Adventskalender (1)
Der Gönnert-Stollen: die Tür zur unterirdischen Lebensader

Im ersten Teil unseres Adventskalenders werfen wir einen Blick in den Gönnert-Stollen in Aarau. Dieser wurde gebaut, nachdem es den Städtern wegen der Cholera an den Kragen gegangen war.

Katja Schlegel
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Heute zeigen wir Ihnen, was sich hinter dieser Tür versteckt.

Heute zeigen wir Ihnen, was sich hinter dieser Tür versteckt.

Alex Spichale

Ein graues Backsteinhaus, eine graue Riffelblechtüre, der Boden grau vom verrotteten Laub. Einziger Farbtupfer ist die gelbe Box für die Hundesäckli, die an das Häuschchen geschraubt ist. Oberirdisch eine triste, unscheinbare Sache, dieses Geheimnis am Rande des Gönhardwaldes in Aarau. Zieht man aber die Blechtüre auf, kommt eine zweite, viel ältere Tür zum Vorschein, eine Tür mit Rost und einer Rosette. Dahinter liegt eine Treppe, vom Ansatz aus blickt man in ein tiefes, schwarzes Loch. Im Schein der aufflackernden Neonröhren glitzert ein Rinnsal, ein paar Kellerasseln rennen durch den Lichtkegel der Taschenlampe. Hier, knapp fünf Meter unter Boden, liegt der Gönnert-Stollen.

Barbara Reusser kann nur gebückt durch den Gönnert-Stollen marschieren. Das dauert rund 20 Minuten und ist nichts für schwache Nerven.Alex Spichale

Barbara Reusser kann nur gebückt durch den Gönnert-Stollen marschieren. Das dauert rund 20 Minuten und ist nichts für schwache Nerven.Alex Spichale

Alex Spichale

Vermutlich bereits seit der Stadtgründung Mitte des 13. Jahrhunderts beziehen die Aarauer ihr Wasser aus dem Gebiet zwischen Suhr und Entfelden. Woher diese Quelle stammt, erzählt eine Sage: So nahmen im Jahre 1270 Schultheiss und Rat von Aarau die Schwestern Christi von Schänis auf und schenkten ihnen eine Hofstatt in der Halde (heute Altersheim Golatti). Die Schwestern hatten bei einer Feuersbrunst ihr Frauenstift verloren. Ein Stiftsfräulein soll daraufhin aus lauter Dankbarkeit den Aarauern zwei Optionen anerboten haben: Entweder würde sie den Bürgern eine goldene Kette machen lassen, die rings um die Stadtmauern ginge, oder ihnen eine Quelle von der Mächtigkeit eines Baches auffinden und durch den ganzen Ort fliessen lassen.

Suhrer Unrat im Stadtbach

Wie Ernst Ludwig Rochholz 1856 in seiner Sagensammlung schreibt, hätten sich die Aarauer aus Sorgfalt für den eigenen Nutzen und das Wohl der Nachkommen für den Bach und gegen den gleissenden Goldreichtum entschieden. «So müssen sich denn jetzt in einer viertelstündigen Entfernung von der Stadt reichliche Bergquellen beim Dorfe Sur sammeln und nach wenigen Minuten schon als ein ruhiger und bis zum Rande gefüllter Bach der Stadt zugehen», schreibt Rochholz und schiebt gleich hinterher, dass die geschichtliche Gültigkeit dieser Sage durchaus bezweifelt werde.

Der Stadtbach lieferte Trinkwasser und trieb die Wasserräder der städtischen Gewerbebetriebe an. Der offene Bachlauf war in hygienischer Hinsicht aber ein Problem: 1671 beklagte sich die Stadt Aarau, dass die Suhrer gegen jede gute Nachbarschaft und altes Herkommen verstossen würden, indem «aller hand Unrath und wüeste unleidenliche Sachen daryn geschüttet und gewäschen werde» und dadurch «schwäre Kranckheiten endtstehen», wie Markus Widmer-Dean in der «Ortsgeschichte Suhr» schreibt. Es brauchte aber erst die schwere Choleraepidemie im Jahr 1854, die Dutzende Aarauer dahin raffte, bis sich die Stadt an die Verbesserung der Trinkwasserversorgung machte.

Kein Wasser im Zelgli

Erst liess man vergeblich im Zelgli nach Wasser graben, um auf das kostspielige Projekt eines Gönhard-Stollens verzichten zu können. Doch es blieb nichts anderes, als Wasser der Brüelmatten-Quellen von Suhr her nach Aarau zu leiten. Fünf Jahre Planung und Bauzeit nahm es in Anspruch, den 732 Meter langen Tunnel mit einem Meter Gefälle zu graben. Wegen technischer Schwierigkeiten kostete das Bauwerk 100 000 Franken und damit rund einen Drittel mehr als geplant.

Heute fliesst hier nur noch Grundwasser, ein träges Rinnsal, manchenorts ist das Bett sogar ausgetrocknet. Ein karger, lebloser Ort, nur ein paar bleiche Spinnen kriechen über die Wände und im Licht der Taschenlampen tanzen Mücken. Nur etwa zehn Mal im Jahr kehrt hier Leben ein, dann, wenn Barbara Reusser von der IBAarau und eine Handvoll Besucher mit eingezogenen Köpfen und krummen Rücken durch den niedrigen Stollen laufen. Eine gut zwanzigminütige Wanderung, nichts für schwache Nerven.

«Das erste Mal war unangenehm», erinnert sich Reusser. «Aber kaum war ich durch den Stollen durch, wollte ich es noch einmal erleben», sagt sie und lacht. Inzwischen kennt sie jeden Knick, jeden Vorsprung und jede feuchte Stelle im Stollen. «Ich bin gern hier unten in dieser Einsamkeit ohne Alltagslärm», sagt sie. Und ohne Hitze. Denn egal, welche Jahreszeit auch draussen herrsche, hier drin sei es immer gleich kühl.

* In der Adventszeit öffnen wir jeden Tag eine interessante Tür in der Region und schauen, was sich dahinter verbirgt.

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