Nach Messerattacke
Das Leben im Bunker – ein Besuch in der Asylunterkunft in Aarau

Am Samstag kam in der Asylunterkunft im Kantonsspital Aarau ein Asylbewerber nach einer Messerstecherei ums Leben, ein weiterer wurde schwer verletzt. Danach geriet die Unterbringung der Asylsuchenden in Kritik. Wie lebt es sich in einem Bunker am Aarauer Stadtrand zusammen mit Hunderten jungen Männern aus den unterschiedlichsten Kultur-, Sprach- und Bildungskreisen?

William Stern
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In den winzigen Schlafräume sind mehr als 30 Personen untergebracht – Privatsphäre ist hier ein Fremdwort.
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Unterirdische Asylunterkunft Aarau
Kraftraum im Untergrund: Er trainiere jeden Tag hier, erzählt Abdu stolz.
Beton, Grün und Zäune: der Vorplatz des Asylzentrums.
Eingang zum Gops Aarau – im Hintergrund die Containterbauten mit Küche und Essensbereich.
15 Toiletten stehen den bis zu 300 Asylbewerbern zur Verfügung.
Lavabos im Bunker.
Aufenthaltsecke unter Tage: Hier schlafen, skypen und plaudern die Bewohner des Asylzentrums.
Sirag, 20 Jahre alt, Iraker, seit acht Monaten in der Gops.
Anschlagbretter in der Gops.
Mohammed, Afghane, 19 Jahre alt, seit vier Monaten in der Gops.
Was mich traurig macht: «Zu viele Menschen, viel Lärm, wenig persönliche Freiheit.»
Drinnen wird gegessen, draussen geraucht: Vor dem Essensraum im Container.
Mohammuds Erinnerung an eine Begegnung mit dem somalischen Militär.
Mittags kann es an den Herdplatten eng werden: Hier kochen die über 200 Asylsuchenden täglich.
12 Duschen für 220 Menschen. Bei Vollbelegung sind es gar 300 Personen, die im unterirdischen Bau leben.
Mittwoch ist Zahltag: Wöchentlich erhalten die Asylbewerber 70 Franken.

In den winzigen Schlafräume sind mehr als 30 Personen untergebracht – Privatsphäre ist hier ein Fremdwort.

watson

Wer an diesem Spätsommernachmittag durch den weitläufigen Park des Aarauer Kantonsspitals spaziert, wähnt sich in einer besseren Welt. Unter Pappeln und Trauerweiden laden Liegestühle zum Verweilen ein, kleine Pavillons säumen den Weg durch die weitläufige Anlage, Arztpersonal, Krankenschwestern und Spitalbesucher flanieren durch die Anlage. Und selbst die Patienten schlurfen, im Gleichschritt mit ihrem Tropf, an dem sie hängen wie an der Zigarette, gleichmütig in Richtung Raucherinsel.

Beton, Grün und Zäune: der Vorplatz des Asylzentrums.

Beton, Grün und Zäune: der Vorplatz des Asylzentrums.

watson

Den rund 220 Asylsuchenden wird der Zutritt zur besseren Welt verwehrt. Seit es eine Häufung von Klagen wegen herumlungernder junger Asylsuchender gegeben hat, beschloss die Spitalleitung, die Tore für die Asylbewerber zu schliessen. Nun fläzen sich wieder nur Weiss- und Grünkittel in den Liegestühlen – die Eritreer, Somalier, Afghanen, all die jungen Männer, die im Asylverfahren stecken, strecken ihre Beine auf Holzstühle und Plastikschemel. Und auch die drei Iraner, die am Samstagmorgen in der Asylunterkunft in einen Streit geraten sind, haben wahrscheinlich selten die imposante Büste des Arztes und Spitaldirektors August Bircher im Herzen des Parks zu Gesicht bekommen.

Eingang zum Gops Aarau – im Hintergrund die Containterbauten mit Küche und Essensbereich.

Eingang zum Gops Aarau – im Hintergrund die Containterbauten mit Küche und Essensbereich.

watson

Irgendwann gegen Viertel vor sieben wird es passiert sein, schätzt Kapo-Sprecher Graser. Dann geraten die drei Iraner in einen Streit. Kurz darauf geht bei der Kantonspolizei Aargau der Notruf ein: gewalttätiger Zwischenfall in der Asylunterkunft gleich neben dem Kantonsspital, am Ende der Wiesenstrasse, dort wo die hölzernen Gatter der lauschigen Einfamilienhäuschen die Stadt Aarau von der Gemeinde Suhr trennen. Die Polizei rückt mit mehreren Patrouillen aus, ein 27-Jähriger wird widerstandslos festgenommen, das Küchenmesser noch in der Hand.

Am Schluss ist einer der drei Männer tot, ein weiterer liegt schwer verletzt auf der Intensivstation. Der Täter, ein 27-jähriger Iraner, ist geständig. Über das Motiv des Mannes schweigen sich die Behörden noch aus. Der 23-Jährige, der mit Stichverletzungen im Spital liegt, konnte noch nicht befragt werden.

Der Fall befeuert gleich zwei typische Reaktionsmuster. Auf der einen Seite die «Ich-hab-es-schon-immer-gesagt»-Fraktion, die vor der Gewalttätigkeit, Triebhaftigkeit und Unberechenbarkeit der jungen Männer jenseits der europäischen Grenzen, im wilden Hinterland Nordafrikastans und dem längst pulverisierten Pulverfass Nahen Osten, warnt. Auf der anderen die Apologeten der Flüchtlinge, die wo immer möglich auf die zerrüttete Psyche und die katastrophale Unterbringung der Asylsuchenden hinweisen. Für die einen ist klar: Irgendwann musste das ja passieren. Für die anderen ist klar: Irgendwann musste das ja passieren. Über die Faktizität der Gewalttat herrscht Übereinstimmung, über die Auslöser scheiden sich die Geister.

Ehemals Spital, jetzt Asylunterkunft

Zwei Tage danach. Vor der Asylunterkunft herrscht um die Mittagszeit reges Kommen und Gehen. Savi verlässt soeben mit drei Kollegen das Asylzentrum. Sie sind auf dem Weg zu einem Kollegen in Buchs. In gebrochenem Englisch erzählt Savi, der eigentlich anders heisst, vom Leben im Bunker. «Not good», lautet sein knappes Fazit. Und die Schweiz? «Good.» Seit sieben Monaten ist der 32-jährige Tamile im Asylzentrum tief unter dem Kantonsspital Aarau, seit acht Monaten in der Schweiz. Von der tödlichen Auseinandersetzung hat er nichts mitbekommen. Fotografieren lassen will er sich nicht.

Mohammud, 18 Jahre alt, seit fünf Monaten im Gops.

Mohammud, 18 Jahre alt, seit fünf Monaten im Gops.

watson

Mohammud hat da weniger Berührungsängste. Im Gesicht des 18-jährigen Somaliers spiegelt sich jugendliche Unbekümmertheit. Gerne führe er durch den Bunker und zeige seinen Schlafplatz. «Just hop the fence», fordert er den Besucher auf. Der grüngestrichene Metallzaun schlängelt sich auf Hüfthöhe wie eine Festivalabgrenzung vom Eingang des Asylzentrums zur nächsten Strassenecke.

Vorbei an einem zweigeschossigen, weiss-blauen Containermodulbau, an dem sich mächtige metallene Lüftungsrohre klammern, geht es zum schmucklosen Eingangsbereich der Gops, der Geschützten Operationsstelle. Die Gops, eine Einrichtung des Kantonsspitals Aarau, wurde auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, im Dezember 2015 als temporäre Asylunterkunft in Betrieb genommen. Ende Mai, am Tag der offenen Tür, hing über dem Eingang ein Banner: «Mirësevini, Grüezi, Herzlich willkommen». Jetzt ist da nur wieder der fleckige Sichtbeton.

Rauchen und Warten

Willkommen fühlt man sich trotzdem. Dass ein Journalist einen Augenschein nehmen will, kümmert hier niemanden gross, obwohl der Zutritt gemäss Reglement der Betreiberfirma verboten ist. Zu dritt, viert, fünft stehen die Asylsuchenden auf dem kleinen Vorplatz herum, die Köpfe zusammen-, die Zigaretten angesteckt. Hier die Afghanen, dort die Tamilen, in der Ecke die Kurden aus dem Irak, beim hohen Zaun die Eritreer. Man komme gut miteinander aus, betonen alle, aber der Sprachgraben verhindere Freundschaften über die eigene Nationalität hinaus.

Aufenthaltsecke unter Tage: Hier schlafen, skypen und plaudern die Bewohner des Asylzentrums.

Aufenthaltsecke unter Tage: Hier schlafen, skypen und plaudern die Bewohner des Asylzentrums.

watson

Eine Rampe führt in den unterirdischen Bereich der ehemaligen Operationsstelle. Die fahlgelben Betonwände und die Chromstahl-Waschbecken erinnern an Fussball-Trainingskabinen, der Geruch ebenso: In der Luft hängen schwer die Ausdünstungen, verstärkt durch die flirrende Hitze, die im Sommer nach unten wabert. Tagsüber sei es hier manchmal kaum auszuhalten, sagt Muhammud. Ali, der sich zu uns gesellt hat, pflichtet lachend bei: Ein Gefängnis sei es hier unten, ein kochend heisses. Bis zu 30 Leute teilen sich eine Schlafstätte, Kopf an Kopf schläft man hier, zehn Meter unter dem Kantonsspital, in Bettkonstruktionen, die an umgekippte Getränkeharasse erinnern.

220 Männer wohnten bis vor kurzem in der Gops, kochten miteinander, wuschen gemeinsam, teilten sich ihre Zimmer und ihre Sorgen, ihre Privatsphäre, die lähmende Angst vor dem Nachher und die beflügelnde Hoffnung auf die Zukunft. Am Montag gab der Kanton bekannt, dass 30 Personen verlegt worden seien. Als Reaktion auf die Messerstecherei. Sie waren Zimmergenossen des 27-jährigen Iraners. Auch der mutmassliche Täter soll eine Verlegung beantragt haben, hiess es kurz nach der Tat. Er halte es nicht länger aus, die Decke falle ihm sonst sprichwörtlich auf den Kopf, soll er geklagt haben. Balz Bruder, Sprecher des Sozialdepartements, verneint gegenüber der «Aargauer Zeitung»: Ein entsprechendes Gesuch des mutmasslichen Täters sei nie eingegangen.

Tötungsdelik in Asylunterkunft: Täter geständig
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Das Opfer starb im Spital. Ein anderer Mann (25), ebenfalls aus dem Iran, wurde schwer verletzt und notoperiert und befand sich danach ausser Lebensgefahr.
Einsatzkräfte trafen vor Ort auf den mutmasslichen Täter, einen 27-jährigen Mann aus dem Iran. Er liess sich widerstandslos festnehmen. Später gestand er die Tat.
Der mutmassliche Täter wurde leicht an der Hand verletzt und im Spital ambulant behandelt.

Tötungsdelik in Asylunterkunft: Täter geständig

TeleM1/Peter Rippstein

Die Asylsuchenden in der Gops können kommen und gehen, wann sie wollen. Sie werden betreut von Mitarbeitern der Firma ORS, die auf die Unterbringung von Flüchtlingen spezialisiert ist und wegen ihrer Geschäftstätigkeit auch schon in der Kritik stand. «Die Asylprofiteure», heisst es dann schon einmal.

Im Angebot sind Deutschkurse, Fussballtrainings, manchmal geht es auf den Werkhof. Gegen ein winziges Entgelt werden die Asylsuchenden hier beschäftigt. Arbeit darf man es nicht nennen.

Die ungewisse Zukunft

Unter Psychologen und Psychiatern herrscht eine einhellige Meinung: Enge Platzverhältnisse, fehlende Privatsphäre und eine ungewisse Zukunftsperspektive begünstigen ein Klima, in dem psychische Krankheiten gedeihen. Umso mehr, wenn im Heimatland oder auf der Flucht traumatische Erfahrungen – sei es durch Krieg, Folter oder den Verlust von Familienmitgliedern und Freunden – gemacht worden sind. «Traumatisierte Leute sind schnell reizüberflutet und lärmempfindlich», sagte die Psychologin Sonja Nydegger, Mitarbeiterin des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer, im Interview mit dem Bund. Sarah Michalik, Fachpsychologin und Leiterin des Netzwerks Psy4Asyl, stellt fest: «Lichtmangel, enge und karge Räume, insbesondere auch das Fehlen von Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten können die psychische Gesundheit stark belasten.»

Was mich traurig macht: «Zu viele Menschen, viel Lärm, wenig persönliche Freiheit.»

Was mich traurig macht: «Zu viele Menschen, viel Lärm, wenig persönliche Freiheit.»

watson

Für Constantin Hruschka von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe ist klar: «Auf die Unterbringung von Asylsuchenden in unterirdischen Anlagen sollte eigentlich ganz verzichtet werden.» Eigentlich: «Das Problem ist, dass die Strukturen in der Schweiz schlicht nicht für mehr als 20'000 Menschen ausgerichtet sind.» Als Zwischenlösung seien die Anlagen akzeptabel, aber nicht auf Dauer. «Die Absehbarkeit macht den Unterschied aus. Wenn ein Schweizer Dienstpflichtiger eine Woche in einer Zivilschutzanlage verbringen muss, dann findet er das auch nicht schön. Aber er weiss: Nach einer Woche ist es vorbei.»

Unterirdische Asylunterkunft Aarau

Unterirdische Asylunterkunft Aarau

watson

Abdu, der 18-Jährige mit der Frisur eines Achtziger-Hip-Hoppers – flat top haircut, Schläfengegend kurz geschoren, auf dem Kopf ein in die Höhe ragender monolithischer Haarblock – lebt seit sechs Monaten unter Tag. Er stammt wie Ali und Muhammud aus El Barde, einer Provinz im Südwesten von Somalia. Was wünscht er sich am meisten, was fehlt ihm hier zum Glück? Ein Buchstabe: «Das B», die Aufenthaltsbewilligung. Und dann? Dann will er endlich richtig Deutsch lernen – die Sprachkurse der Betreuer und die zwei Stunden Caritas, das reiche einfach nicht. Und arbeiten, nur arbeiten, egal was.

Eine Ausbildung hat Abdu nicht, wie auch, er ist geflohen, als er 17 Jahre alt war. Knapp die Schule hinter sich gebracht. Englisch hat er sich auf dem Weg von Somalia in die Schweiz beigebracht. 5904,97 Kilometer Luftlinie, Tausende Kilometer mehr, wenn man die Umwege und Pausen, die tagelangen Stopps im Niemandsland zwischen Somalia und Libyen, die Autopannen in der sudanesischen Wüste und das Warten auf eine Überfahrt an der libyschen Küste dazurechnet. «Die Route von ‹Ceel Barde, Somalia› nach ‹Wiesenstrasse 10, 5000 Aarau, Schweiz› konnte nicht berechnet werden.» Wo Google Maps scheitert, reüssierten Abdu und seine Freunde.

In den winzigen Schlafräume sind mehr als 30 Personen untergebracht – Privatsphäre ist hier ein Fremdwort.

In den winzigen Schlafräume sind mehr als 30 Personen untergebracht – Privatsphäre ist hier ein Fremdwort.

watson

Was, wenn das B ein Traum bleibt? Wenn die zuständigen Migrationsbehörden entscheiden, dass Abdus Geschichte Lücken aufweist, dass sein Schicksal ihn nicht dazu berechtigt, in der Schweiz Asyl zu erhalten? Dann ergeht es Abdu so wie Fuaad. Fuaad erhielt den negativen Bescheid. Eine Beschwerde blieb erfolglos. Fuaad, so erzählen Abdu, Ali und Muhammud, wurde apathisch, lag tagelang in seinem Bett und starrte an die Decke. Dann, einen Monat nach dem Bescheid, holten ihn Polizisten aus der Unterkunft ab. Widerstand leistete er keinen, der Wille war längst gebrochen.

Ein Fall, der ratlos macht

Ein negativer Asylbescheid sei Gift für die Stimmung in einer Asylunterkunft, erzählt ein Betreuer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er berichtet von einem Fall aus einer anderen Unterkunft, wo ein junger Afghane nach einem Jahr Warten einen abschlägigen Bescheid erhielt. Trotz exzellenter Deutschkenntnisse, trotz gutem Leumund, trotz überzeugender Fluchtgründe. Auch er wurde von der Polizei abgeholt und in einen Zug nach Italien gesetzt.

Dass sich die abgewiesenen Asylsuchenden einfach so ihrem Schicksal fügen, ist allerdings längst nicht die Norm. Das Staatssekretariat für Migration zählte im ersten Halbjahr 2016 4833 Asylsuchende, die untergetaucht sind. Weg in ein anderes Land, oder in den Untergrund in der Schweiz. Wie viele Menschen insgesamt untergetaucht sind, weiss niemand. «Wer seine Fingerabdrücke in Italien registriert hat, der verliert keine Zeit», sagt der Betreuer. Oftmals bleibe nur wenige Stunden nach der Rückweisung des Gesuchs ein leeres Bett übrig. Zurück nach Italien will niemand.

Sirag, 20 Jahre alt, Iraker, seit acht Monaten in der Gops.

Sirag, 20 Jahre alt, Iraker, seit acht Monaten in der Gops.

watson

Sirag sitzt auf einem Stuhl vor dem Essensbereich im Aussencontainer. Die Sonne scheint dem 20-jährigen Iraki ins Gesicht. In seinen Augen ist der Glanz erloschen. Sirag ist seit einem Jahr in der Schweiz, seit acht Monaten im Bunker. Er stehe ständig unter Strom, könne kaum je entspannen. «Schau dich doch um, knapp 300 junge Männer auf ein paar Dutzend Quadratmeter. Glaubst du, das geht gut?» Er macht sich nicht die Mühe, seine Verzweiflung zu verhehlen. Erst, als die Schutzhülle seines Handys zum Gesprächsthema wird – die irakische Flagge – huscht ein Lächeln über sein Gesicht. «Immerhin, hier stechen sich Sunniten, Schiiten und Kurden nicht gegenseitig ab.» Sirag lacht hohl. Die Religionskriege, die hätten sie zuhause gelassen.

Für die junge Somalier-Connection, die gerade am Mittagstisch sitzt, ist hingegen alles kein Problem. 12 Duschen für 220 Asylbewerber? «No problem», sagt Muhammud, es duschten ja nicht alle zur selben Zeit. 15 Toiletten? «No problem», die Hygiene sei gut, und wenn es einmal irgendwo hapert, dann habe man es ja selber in der Hand, es zu verbessern. Reinigungsdienste werden von den Bewohnern selber übernommen, nur die Putzpläne erstellen die Betreuer.

12 Duschen für 220 Menschen. Bei Vollbelegung sind es gar 300 Personen, die im unterirdischen Bau leben.

12 Duschen für 220 Menschen. Bei Vollbelegung sind es gar 300 Personen, die im unterirdischen Bau leben.

watson

«Weisst du», erklärt mir Abdu, indem er mit dem Zeigefinger der linken Hand die Finger der rechten antippt, «mit den Menschen hier ist es wie mit unseren Fingern.» Einige sind klein, andere sind gross, wieder andere sind Durchschnitt. Muhammuds linker Zeigefinger hingegen ist krumm. Erinnerung an eine Gewehrkugel. Abgefeuert von einem somalischen Soldaten. Wieso, will er nicht erzählen. «Long story». Ein andermal.

Mohammuds Erinnerung an eine Begegnung mit dem somalischen Militär.

Mohammuds Erinnerung an eine Begegnung mit dem somalischen Militär.

watson

«In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit sind alle Asylbewerber gleich», sagt einer, der es wissen muss, weil er sowohl die Innen- als auch die Aussensicht kennt. «Entweder sind sie notleidend und bedürftig, also gut, oder sie sind schmarotzerisch und verschlagen, also schlecht.» Die Grauzone, das Dazwischen, das Differenzieren, das nehme man in der Schweiz nur für die einheimische Bevölkerung in Anspruch. Dabei bräuchte man nur einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um festzustellen, dass Asylbewerber nicht gleich Asylbewerber ist. «Vor 25 Jahren, als der Balkan im Chaos versank, hatten wir die letzte grosse Flüchtlingskrise. Damals waren es Kroaten, Bosniaken, Serben und Kosovo-Albaner, die in die Schweiz gekommen sind. Im Gegensatz zu den heutigen Asylsuchenden hatten sie – unabhängig von ihrem persönlichen Leiden – einen grossen Vorteil: die Hautfarbe. Wenn du aus Nigeria, Eritrea oder Somalia kommst, kannst du deine Herkunft nicht verbergen.»

«Die ignorieren unsere Regeln»

Mit den Nachbarn von der Wiesenstrasse verstehe man sich gut, sagt Mohammed, ein 19-jähriger Paschtune aus Afghanistan, der seit vier Monaten in der Gops wohnt. Anfangs seien ab und zu misstrauische Blicke geworfen worden, mittlerweile habe sich das aber gelegt. Zwei FDP-Politiker sehen das anders. Sie haben, unabhängig vom Todesfall vom vergangenen Samstag, eine Anfrage beim Stadtrat deponiert, wie die AZ berichtet. Das Verhalten der jungen männlichen Asylsuchenden, schreiben die Lokalpolitiker, falle immer wieder und zum Teil massiv negativ auf. «Insbesondere befremdet das Ignorieren unserer Regeln zum Verhalten in der Öffentlichkeit. Neben Flaschen und Dosen werden auch Nahrungsmittel über die Gartenmauern von Privatliegenschaften geworfen.» Weiter sei am Maienzugabend im Schachen «das unsittliche Verhalten dieser männlichen Personen wahrgenommen worden». Der Hinweis, solches sei in der Schweiz nicht tolerierbar, sei ignoriert worden, zitiert die AZ weiter. Auch hier sei neben Arroganz Alkohol im Spiel gewesen.

Mohammed, Afghane, 19 Jahre alt, seit vier Monaten in der Gops.

Mohammed, Afghane, 19 Jahre alt, seit vier Monaten in der Gops.

watson

Einer der Betreuer lacht über die angeblichen Eskapaden seiner Schützlinge und liefert eine Anekdote. «Vor einiger Zeit gab es hier eine Streiterei, eine sogenannte Massenschlägerei, wie es nachher in den Zeitungen hiess. Zehn Jungs auf der einen, zehn auf der anderen Seite. Tönt krass, oder? Auf den Bildern der Überwachungskamera sind Mülltonnen und Stühle zu sehen, die durch die Gegend fliegen. Ein heilloses Durcheinander. Aber glaubst du, irgendjemand hätte jemandem auch nur einen Faustschlag verpasst? Eine Platzwunde, das war alles. Und auch die kam nur zustande, weil einer der Raufbolde stolperte und mit dem Hinterkopf an die Betonwand prallte. Die Jungs machen manchmal einen auf dicke Hose, aber im Grunde sind sie harmlos. Und manchmal brauchen sie auch einfach nur eine Schulter, um sich daran auszuweinen.»

Beim Ausgang treffe ich Sirag wieder, den jungen Mann mit den traurigen Augen. Ob man für den Artikel nicht vielleicht ein anderes Foto verwenden könne? Es zeigt ihn vor türkisblauem Wasser, Silberkette um den Hals, in einem Shirt der Alabama-State-University, den Blick skeptisch in die Kamera gerichtet.

«Immerhin stechen sich meine Landsleute hier nicht gegenseitig ab.»

«Immerhin stechen sich meine Landsleute hier nicht gegenseitig ab.»

zvg

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