Aarau
Ein visionäres Berufsleben in 34 Minuten Film verpackt – Coaching sah in den Siebzigerjahren noch ganz anders aus

In 40 Jahren hat Werner Herren in seinem Kurszentrum Aarau über 7000 Coaching-Experten ausgebildet. Als er in den Siebzigerjahren die Methode entwickelte, war er ein Pionier. Heute ist der Begriff «Coaching» in aller Munde. Zum Jubiläum hat Werner Herren einen Film über die Erfindung des Coachings produziert.

Katja Schlegel
Drucken
Teilen
Werner Herren (rechts), Gründer des Kurszentrums Aarau, mit Autorin und Filmemacherin Tina Hofmann und Aktionszeichner und Animationskünstler Nicolas d'Aujourd'hui.

Werner Herren (rechts), Gründer des Kurszentrums Aarau, mit Autorin und Filmemacherin Tina Hofmann und Aktionszeichner und Animationskünstler Nicolas d'Aujourd'hui.

Katja Schlegel / Aargauer Zeitung

Es ist diese Frage, die das Publikum kurz unruhig auf den Stühlen rutschen lässt. «Worauf wären Sie in Ihrem Berufsleben stolz, was wäre eine Schlagzeile wert?» Doch Werner Herren lächelt. Er will keine Antworten, er gibt sie selbst. Denn es ist sein Berufsleben, sein Jubiläum, auf das er zurückblickt. Und das gibt nicht nur die eine oder andere Schlagzeile her – sondern sogar Stoff für einen eigenen Film.

Werner Herren (74) hat vor genau 40 Jahren das Kurszentrum Aarau gegründet (heute an der Laurenzenvorstadt 47), eine Aus- und Weiterbildungsstätte im Bereich Systemisch-Lösungsorientierte Kurzzeitberatung und Coaching. Die Ausbildungsstätte war die allererste ihrer Art in der Schweiz. Herren gilt im deutschsprachigen Raum als einer der Pioniere im Bereich Coaching und Kurzzeittherapie.

Als Arbeiter humanere Bedingungen forderten

Coaching. Das hört man inzwischen oft, zu einem richtigen Hype hat es sich gemausert. Doch was steckt überhaupt hinter diesem Begriff, was ist die Idee? Werner Herren erklärt seine Vision von damals nicht nur, er hat auch extra einen 34-minütigen Animationsfilm mit dem Titel «Die Erfindung des Coachings» realisiert, der gestern, anlässlich des Gründungsjubiläums, im Kino Ideal in einer Vorpremiere gezeigt wurde.

Der Film entstand in Zusammenarbeit mit Nicolas D’Aujourd’hui (Zeichner und Produzent) und Tina Hofmann (Drehbuch) im Hinblick auf den internationalen Coaching-Kongress, der im November in Olten stattfindet.

Die Geschichte nimmt einem zurück in die Siebzigerjahre. Die Zeit, in der es wohl Psychoanalysen mit drei bis vier Sitzungen pro Woche gab, aufgrund dessen aber der Oberschicht vorbehalten war. «Die Menschen, die es wirklich nötig gehabt hätten, hatten keinen Zugang und konnten es sich auch nicht leisten», so Herren.

In den Fabrikhallen sprach man davon, die Arbeitswelt «humaner» gestalten zu müssen. Herrens Vision dazu: Methoden und Vorgehensweisen zu fördern, die menschliches Leiden und Not in kürzerer Zeit lindern. In vier bis sieben Sitzungen, mehr nicht, mit Fokus auf die Lösung eines Problems, nicht auf die Ursachensuche.

Nach Ausbildung bei Paul Watzlawick reifte bei Herren eine Idee

Herren entwickelte 1978 sein erstes Coaching-Konzept für einen internationalen Pharmakonzern, damals noch unter dem Titel «Kurzzeitberatungen». Nach einer Ausbildung in Kurzzeitberatung bei Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick reifte bei Herren die Idee, ein eigenes Institut zu gründen.

Zeitgleich mit dem Kurszentrum entstand auch eine eigene Beratungsstelle, das Zentrum für interdisziplinäre Systemtherapie, kurz ZiS. Hier arbeitet ein Trio mit einer Ärztin, einer Kinesiologin und einem Systemtherapeuten mit dem Kunden. Eine Form, die bei schweren Symptomen oder bei Kunden mit vielen erfolglosen Therapien angewendet wird.

1985 lancierte das Kurszentrum Aarau die erste Ausbildung in der Schweiz in Coaching und Lösungsorientierter Kurzzeittherapie nach dem «Aarauer Modell». Bis heute hat das Kurszentrum über 7000 Fachleute in beratenden Berufen ausgebildet. Die Motive für eine solche Ausbildung seien vielfältig, so Herren.

«Aber häufigstes Ziel unserer Kursbesucher ist, die beraterische Fähigkeit zu vertiefen: Sie sind in ihrem Beruf mit anspruchsvollen zwischenmenschlichen Situationen konfrontiert, für die sie nach neuen Methoden und Vorgehensweisen suchen, um ihre Kompetenzen zu erweitern.»

Werner Herren (Mitte) mit Marc Agthe und Peter Szabo (r.), zwei weiteren Pionieren der Coaching-Entwicklung in der Schweiz. Agthe baute beispielsweise 1992 das Coaching beim Migros-Genossenschaftsbund auf. Szabo hat unter anderem das Institut Solutionsurfers gegründet, das heute auf vier Kontinenten und in 9 Sprachen tätig ist.

Werner Herren (Mitte) mit Marc Agthe und Peter Szabo (r.), zwei weiteren Pionieren der Coaching-Entwicklung in der Schweiz. Agthe baute beispielsweise 1992 das Coaching beim Migros-Genossenschaftsbund auf. Szabo hat unter anderem das Institut Solutionsurfers gegründet, das heute auf vier Kontinenten und in 9 Sprachen tätig ist.

Katja Schlegel / Aargauer Zeitung

Einst «undercover» unterwegs, heute etabliert

Nach Herrens persönlichen Ausführungen und dem Film bleibt die Frage: Ist seine Vision aufgegangen? Hat die Erfindung des Coachings das Arbeitsklima in den Unternehmen verändert? Damals wie heute gebe überforderte Führungskräfte und Teams, in denen jeder Arbeitstag eine grosse seelische Belastung bedeute, sagt Herren.

«Aber Coaching ist die niederschwellige Möglichkeit, rasch Hilfe zu bekommen.» Marc Agthe, nebst Werner Herren und Peter Szabo einer der grossen Pioniere des Coachings und an der Vorführung anwesend, sagt, früher habe man als Coach noch fast «undercover» arbeiten müssen, heute sei Coaching fest etabliert. Verändert hätten sich nicht die Themen, sondern die Erwartung: «Heute erwartet man von Coachings Erfolg.»

Hinweis

Das Kurszentrum Aarau befindet sich heute an der Laurenzenvorstadt 47. Als Hauptdozenten arbeiten Werner Herren, Marianne Rutz (Küsnacht ZH), Danièle Zatti Kuhn (Aarau) und Roland Seefeld (Luzern). Im Kursmanagement arbeiten Viola Herren und Beatrice Scherer. Die gute Seele des Hauses ist Verena Herren, Webdesigner ist Daniel Herren. Auch wenn mit Verena Werner Herrens Frau und mit Viola und Daniel zwei von drei Kindern im Unternehmen arbeiten, scheut sich Werner Herren von einem "Familienunternehmen" zu sprechen: "Jeder ist selbstständig."

Der Film "Die Erfindung des Coachings" wird am Internationalen Coaching Kongress vom 18. und 19. November gezeigt. Ab dem 18. November ist er auf Youtube und als Podcast frei zugänglich.

Die Hauptdozenten Werner Herren, Marianne Rutz, Danièle Zatti Kuhn und Roland Seefeld (v.l.)

Die Hauptdozenten Werner Herren, Marianne Rutz, Danièle Zatti Kuhn und Roland Seefeld (v.l.)

zvg

Aktuelle Nachrichten