Aarau
Sterbebegleitung: «Man sollte sich nicht zu gut sein, Hilfe zu beanspruchen»

Freiwillige begleiten Sterbende – die Palliative Care der Landeskirchen bildet sie aus und vermittelt sie. Seit 11 Jahren gibt es diese Ausbildung, passiert ist seither einiges.

Peter Weingartner
Drucken
Teilen
Theologin Karin Tschanz und Hermann Lauk, der seine Frau bis zum Tod umsorgt hat.

Theologin Karin Tschanz und Hermann Lauk, der seine Frau bis zum Tod umsorgt hat.

Peter Weingartner

Wie gehe ich dereinst von dieser Welt? Eine Frage, die sich jeder Mensch früher oder später stellt. Muss ich Schmerzen leiden oder schlafe ich friedlich ein? Letzteres verspricht wohl die Sterbehilfe. Palliative Care bemüht sich ebenfalls darum, sieht den Begriff Schmerz freilich nicht auf den Körper beschränkt.

Palliative Care? Hermann Lauk aus Oberrohrdorf hat seine todkranke Frau umsorgt, über zwei Jahre. Die Tochter habe ihn ermuntert, Entlastung zu holen, sich Freiräume zu leisten, aber erst eine Nachbarin machte ihn aufmerksam auf den Palliative Care Begleitdienst. «Hans Sollberger ist gekommen, und die Chemie stimmte», sagt Hermann Lauk. Was sagt der Begleiter dazu? «Eine schöne Begleitung, die ich nicht missen möchte», sagt Sollberger aus Fislisbach. Bereicherung, Lebensschulung.

«Hans war eine wunderbare Hilfe», sagt Hermann Lauk und sieht den hohen Wert der Freiwilligenarbeit in dem, was die Spitex, eng getaktet, nicht leisten kann: «Palliative Care kann Zeit schenken!» Und es sei wunderbar, dass es Menschen gebe, die Zeit schenken wollten. Menschen, die sich von der Theologin Karin Tschanz ausbilden lassen; der Abend in Aarau ist Teil dieser Ausbildung, bei dem die Männer als Begleiter eine Rarität sind.

Im Durchschnitt etwa 500 Personen jährlich begleitet

Seit 11 Jahren gibt es diese Ausbildung der Aargauer Landeskirchen zur palliativen Begleitung Sterbender. Hans Sollberger ist von Anfang an dabei. Was da geleistet wird, ist beeindruckend. So wurden im Durchschnitt etwa 500 Personen jährlich begleitet. In zehn Jahren kamen über 60'000 Stunden Freiwilligenarbeit zusammen. Bei einem Stundenansatz von 30 Franken wären das mehr als 1,8 Millionen. «Einfach grossartig», sagt Karin Tschanz. In dieser Zeit wurden 945 Personen ausgebildet, 415 Pflegefachpersonen und 530 Freiwillige.

Palliative Care will die Lebensqualität von Patienten und ihren Angehörigen durch das Vorbeugen und Lindern von Schmerzen verbessern. Sagt die Weltgesundheitsorganisation. Und unter Schmerzen werden nicht nur die körperlichen verstanden. Auch der psychosoziale und der spirituelle Bereich verdienten Beachtung. Konkret: Ängste, Wunsch zu reden, konfliktreiche Beziehungen, Einsamkeit, Trauer, Sinnkrise, Schuldfragen, Verzweiflung, Wunsch nach Trost, nach Ritualen.

Hermann Lauk ist dankbar. Er konnte auftanken. «Man sollte sich nicht zu gut sein, Hilfe zu beanspruchen», rät er. Und zwar rechtzeitig, bevor man selber nicht mehr kann. Hans Sollberger schätzt als freiwilliger Begleiter die obligatorische Supervision, aber auch die Intervision, wo man sich über Schwierigkeiten, «Lehrblätze», austauschen kann. «Ich habe auch gelernt, Nein zu sagen, denn eine Nacht zu sitzen, das geht nicht mehr», sagt er.

«Ich erfahre viel Wertschätzung»

Marlies Flury aus Dottikon ist seit acht Jahren als Begleiterin dabei. «Eine erfüllende Aufgabe», sagt sie, «ich erfahre viel Wertschätzung.» Die Entlastung biete Angehörigen ein Stück Normalität. Oft sei es so, dass sie als Aussenstehende einen besseren Zugang zu einer sterbenden Person habe als beispielsweise eine Tochter, umschreibt sie ein konkretes Beispiel.

Klar ist auch: Eine Begleitperson ist keine medizinische Fachperson; kleine pflegerische Handreichungen sind aber möglich. Hinter der Krankheit den Menschen sehen, und das mit Empathie: eine gute Voraussetzung für diese unentgeltliche Arbeit, für die die Fahrspesen abgegolten werden.

Der Einbezug der Seelsorge ist Teil des Konzepts, falls jemand das wünscht. In Gesprächen Belastendes loswerden, dies unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Dabei, so Karin Tschanz, die Theologin und Pfarrerin, gehe es nicht um Moral, nicht ums Missionieren, sondern um Offenheit für verschiedene Weltanschauungen und Respekt. Seelsorge bedürfnisorientiert, nicht konfessionsgebunden. So kann auch ein aus der katholischen Kirche Ausgetretener die letzte Ölung erhalten, wenn er will. Ressourcen stärken, trösten, begleiten, vielleicht beten, Abschiedsrituale.

Wer sich für Kurse interessiert oder den Einsatz einer Person als Palliative Care Begleiterin, kann sich unter www.palliative-begleitung.ch informieren. Kontakt Kursadministration: 062 838 06 55 oder info@palliative-begleitung.ch; Kantonale Einsatzzentrale 079 855 06 55 oder einsatz@palliative-begleitung.ch. Am Donnerstag, 25. November, feiern die Landeskirchen im Kultur- und Kongresszentrum Aarau «10+1 Jahre Palliative Care und Begleitung» und die Zertifikatsfeier des aktuellen Ausbildungslehrgangs. Details unter www.palliative-begleitung.ch.

Aktuelle Nachrichten