Aarau
Wie viel Urzeit in uns steckt – nebst dem Erbgut von Banane und Qualle

Was haben die ersten Menschen am Hallwilersee gegessen? Wozu dient das rosa Häutchen im Auge? Und was hat die Entdeckung des Feuers bewirkt? Die neue Sonderausstellung «Wie viel Urzeit steckt in dir» im Naturama in Aarau liefert Antworten.

Katja Schlegel
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Für diese Ausstellung haben Kantonsarchäologie und Naturama zusammengearbeitet: Denis Vallan, Leiter Museum und Sammlungen, und Georg Matter, Leiter Abteilung Kultur im BKS.

Für diese Ausstellung haben Kantonsarchäologie und Naturama zusammengearbeitet: Denis Vallan, Leiter Museum und Sammlungen, und Georg Matter, Leiter Abteilung Kultur im BKS.

Chris Iseli

Das Müesli zum Zmorge. Die Schrift, Hochhäuser, Sackmesser. Keine Erfindungen der Neuzeit; nichts, was sich der moderne Mensch als Urheber auf die Brust schreiben könnte. Es sind doch alles Überbleibsel, Weiterentwicklungen. Es ist die Urzeit in uns allen, sie steckt in allem um uns herum.

Ab Freitag widmet sich die neue Sonderausstellung im Naturama in Aarau genau diesen Entwicklungen. Unter dem Titel «Wie viel Urzeit steckt in dir» blickt der Besucher auf längst vergangene Zeiten, deren Errungenschaften noch heute nachhallen. Er entdeckt, wie viel unser Erbgut mit dem einer Banane oder dem einer Qualle gemeinsam hat, welchen unglaublichen Schub die Entdeckung des Feuers oder die Entwicklung der Schrift und später des Buchdrucks der Menschheit verliehen haben.

Oder ganz handfest: Wie viel Urzeit im eigenen Körper übrig geblieben ist. Denn wozu genau dient das rosa Häutchen im Auge? Oder das Steissbein? Und wann und warum hat der Mensch überhaupt sprechen gelernt?

Regionaler Bezug dank dem Hallwilersee

Die Ausstellung behandelt nicht nur Allgemeinplätze der Evolution, sie stellt auch einen regionalen Bezug her, erarbeitet in Zusammenarbeit mit der Kantonsarchäologie: Mit den beiden Pfahlbausiedlungen am Hallwilersee, Beinwil-Ägelmoos und Seengen-Riesi hat der Aargau seit genau zehn Jahren zwei Unesco-Welterbestätten – die einzigen im Kanton.

Die Pfahlbauten im Hallwilersee sind Unesco-Weltkulturerbe. 2017 wurden sie mit Kies überdeckt, um besser konserviert zu werden.

Die Pfahlbauten im Hallwilersee sind Unesco-Weltkulturerbe. 2017 wurden sie mit Kies überdeckt, um besser konserviert zu werden.

Chris Iseli

Für die Archäologen seien das extrem reichhaltige Quellen, wie Georg Matter, ehemaliger Kantonsarchäologe und heute Abteilungsleiter Kultur beim Kanton, sagt: «Im Feuchtboden sind organische Materialien erhalten geblieben, aus denen wir heute wie aus einem Buch lesen können.» Materialien, wie sie aus den Epochen der Römer oder des Mittelalters weitgehend fehlen. Dank dieser Stätten wissen die Archäologen heute beispielsweise, dass die ersten Böjuer und Seenger vor 3700 Jahren nicht in erster Linie vom Ackerbau lebten, sondern sich hauptsächlich von im Wald gesammelten Früchten und Beeren ernährt haben. «Wir haben hier im Aargau zwei wichtige Archive der Menschheitsgeschichte», sagt Matter.

Ein veränderter Blick auf die Gegenwart

Dies bekannt zu machen, sei mitunter ein Anliegen der Ausstellung, so Matter: «Wer sich bewusst ist, was man hat, ist auch bereit, es zu schützen.» Bewusstsein – der zentrale Begriff der Ausstellung. «Die Entwicklung von Natur und Kultur ist ein stetes Aufbauen; wir alle stehen nicht nur auf diesem Fundament, wir bilden auch das künftiger Generationen. Diese Erkenntnis lässt uns die Gegenwart anders betrachten und – wer weiss – vielleicht auch anders handeln», sagt Denis Vallan, Leiter Museum und Sammlungen im Naturama. Bewusstsein also als Hauptbotschaft – und vielleicht auch ein Hauch von Demut, fügt Matter an:

«Wir stehen alle in einem grossen Kontext. Wir moderne Menschen haben das Rad nicht erfunden.»

Die Ausstellung, ursprünglich entwickelt vom Kulturama, Museum des Menschen in Zürich, ist reichhaltig. 23 in sich abgeschlossene Module zu Themen wie Genetik, Bevölkerungsentwicklung oder Wohnformen zählt sie, die Themen umfassen einen Zeitraum von 4,5 Milliarden Jahren. «Eine ungeheure Dichte, das ist fordernd», sagt Vallan.

Die Ausstellung ist dicht und fordernd; spielerische Elemente lockern sie aber gut auf.

Die Ausstellung ist dicht und fordernd; spielerische Elemente lockern sie aber gut auf.

Chris Iseli

Trotzdem ist die Ausstellung für alle Altersgruppen geeignet, verfügt über viele spielerische Elemente. So können Kinder beispielsweise mit Steinen Körner mahlen, Hieroglyphen zeichnen oder mit einer Puppe aus der Urzeit spielen. Ergänzt wird die Ausstellung mit Vorträgen, Führungen und Exkursionen für Private sowie Kursen für Schulklassen.

Hinweis

Die Sonderausstellung «Wie viel Urzeit steckt in dir» dauert vom 30. April 2021 bis 3. April 2022. Dazu gibt es diverse Angebote: Am 11. Mai findet beispielsweise der Vortrag «Die Wiege(n) der Menschheit» statt, am 27. Mai gibt es eine Ausstellungsführung mit Denis Vallan und am 26. Juni geht es ins Torfmoos in Niederrohrdorf, das seit 30 Jahren regeneriert wird. 
Infos sowie Rahmenprogramm (mit Anmeldung) finden sich auf www.naturama.ch. Ab Freitag dürfen sich 77 Personen gleichzeitig im Naturama aufhalten.

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