröffnung des City-Märts endlich eine Passerelle zwischen Igelweid und Bahnhofstrasse geschaffen.

Im August 1986 wurde an der Bahnhofstrasse der 1902 gebaute «Globus» abgerissen, ein französisch-eleganter Prachtsbau mitsamt einer auf dem Dach montierten, von innen beleuchteten Weltkugel. Das Warenhaus machte dem «Vilan»-Neubau (heute Manor) Platz, der im September 1988 eröffnet wurde.

Impressionen von der Altstadt Aarau:

Die Altstadt von Aarau – das Herz der Kantonshauptstadt – in Bildern.
42 Bilder
Das Rathaus in der historischen Altstadt.
Blick vom Oberturm auf die Altstadt und das Stadtmuseum.
Der Obertorturm
Blick vom Oberturm auf die Altstadt, den Hungerberg, den Scheibenschachen und Küttigen.
Blick vom Oberstorturm auf die Altstadt Aarau
Blick auf das Haldentor in der Altstadt von Aarau.
Stadtbach und Brunnenbänke in der Rathausgasse – die Schweizerfahnen hängen anlässlich des 1. August.
Die Aarauer Altstadt in Bildern
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Stadtbach und Brunnenbänke in der Rathausgasse. Die Schweizerfahnen hängen anlässlich des 1. August
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Luftaufnahme Aarau vom Obertorturm mit Glockenspiel
 Werke des Künstlers Felix Hoffmann am Oberstadtturm.
Die Aarauer Altstadt in Bildern
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Die Aarauer Altstadt in Bildern
Werke des Künstlers Felix Hoffmann in der Stadtkirche.
Werke des Künstlers Felix Hoffmann im Rathaus Aarau.
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Altstadt von Aarau aus der Vogelperspektive einer Drohne.
Die Aussicht vom Rebhäuschen auf die Altstadt Aarau
Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.
Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.
Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.
Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.
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Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.

Die Altstadt von Aarau – das Herz der Kantonshauptstadt – in Bildern.

/KEYSTONE/GAETAN BALLY

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