Chronistengezwitscher
Als die Aarauerinnen und Aarauer noch getrennt voneinander in der schlammigen Aare dümpelten

Jeden Monat werfen wir einen Blick in die Chroniken der Aarauer Neujahrsblätter. Wir schauen, was die Stadt vor 20, 50 oder 70 Jahren bewegt hat, und zeigen hübsche Trouvaillen zum Grinsen, Ärgern oder Besserwissen.

Katja Schlegel
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Die zweite Aarebadi, im August 1932, oberhalb des Eniwa-Kraftwerks in Aarau.

Die zweite Aarebadi, im August 1932, oberhalb des Eniwa-Kraftwerks in Aarau.

Sammlung Stadtmuseum Aarau / Aargauer Zeitung

Aareschwumm Vor 90 Jahren wurde Aaraus erste öffentliche Badeanstalt (neben dem nördlichen Kopf der Kettenbrücke) abgerissen. Eröffnet worden war sie im Juni 1868, streng nach Geschlechtern getrennt. Beim Abbruch diente die Alte Badeanstalt nur noch als «Frauenbad»; das «Männerbad» war längst in den Oberwasserkanal verlegt worden. Dem «alten Kasten» trauerte 1931 übrigens keiner mehr nach; bereits im Juni hatte Aarau die Eröffnung der neuen Badeanlage an der Aare (oberhalb des Kraftwerks am nördlichen Ufer) gefeiert. Hier durften Frauen und Männer gemeinsam baden. Doch mit der Hygiene war es in der Aarebadi so eine Sache, die Becken verschlammten und nicht selten spülte die Aare Tierkadaver unter die Schwimmenden. 1955 schliesslich wurde die heutige Schachen-Badi eröffnet.

Heillose Überlastung Am 13. Dezember 1971 dürfen erstmals auch Frauen an der Ortsbürgerversammlung teilnehmen. Die Versammlung beschliesst, den Entscheid über den Autobahnzubringer Distelberg beim Bundesgericht Verwaltungsgerichtsbeschwerde einzureichen: Die Ortsbürger regten an, die Kantonsstrasse statt durch Waldgebiet durch einen Tunnel (ab Buchenhof bis zur Aare) zu führen, um so zu verhindern, dass der Wald in Mitleidenschaft gezogen werde. Das Bundesgericht wies die Beschwerde im März 1972 ab. Der Autobahnzubringer Distelberg stiess damals auf breiter Front auf Widerstand. Mitunter wurde eine «Petition gegen den Autobahn-Zubringer Distelberg» mit 6920 Unterschriften an den Stadtrat überreicht. Schon damals Thema: die heillose Überlastung der Entfelderstrasse.

Weinselig Vor 70 Jahren, im Dezember 1951, genehmigen 2224 anwesende Stimmberechtigte (!) an der Wintergmeind einen Beitrag von 400000 Franken für den Neubau von Kantonsbibliothek und Kunstmuseum. Die Ortsbürger wiederum verkaufen die «Obere Mühle» in Suhr für 100000 Franken an den langjährigen Pächter Müller Steiner. Gross gefeiert wurden vor 70 Jahren auch das Geläut der Stadtkirche: 1951 war es genau 100 Jahre her, dass die Glocken am Silvesterabend das alte Jahr aus- und das neue einläuteten. Es muss ein langes erstes Läuten gewesen sein, denn der Chronist schreibt: «Jeder Läuter bekam damals eine Flasche Wein.»

Adieu, «Waldmeier» Vor 40 Jahren, am 21. Dezember 1981, verliessen Albert und Lisbeth Waldmeier das gleichnamige Café am Holzmarkt. 36 Jahre lang war das Haus am Graben alles für die Familie Waldmeier, wie Tochter Regula Waldmeier 2016 der AZ erzählte: im Keller die Backstube, im Erdgeschoss die Konditorei, im ersten Stock der Tearoom, in den Etagen darüber die Büroräume, die Küche, in der auch die Angestellten assen, und die Stube der Familie. 1945 hatten die Waldmeiers das ehemalige Café Merz übernommen. Regula Waldmeier und ihre Schwester mussten im elterlichen Betrieb mithelfen, jeden Tag, sieben Tage die Woche: Besteck polieren, Ausliefern, Servietten falten, Wähen belegen – und Erdbeeren rüsten. Vor allem an den Tagen mit Pferderennen im Schachen, «dann kamen sie in Scharen und wollten alle Erdbeertörtchen essen», erinnerte sich Regula Waldmeier. Für diese Erdbeertörtchen und die Waldmeierglace kamen die Leute von weit her.

Als die Eltern das Café im Dezember 1981 aus Altersgründen schlossen, ging eine Ära zu Ende. «Dadurch werden wir um ein Kleinod ärmer», schrieb ein Redaktor des «Aargauer Tagblatts». «Es war ein Haus, in dem man sich wohlfühlte, wo fast jeder den andern kannte, wo zum Besitzer, aber auch zum Personal eine freundliche, geradezu kameradschaftliche Beziehung bestand», so der Redaktor weiter. Verschwunden ist das «Waldmeier» aber nur vorübergehend: Nach Jahrzehnten voller verschiedener Pächterwechsel haben Martina Ganz und die Brüder Thomas und Martin Garcia das «Waldmeier» 2015 wieder aufleben lassen.

Bus raus Seit zehn Jahren, seit dem Fahrplanwechsel am 11. Dezember, fahren durch die Altstadt ab 19.40 Uhr keine Busse mehr durch die Rathausgasse.

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