Aarau
Recherchen zeigen: Ausschaffungshäftling ist doch nicht harmlos ++ Tunesier immer noch auf der Flucht

Im Rahmen eines Gefangenentransports flüchtete ein Häftling. Trotz Fahndung bleibt er verschwunden. Wie der Blick heute berichtet, ist der Tunesier gefährlicher als die Kapo Aargau vermeldet hat. Er bleibt weiterhin flüchtig.

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Der flüchtige Tunesier, der im Rahmen eines Gefangenentransports entkam, ist gar nicht so harmlos wie bisher behauptet. Das ergaben Recherchen des Blick. Es soll eine lange Liste von Delikten haben und stand sogar letzten November in Olten vor Gericht.

Ihm wird einfache Körperverletzung, mehrfache Drohung, Angriff, Hinderung einer Amtshandlung, mehrfache Sachbeschädigung, Vergehen sowie Übertretung gegen das Betäubungsmittelgesetz vorgeworfen. Die Liste geht aber noch weiter: er soll rechtswidrig eingereist sein und mehrfach die Ein- und Ausgrenzung missachtet haben.

Er wurde für seine Delikte zu einer Freiheitsstrafe von 27 Monaten, einer Geldstrafe von 300 Franken und einer Busse von 500 Franken verurteilt. Obendrauf gab es einen Landesverweis von acht Jahren. Da er zu diesem Zeitpunkt die Haftstrafe praktisch schon abgesessen hatte, zog er vor allem das Urteil betreffend des Landesverweises weiter vor das Obergericht. Gemäss Blick ist der Fall dort immer noch hängig, doch Amin T. kam vorsorglich schon mal in Ausschaffungshaft.

Ehefrau in Asylunterkunft angegriffen

Wie die «Solothurner Zeitung» letzten November anlässlich des Prozesses in Olten schrieb, war der Tunesier in der Schweiz ursprünglich mit seinem Asylantrag gescheitert und hätte die Schweiz bis am 12. Dezember 2014 verlassen müssen. Doch er und seine Familie traten die bereits gebuchten Flüge nicht an und blieben illegal in der Schweiz.

Er am 14. Februar 2018 seine Ehefrau in einer Asylunterkunft angegriffen und schwer verletzt haben. Die Gewalttaten gehen weiter: am 15. Juli 2018 hat er gemäss Tatbericht in einer Bar in Olten als Mittäter eine Kosovarin angegriffen. Er soll ihr das Knie ins Gesicht gedrückt und ihr den Unterkiefer zweifach gebrochen haben.

Hinzu kamen weitere Tätlichkeiten und Sachbeschädigungen. So demolierte er unter anderem eine Gefängniszelle im Untersuchungsgefängnis Olten und eine Zelle im Untersuchungsgefängnis Solothurn. Vor Gericht plädierte Amin T. grösstenteils für unschuldig

Das sagt ein ehemaliger Gefangenentransport-Fahrer zur Flucht in Aarau

Wenn ein Häftling aus einem Gefangenentransporter flüchtet, ist es für die Polizei natürlich eine ungemütliche Situation. Martin Herrmann arbeitete vor seiner Pensionierung 20 Jahre bei der Kapo Solothurn und führte unzählige Gefangenentransporte durch.

Flucht in Crocs beim Ausstieg aus Gefangenenfahrzeug

Die Kantonspolizei Aargau meldete seine Flucht am Dienstag. Kurz vor 15 Uhr sei einem Häftling am Bahnhof Aarau beim Ausstieg aus dem Gefangenenfahrzeug die Flucht gelungen. Er sollte zum Migrationsamt gebracht werden. «Der 34-jährige Tunesier befand sich in Ausschaffungshaft und sollte wegen eines administrativen Vorgangs einer anderen Amtsstelle vorgeführt werden», erklärt Kapo-Sprecher Bernhard Graser auf Anfrage.

Fahndungsbild des Geflüchteten 34 Jahre alten Tunesiers. Er trägt eine grüne Jacke, graue Trainerhosen und Crocs.

Fahndungsbild des Geflüchteten 34 Jahre alten Tunesiers. Er trägt eine grüne Jacke, graue Trainerhosen und Crocs.

Kapo AG

Der Häftling ist trotz sofort eingeleiteter Grossfahndung, auch unter Einbezug eines Diensthundes, nach wie vor auf der Flucht. Die Polizei sei mehreren Hinweise nachgegangen, bisher konnte der Häftling aber nicht gefunden werden. Er trug bei seiner Flucht eine grüne Jacke, graue Trainerhosen und schwarze Crocs (Plastikfinken). «Es liegen keine Hinweise auf eine Gefahr für die Öffentlichkeit vor», teilt die Polizei mit.

«Beim Auslad aus dem Gefangenenbus am Bahnhof Aarau gelang es dem Mann, sich von seinem Begleiter loszureissen und zu flüchten. Wie auf solchen Transporten üblich war er mit Handschellen gefesselt. Ob und wie er sich diesen entledigen konnte, ist noch unklar. Überhaupt müssen die genauen Vorgänge noch geklärt werden.»

Die Polizei ersucht um Mithilfe: Personen, welche sachdienliche Hinweise machen können, werden gebeten, sich an den Polizeinotruf 117 zu wenden. Zu ihrer eigenen Sicherheit werden sie gebeten, sich der Person nicht zu nähern.

Kantonspolizei Aargau: Flucht aus der Haft ist in der Schweiz kein Delikt

Gefangenentransporte werden entweder von ein bis zwei Mitarbeitenden der Polizei oder von Security-Mitarbeitenden gemacht. «Bei allen polizeilichen Transporten, wie sie jährlich hundertfach ausgeführt werden, ist Fluchtverhinderung das oberste Ziel», so Bernhard Graser.

«Wie der gestrige Vorfall zeigt, können Entweichungen bei aller Vorsicht und allen Sicherheitsstandards dennoch gelegentlich vorkommen. Sie bilden aber die absolute Ausnahme. Es gilt nun, die genauen Umstände genau zu analysieren und daraus die nötigen Lehren zu ziehen.»

Eine Flucht aus der Haft ist übrigens in der Schweiz per se kein Delikt, für das man bestraft werden könnte. Natürlich nur, wenn der Gefangene dabei keine Gewalt ausübt. Rennt also jemand einfach seinem Aufpasser davon, ohne dabei einen Menschen oder eine Sache zu schädigen, kann man ihn dafür nicht strafrechtlich belangen. (nro/cam)