Aarau
Der ehemalige Stadtschreiber und präzise Denker Martin Gossweiler geht

Martin Gossweiler war 32 Jahre lang Stadtschreiber und erlebte drei Stadtoberhäupter. Mit allen drei verstand er sich gut. Sie loben seine präzise Arbeitsweise und die Leidenschaft am Beruf. Diese kann er nun, dank der neu gewonnen Freizeit, in sein Hobby stecken.

Hubert Keller
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Seine Zeit im Aarauer Rathaus geht zu Ende, Martin Gossweiler hat jetzt wieder mehr Zeit für seine Geige.

Seine Zeit im Aarauer Rathaus geht zu Ende, Martin Gossweiler hat jetzt wieder mehr Zeit für seine Geige.

Mario Heller

Sein Büro wird gegenwärtig neu gestrichen. Die Ordner, Akten und dicken Dossiers hat er zwischengelagert, zwischengelagert für Daniel Roth, seinen Nachfolger. Stadtschreiber Martin Gossweiler hat ab nächstem Monat wieder mehr Zeit zum Üben: Geige.

Gossweiler, waschechter Aarauer, trat seine Stelle im Aarauer Rathaus 1984 an. Damals war noch Markus Meyer Stadtammann, dem 1988 Marcel Guignard und 2014 Jolanda Urech nachfolgten. «Ich konnte es mit allen dreien gut», sagt Gossweiler. Dies bestätigt Marcel Guignard: «Martin Gossweiler ist ein präziser Denker, und präzis ist er auch in der Arbeit. Ich schätze ihn als sympathische und integre Persönlichkeit.» Seine solide juristische Fachkompetenz hat Gossweiler als Ersatzrichter des Verwaltungsgerichts und als Mitautor des neuen Kommentars zum Baugesetz auch auf Kantonsebene eingebracht. «All diese Qualitäten kamen ihm zum Beispiel beim Fusionsprojekt Aarau-Rohr zugute, das er stadtseits auf Verwaltungsebene umsichtig leitete», sagt Guignard.

Marcel Guignard und Martin Gossweiler haben eine lange Strecke ihres aktiven Berufslebens gemeinsam zurückgelegt. Seine erste Stelle hatte Gossweiler nämlich als juristischer Adjunkt in der Justizabteilung des Kantons, deren Chef der um wenige Jahre ältere Marcel Guignard, ebenfalls Jurist, war.

Stadtpräsidentin Jolanda Urech wird Gossweilers überlegte, ruhige Art vermissen, aber auch seinen Humor und seine Bodenständigkeit. «Martin Gossweiler war ein leidenschaftlicher und beseelter Stadtschreiber. Unzählige Stadtratsgeschäfte gingen in all den Jahren über seinen Tisch. Gewissenhaft prüfte er sie auf ihre juristische Korrektheit und Vollständigkeit, bevor sie auf den Stadtratstisch kamen. Er war für den Stadtrat eine unerlässliche Unterstützung.» Jederzeit habe sich der Stadtrat auf seine Urteilskraft und langjährige Erfahrung, seine Zuverlässigkeit und Loyalität verlassen können.

Felix Fuchs, der Stadtbaumeister, der 26 Jahre mit Gossweiler zusammenarbeitete und letztes Jahr in Pension ging, erinnert sich an die gemeinsame Teilnahme an einem kantonalen Orientierungslauf in den 1990er-Jahren: «Als Zweier-Team haben wir das Ziel erreicht, nicht in Rekordzeit, aber absolut sicher. Alles was Martin Gossweiler beschäftigte, musste hohen formellen Ansprüchen genügen. Nonchalance war nicht sein Ding.»

Wie er sich denn so fühle, so kurz vor der Pensionierung? Das werde er oft gefragt, sagt Gossweiler. Aber im Moment komme er gar nicht dazu, sich darüber Gedanken zu machen. «Mir werden die vielen tollen Leute fehlen, mit denen ich jahrelang zusammengearbeitet habe.» Sicher falle viel Druck von ihm ab, keine Geschäfte mehr und Termine, schlecht könne das nicht sein. Und Angst, dass es ihm langweilig werde, habe er schon gar nicht.

Martin Gossweiler wird wieder mehr Zeit für anderes haben, so zum Beispiel für die Musik. Er ist Geiger im Orchesterverein. «Theoretisch», fügt er einschränkend an. Denn das Üben kam über lange Strecken zu kurz. «Die Geige verträgt es nicht, wenn man mit dem Üben nachlässt.»

Klassische Juristenfamilie

Gossweilers Elternhaus steht an der Signalstrasse, bei der Abzweigung Richtung Binzenhof. Vor 20 Jahren erbaute er mit seiner Frau Regula ein Wohnhaus unterhalb der Echolinde im Zelgli. Sein Vater war schon Jurist. «Man will es ja nicht wahrhaben, doch das Elternhaus prägt einen halt doch», sagt Gossweiler, dessen Söhne prompt auch zu Juristen wurden. Die Musik zum Beruf zu machen, das hätte ihn schon gereizt. Doch das Niveau, das dafür erforderlich gewesen wäre, traute er sich nicht zu, und Lehrer wollte er nicht werden. Dann also die Jurisprudenz mit Spezialisierung im Verwaltungsrecht. Der Weg ins Aarauer Rathaus war vorgezeichnet.

Beim Stellenantritt 1984 war noch einiges anders: Es galt noch das erste Baugesetz von 1971, das Umweltschutzgesetz war noch nicht in Kraft und an ein Energiegesetz dachte niemand. Computer gab es damals im Aarauer Rathaus nicht, dafür die legendäre IBM-Kugelkopfmaschine. Einzelne Sekretärinnen hatten Textautomaten mit kleinen Bildschirmen, die wenig grösser waren als die Displays heutiger Smartphones. Die Schrift flimmerte grünlich im Takt des Zehnfingersystems. Erst 1993 hielt im Rathaus die EDV Einzug.

«Die elektronischen Hilfsmittel, die uns heute zur Verfügung stehen, sind genial, sie machen aber auch vieles möglich, über dessen Sinn und Zweck man streiten könnte», sagt Gossweiler. Die Dokumente, Vernehmlassungen, Protokolle wurden länger und länger. Die Regeldichte nahm zu. «Dies», sagt Gossweiler, «hat vor allem damit zu tun, dass wir möglichst alles perfekt und bis in alle Einzelheiten regeln wollen und nach besonderen Ereignissen gleich die Gesetzesmaschinerie in Gang setzen. Allerdings zwingen uns in der Raumplanung die knapper werdenden Landressourcen zu immer mehr und auch einschneidenden Regelungen.» Gossweiler zeichnet das Bild des Obstbaums, der wächst und wächst und hin und wieder den Eingriff eines Baumpflegers erfordert. «Unsere Gesetze und Verordnungen würden auch ab und zu einen Baumpfleger vertragen.»

Dass die Altstadt von Aarau derart gut habe erhalten werden können, habe man ja auch Regeln zu verdanken, die von den Einwohnern halt oft als Schikane empfunden würden. «Wir haben eine wunderschöne Stadt», sagt der Stadtschreiber. Dass sie vom Durchgangsverkehr befreit werden konnte, erachtet er im Rückblick als besonders bemerkenswerte Errungenschaft.

Fusion als wichtigstes Projekt

Das grösste und wichtigste Projekt, das Stadtschreiber Gossweiler als Projektleiter betreute, war die Fusion mit Rohr. Ab 2005 wurde das Furora-Projekt kontinuierlich bearbeitet und weitergetrieben. «Es galt, sich gegen alle Seiten stets transparent und fair zu verhalten, damit alle Projektschritte nachvollziehbar waren», sagt er. Genugtuung erfüllte ihn, als im November 2008 der Zusammenschluss in Aarau und in Rohr mit über 80 Prozent Zustimmung angenommen wurde. Auf den 1. Januar 2010 wurde die Fusion umgesetzt.

Als Stadtschreiber blieb Martin Gossweiler im Hintergrund. «Der Stadtschreiber ist dafür verantwortlich, dass der Ratsbetrieb funktioniert», sagt er. In den Sitzungen des Stadtrats hat der Stadtschreiber beratende Stimme, doch wenn entschieden wird, ist seine Meinung nicht gefragt. «Den politischen Einfluss habe ich nicht vermisst, sonst hätte ich einen anderen Beruf wählen müssen.»