Tourismus
Aarau verkauft sich als erste Hauptstadt der Schweiz

Hundert Reiseleiter sollen dafür sorgen, dass mehr Touristen nach Aarau kommen.

Hermann Rauber
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Die Laurenzenvorstadt sollte zum Diplomatenviertel werden.

Die Laurenzenvorstadt sollte zum Diplomatenviertel werden.

Nadja Rohner

Aarau verkauft sich gut. 13’000 Personen nahmen im vergangenen Jahr auf 850 Rundgängen mit dem Stadtführer-Team unter Leitung von Agnes Henz einen Augenschein. Erst in der Statistik 2017 erscheinen werden jene knapp hundert Reiseleiter und Stadtführer, die sich als Mitglieder der Association Suisse des Guides Touristiques (ASGT) in der Aargauer Kantonshauptstadt zu am Wochenende zu einer Fortbildung versammelten. Konkret ging es um die aufregenden Jahre im Nachgang zur französischen Revolution bis zur Gründung des Bundesstaates 1848.

«Mustergültige Weltenbummler»

An historischer Stätte, im Haus zum Schlossgarten, dem ersten Sitz des helvetischen Direktoriums 1798, begrüsste Stadtpräsidentin Jolanda Urech die Schar von «mustergültigen Weltenbummlern» und erwies sich einmal mehr als versierte Aarauer Botschafterin für die «charmante Kleinstadt mit urbanem Flair».

«Sie haben Ihren diesjährigen Tagungsort gut gewählt», sagte Urech, habe doch Aarau mit Blick auf die Zeitenwende vom 18. zum 19. Jahrhundert «einiges zu bieten». Vorher allerdings holten sich die ASGT-Mitglieder mit Referaten der Historiker Daniel Sidler und François Walter das nötige theoretische Rüstzeug für die anschliessende «Feldarbeit» im Freien.

Es goss unaufhörlich und wie aus Kübeln vom Himmel, als sich die Guides aus allen Landesteilen – und zum Teil sogar aus Österreich – auf den Weg machten, um die Spuren der Helvetik in Aarau vor Ort zu erleben. Die Wahl des «Jakobinernestes» zur ersten und kurzzeitigen Hauptstadt der helvetischen Republik führte zu grossartigen Ausbauplänen der damals sehr bescheidenen Infrastruktur. Geblieben ist neben dem Haus zum Schlossgarten vor allem die Laurenzenvorstadt, die als «Diplomatenviertel» konzipiert worden war und die Stadtkasse bei einem Haar in den Ruin trieb.

Potenzial für mehr Tourismus

Die bildungshungrigen Reiseleiter und Stadtführer erwiesen sich erwartungsgemäss als ausgesprochen wetterfest. Die Zeitreise führte über die (längstens abgebrochenen) Gasthöfe «Zum goldenen Ochsen» am Schlossplatz und «Zum Wildenmann» an der Vorderen Vorstadt bis zum ersten Wohnsitz von Heinrich Zschokke am Rain. Nicht fehlen durfte in einem Eh-Graben auch der Blick in die hygienischen Verhältnisse der damaligen Zeit, die wörtlich zum Himmel stanken.

Nach einer kurzen Visite in der reformierten Stadtkirche endete der Exkurs vor dem Aarauer Rathaus, das mit dem Schicksal der «einen und unteilbaren helvetischen Republik» eng verknüpft ist. Hier verkündete der Basler Peter Ochs am 12. April 1798 dem Volk die von Napoleon diktierte Verfassung, hier tagte der Senat und der Grosse Rat, die beiden helvetischen Kammern, während sich im Estrich die dritte Gewalt, die Justiz, etablierte, mindestens bis im September des gleichen Jahres, als sich der helvetische Regierungs-Tross nach Luzern verabschiedete.

Die meisten Guides zeigten sich beeindruckt. ASGT-Präsident Richard Gubler räumte zwar ein, dass «Aarau nicht zu den touristischen Hotspots der Schweiz» gehöre, doch könne sich dies «durchaus ändern». Jedenfalls musste Aarau trotz des miesen Wetters sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.

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