Aarau
Alt Bundesrichter Franz Nyffeler wird 80: Gerechtigkeit als Lebensbezug

Weggefährte Ulrich Siegrist würdigt die Leistung von Franz Nyffeler, der am 16. April Geburtstag feiert.

Ulrich Siegrist*
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Franz Nyfeler, ehemaliger Bundesrichter

Franz Nyfeler, ehemaliger Bundesrichter

Zvg / Aargauer Zeitung

Eher Anwalt oder Richter? So lautet oft die Frage bei hoffnungsvollen Juristen. Der geistig hellwache Franz Nyffeler kann heute auf eine Lebensperiode zurückblicken, in der sich beide Tugenden zu einem Ganzen ergänzen. Gedanklich stets in die Tiefe, in den Aktivitäten jedoch in die Breite, nicht Spezialist, sondern tätiger Generalist. Nach seiner Ausbildung zum Berner Fürsprecher bahnte sich der Sohn des Berner Statthalters und Schwiegersohn des bekannten Publizisten Hermann Böschenstein eher atypisch und schnell einen Weg ins Wirtschaftsgeschehen. Er wurde Leiter des Rechtsdienstes eines Grossunternehmens in der Ostschweiz. Er schuf sich seine starke Reputation in den Bereichen Fusionen und Sanierungen.

Überraschend war dann sein Wechsel in den Aargau. Hier eröffnete der inzwischen dreifache Familienvater eine eigene Advokatur und war Verwaltungsrat einiger KMU. Durch seinen breiten Sinn für Kommunikation und Gesellschaft wuchs der Berner sofort zu einem Aargauer empor und gehört seither zum Bestand des hiesigen Dunstkreises. Er wurde bekannt als Akteur des Lebens und weniger als Theoretiker. Immerhin absolvierte er Zusatzausbildungen in Europa- und Wirtschaftsrecht und dozierte als Lehrbeauftragter in St. Gallen.

Wiederum unerwartet, aber nicht ohne Zögern liess er sich 1986 zum Oberrichter wählen, dann zum Präsidenten des Handelsgerichts. Als Handelsrichter fand er sich im Element. Er war bekannt für Schritte zur Beschleunigung der Verfahren, für gelegentlich etwas unkonventionelle Massnahmen zur Effizienzsteigerung, und für seine Vorliebe für Vergleiche, Mediation und Vermittlung. Den Parteien, so seine Devise, sei mit einem Entscheid in drei Monaten mehr geholfen als mit einer klugen Abhandlung nach einem Jahr. Er hat darüber auch wissenschaftlich publiziert und ein wenig am Elfenbeinturm gerüttelt.

Bald wurde er Präsident der Schweizer Richter in Handelssachen und kam in den leitenden Ausschuss des europäischen Dachverbandes. Und 1995 wurde er schliesslich zum Bundesrichter gewählt. Von seinen Kollegen in Lausanne wird er noch heute als besonders regsam beschrieben, schöpferisch gestaltend, mit viel Empathie für Betroffene. Nicht nur intellektuell, sondern mit ganzer Person, auch mit Herz, habe er sich in menschliche ­Situationen hineingefühlt. Er habe Energie geholt, indem er es (oft atypisch für Höchstrichter) schaffte, gelegentlich das graue Büro zu verlassen und sich am Léman zu erholen. Dem pulsierenden Leben und kulinarischem Genuss ist er ja bis heute nie abgeneigt.

2012: 250 Jahr Jubiläum der Neuen Helvetischen Gesellschaft. V.l.n.r : Franz Nyffeler (Praesident NHG Aargau), BR aD Moritz Leuenberger und Landammann Urs Hoffmann.

2012: 250 Jahr Jubiläum der Neuen Helvetischen Gesellschaft. V.l.n.r : Franz Nyffeler (Praesident NHG Aargau), BR aD Moritz Leuenberger und Landammann Urs Hoffmann.

Emanuel Freudiger

Der Breite des Lebens entspricht die Breite seines Wissens. Er ist aber kein Bücherwurm, sondern versteht das Leben als etwas Lebendiges, das draussen stattfindet. Dazu gehören sein offener Blick in die Breite und sein langes Engagement im Kulturellen und Sozialen: Als (Ehren-) Präsident der Barmelweid rettete er in den Achtzigerjahren die Neuorientierung zur Mehrzweckheilstätte, zu einer Zeit, als die Weiterexistenz beziehungsweise Unterstützung durch den Kanton auf Messers Scheide stand. Er war Präsident des Bezirksschulrates, Gemeinderat von Erlinsbach, Präsident der Aarauer NHG. Und seiner Herkunft aus behäbigem Berner Mittelstand entspricht auch sein damaliges politisches Engagement in der (einstmaligen) SVP. Politik verstand er stets in einem weitesten Sinne als liberale Gesellschaftskritik und aktuelle Zeitgeschichte. Er und seine Frau sind zudem bis heute treue und gern gesehene Besucher aller Art von kulturellen Events.

Franz Nyffeler 2006.

Franz Nyffeler 2006.

Philipp Baer / AGR

Dem erfolgreichen Richter inmitten des Lebensbezugs wünscht man gute Gesundheit und einen offenen Blick für die Zukunft. Dazu eine fortgesetzte Prise von Leidenschaft für die Idee einer angewandten Gerechtigkeit.

Der Autor (*1945) ist ehemaliger Gross-, Regierungs- und Nationalrat.