Aarau
Freiwillige helfen Flüchtlinge bei der Integration: «Ich war auch neugierig», sagt eine Mentorin

Die Regionale Integrationsfachstelle und das Rote Kreuz sind immer wieder auf der Suche nach Mentorinnen und Mentoren, die als Bezugspersonen für geflüchtete Menschen agieren. Zwei Gottis aus der Region erzählen, warum das eine gute Sache ist.

Daniel Vizentini
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Kathrin Baumann ist Mentorin von Samiallah Ahmadi.

Kathrin Baumann ist Mentorin von Samiallah Ahmadi.

Daniel Vizentini

Ende 2019 kam Samiallah Ahmadi von Afghanistan in die Schweiz, wenige Monate später setzte hierzulande die Coronapandemie ein. Genau einen Tag konnte er in der UMA-Schule in der Aarauer Telli in den Unterricht, dann kam der Lockdown. Für ihn, der sich rasch integrieren und Deutsch lernen wollte, ein grosses Problem.

Als er erfuhr, dass es für geflüchtete Menschen Mentoring-Programme gibt – also, dass er hier auf die Hilfe einer Gotte oder eines Göttis zählen könnte, meldete er sich dafür an. «Ich wollte eine Mentorin», sagt der inzwischen 18-Jährige.

«In meinem Wohncamp bin ich sonst nur unter Afghanen, dabei will ich mit Menschen aus der Schweiz zu tun haben.»

So wurde er im Mai dieses Jahres der Aarauerin Kathrin Baumann zugewiesen. Die 68-Jährige pensionierte Kindergartenlehrerin fand es wichtig und auch spannend, junge Menschen in einer schwierigen Lebenssituation begleiten zu können, wie sie sagt.

Heute erklärt sie ihm, wie die Dinge in der Schweiz funktionieren und hilft ihm, diese zu verstehen. Im Gegenzug erfährt sie seine Geschichte und lernt Neues dazu. «Ich war auch neugierig», gibt sie unverblümt zu. Und: «Wenn man Dinge von hier erklären muss, die für uns ganz normal sind, bekommt man auch selbst eine andere Sicht auf die Schweiz.» Zusammengefasst: «Es ist ein Geben und ein Nehmen.»

Schon früher im Gränicher Kindergarten, wo sie arbeitete, hatte Kathrin Baumann einer afghanischen Familie hie und da bei Alltagssachen geholfen. Für Samiallah Ahmadi, der gerade das zweijährige Brückenangebot Integration der kantonalen Schule für Berufsbildung absolviert, geht sie stellvertretend auch mal an einen Elternabend.

Samiallah Ahmadi aus Afghanistan gerne Buchhalter werden. Mentorin Kathrin Baumann hilft ihm dabei.

Samiallah Ahmadi aus Afghanistan gerne Buchhalter werden. Mentorin Kathrin Baumann hilft ihm dabei.

Daniel Vizentini

Jeden Donnerstagnachmittag treffen sich die beiden meist nach der Schule und tauschen sich aus. «Ich bin für ihn wie eine inoffizielle Anlaufstelle ausserhalb des Migrationsamts», sagt sie. «Solche freien Angebote ohne Kontrolle sind wichtig.»

Samiallah Ahmadi konnte bereits für eine Hochbauzeichnerlehre schnuppern gehen. Am liebsten will er aber Buchhalter werden. Die dafür nötige KV-Lehre, auch zu einem späteren Zeitpunkt, ist sein klares Ziel. «Ich habe es gut mit Zahlen, bin gut in Mathematik», sagt er.

Zuvor hatte sie nie mit Kindern zu tun, nun betreut sie gleich deren drei

Laura Binkert betreut gleich drei Kinder im Alter von 7, 11 und 13 Jahren.

Laura Binkert betreut gleich drei Kinder im Alter von 7, 11 und 13 Jahren.

Daniel Vizentini

Eine ganz andere Geschichte erzählt die in Suhr wohnhafte 26-jährige Kommunikationsfachfrau Laura Binkert: Als Corona ausbrach, war sie gerade in Marokko in einem Surfcamp und musste damals schnell zurück in die Schweiz. Um etwas Sinnvolles zu machen, bis sie eine neue Arbeitsstelle antreten konnte, ging sie zuerst für ältere Menschen einkaufen, die während der Pandemie nicht hinaus durften. Als dies nicht mehr nötig war, erkundigte sie sich beim Roten Kreuz, was sie sonst noch Hilfreiches tun könnte.

Ihr wurde das Mentoring-Programm vorgeschlagen. Laura Binkert, die zuvor weder besonders sozial engagiert war noch mit Kindern viel am Hut hatte, wurde als Mentorin von drei Geschwistern im Alter von 13, 11 und 7 Jahren zugewiesen.

Nun ist sie jeden dritten Samstag mit ihnen unterwegs, oft auf dem Spielplatz bei der Stadtbibliothek, manchmal im Wald, in der Keba am Schlittschuhlaufen oder Rollschuhlaufen im Rolling Rock. «Die Dinge, die wir machen, sind gar nicht so spektakulär», behauptet sie. «Aber wir haben immer viel Spass zusammen.»

Im Wildpark Roggenhausen waren sie ebenfalls schon ein paar Mal, nun wollen sie gerne mal in einen richtigen Zoo. Vom Roten Kreuz gibt es für solche Dinge auch ein kleines Spesenbudget.

Hauptsache, die Kinder haben Freude

Etwas über einem Jahr betreut Laura Binkert nun die geflüchteten Kindern Lenny, Manuella und Preston. «Sie wollen einfach mal jemand, der mit ihnen spielt und dem sie Dinge erzählen können – oft alle drei gleichzeitig», erinnert sie sich an lustige Szenen.

Aber gibt dieser Freiwilligeneinsatz auch ihr etwas? «Keine Ahnung», antwortet Laura Binkert. «Ich hoffe, dass es den Kindern etwas gibt.» Sie hat die Kinder oder deren Eltern auch nie fragen wollen, von welchem afrikanischen Land sie eigentlich genau stammen. Das sei ihr auch egal.

«Sie sind schon mehrmals von weiter her geflüchtet. Vielleicht leistet dieser Freiwilligeneinsatz etwas dazu bei, dass sie ihre neue Heimat etwas besser kennen lernen.»

Aarau will weitere Mentorinnen und Mentoren anwerben

Die Regionale Integrationsfachstelle RIF Aarau führt diesen Samstag, gemeinsam mit der Caritas, dem Jugendrotkreuz und dem Projekt Leben & Lernen, einen Stand in der Aarauer Igelweid. Sie wollen dort über Mentoring-Projekte informieren und weitere Freiwillige anwerben. «Soziale Beziehungen und Vertrauensverhältnisse zwischen Geflüchteten und Einheimischen werden ermöglicht und dadurch die Integration nachhaltig gefördert», schreiben sie in der Einladung.

Standaktion für Mentoringprojekte Samstag, 23. Oktober, 9 bis 12 Uhr, Igelweid Aarau

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