Aarau
Der Drache jagt ihn quer durch das gefährliche Hochmoor

Fürs Glücklichsein nimmt Extremläufer Guido Huwiler ein lebensgefährliches Abenteuer in Kauf.

Katja Schlegel
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Bei Temperaturen um den Nullpunkt rennt Guido Huwiler ohne mit der Wimper zu zucken durch den Frey-Kanal in der Telli. Chris Iseli

Bei Temperaturen um den Nullpunkt rennt Guido Huwiler ohne mit der Wimper zu zucken durch den Frey-Kanal in der Telli. Chris Iseli

Chris Iseli

Der Abenteurer nennt es Wellness, ein schiefes Lächeln im Gesicht: Eine Woche lang nasse Füsse, Schlammpackungen, Essen, so viel man will, dazu Natur in ihrer herben Schönheit. Für andere ist es nicht mehr als eine unmenschliche Schinderei: das «Spine Race» in Grossbritannien, bekannt als das brutalste Rennen der Insel. 430 Kilometer über den Fernwanderweg «Pennine Way» von Manchester hoch bis Schottland, quer durch Moorgebiete bei Wind und Wetter, über 11 500 Höhenmeter. Am Sonntag startet der Aarauer Guido Huwiler (52) zum dritten Mal an diesem Rennen. Sieben Tage hat er Zeit, ans Ziel zu kommen. Auf dem Buckel wird er Schlafsack, Zelt, Ersatzkleidung, Gaskocher, Essen, vier Liter Wasser, einen GPS-Sender und ein Erste-Hilfe-Set mittragen. Ohne diese Dinge könnte das Abenteuer auf der Strecke zwischen den rettenden Nachtlagern tödlich enden.

Huwiler ist verrückt danach. Nach dem Laufen, der Plagerei, der Selbstüberwindung. Und nach der Natur, der Bewegung, dem Leben. Das ist es, was ihn sich selber spüren lässt. «Leben ist Bewegung», sagt er. «Stillstand ist tödlich.» Dieses Rennen sei wie das Leben, wer im Hochmoor bei Minustemperaturen stehen bleibt, spielt mit dem Tod. Der überanstrengte Körper unterkühlt innert Minuten. Fünf bis sechs Stunden Pause pro Tag müssen für Schlafen und Essen reichen, den Rest muss Huwiler rennen, laufen, joggen, krabbeln. Und essen: Jede Viertelstunde verlangt der Körper neue Kalorien. Salami, Nüssli, Eiweissgetränk, Energieriegel, Koffeintabletten, Schoggi. Hauptsache fettig und energiereich. Und am Abend im Schlafsack, in einer der 50 bis 60 Kilometer weit auseinanderliegenden Kontrollstellen, gibt es ein alkoholfreies Bier fürs Gemüt.

Bloss ein Schreibmaschinenkurs

1986, mit 24 Jahren, erstellte Huwiler eine Liste mit lauter Dingen, die er im Leben erreichen oder erleben wollte: Fallschirmspringen, beispielsweise. Oder Canyoning, auf einem Tauchschiff arbeiten, mit dem Velo nach Indien fahren, den Kilimandscharo erklimmen, eine Projektleitung übernehmen, einen Schreibmaschinenkurs machen. Huwiler wurde Tauchlehrer, war auf dem Kilimandscharo und in Indien und rutschte im Neoprenanzug durch Bachbette, studierte Architektur und leitete Projekte als Bauherrenvertreter, wurde Schweizer Meister und Vizeweltmeister im Fallschirmspringen. Mit Ausnahme des Schreibmaschinenkurses hat er alles gemacht, jede Position auf der Liste hat er abgehakt. «Bloss hat mich das alles nicht wirklich glücklich gemacht», sagt er. Ihm fehlte das, was ihn im Innersten antreibt.

Glücklich gemacht hat ihn erst das Laufen. Es war die Erinnerung an die gequälten, entrückten Gesichter der Teilnehmer des ersten «Raid Gauloises» 1989, des ersten Abenteuerrennens dieser Art, die Huwiler wieder hochkamen. «Da wusste ich: Das muss ich auch erleben. Ich will wissen, was diese Menschen gesehen und erlebt haben.» Und so begann er mit dem Laufen, rannte 2007 als ersten Abenteuerlauf den «Swiss Alpine Marathon». In den letzten Monaten absolvierte er gleich vier der weltweit härtesten Rennen: den «Ultra Trail du Mont Blanc», den «Marathon des Sables» durch die marokkanische Wüste, den «Tor des Géants» im Aosta-Tal und den «Spine Race».

Es ist nicht so, dass Huwiler auf den Läufen nicht leidet, im Gegenteil. Er sagt von sich selbst, er sei eine Mimose. Manchmal heule er ungehemmt, verfluche alles um ihn herum, würde am liebsten die Turnschuhe von den Füssen zerren und am Wegrand sitzenbleiben. «Das Ding war schwer, sehr schwer, ein Drachen von einem Rennen», hat Huwiler vor einem Jahr über das Abenteuer in seinem Blog geschrieben. «Es hat Biss, es wehrt sich bei jedem Tritt, verändert sich jeden Augenblick. Du weisst nie, was kommt, musst nehmen, was kommt, solange es kommt. Wenn du denkst, es ist vorbei, kommt was Neues. Und wenn du denkst, es gibt nichts Heftigeres, kommt was Gröberes.»

Man gewöhne sich an alles, sagt Huwiler jetzt daheim am Tisch in der warmen Stube, in der Hand eine Tasse Pulverkaffee. «Und sonst beisst man halt die Zähne zusammen. Absitzen und auf Hilfe warten nützt nichts.» Und warum genau tut er sich das an? Huwiler lacht vergnügt. «Ich tue mir doch nichts an, ich entdecke das Leben.»

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