Am 8. Juli 2015 wusste Evan Morris, dass seine Stunde geschlagen hatte. Der Chief Compliance Officer seines Arbeitgebers Genentech – seit 2009 komplett im Besitz des Schweizer Pharma-Riesen Roche – hatte für den Folgetag um ein Treffen mit dem hochrangigen Angestellten gebeten. Der Cheflobbyist solle seinen Terminplan freihalten, lautete die Anweisung. Am 9. Juli tauchte Morris kurze Zeit in seinem Büro in Washington auf. Dann machte er sich aus dem Staub. Auf einem Golfplatz in einem Vorort von Washington spielte er eine Runde. Anschliessend verspeiste der 38-Jährige ein reichhaltiges Nachtessen, trank eine teure Flasche Bordeaux und beging dann Suizid.

Wunderkind und Lebemann

Morris war ein Wunderkind, ein vernetzter Demokrat, der unter hochrangigen Politikern und Bürokraten gut Wetter für seinen Arbeitgeber machte und Einnahmen generierte. So gelang es ihm, eine Entscheidung der Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) gegen die Verschreibung des Medikaments Avastin zur Behandlung von Brustkrebs hinauszuzögern – auch weil er das Talent besass, heimlich Interessengruppierungen für seine Zwecke einzuspannen. Zwar verlor Genentech das entsprechende Rekurs-Verfahren im Juni 2011, aber seine Verzögerungstaktik habe fast 1 Milliarde Dollar in die Kassen seines Arbeitgebers gespült, sagte Morris später.

Morris war aber auch ein Lebemann, der es mit Vorschriften nicht sehr genau nahm, wie die Wirtschaftszeitung «Wall Street Journal» jetzt in einem langen Artikel publik machte. Der seit 2009 amtierende Cheflobbyist soll erkleckliche Summen aus dem Budget des Lobby-Büros abgezweigt haben, das sich zuletzt auf gut 50 Millionen Dollar pro Jahr belief. Insgesamt investierte die Pharma-Industrie im vorigen Jahr mehr als 186 Millionen Dollar in den Lobbyismus.

Dabei griff Morris auf ein Netz von Dienstleistern zurück, an deren Spitze Freunde und Bekannten sassen. Ein Beispiel: Am 1. November 2012 und 1. Dezember 2012 überwies Genentech einem Consulting-Unternehmen in Washington insgesamt 880 000 Dollar – weil das Unternehmen Anlässe in Denkfabriken der Hauptstadt organisiert habe. Am 10. Dezember 2012 zahlte dieselbe Firma dann rund 449 000 Dollar auf das persönliche Bankkonto von Evan Morris ein. Angeblich habe es sich dabei um eine Vergütung von Kosten gehandelt, die Morris bei der Organisation eines Anlasses in der Denkfabrik American Enterprise Institute (AEI) entstanden seien. Die Consulting-Firma legte dem «Wall Street Journal» gar eine Rechnung des AEI vor. Allein: Bei dieser Rechnung handelte es sich um eine Fälschung, wie eine Sprecherin der Denkfabrik sagte.

Er unterstützte Hillary Clinton

Das abgezweigte Geld soll Morris zur Finanzierung eines aufwendigen Lebensstils verwendet haben, zu dem mehrere Häuser, ein Weinkeller, ein Sportwagen und ein Schnellboot gehörten. Unter demokratischen Parteigenossen war der Lobbyist als Spendensammler mit tiefen Taschen beliebt; er unterstützte im Präsidentschaftswahlkampf Hillary Clinton, auch weil er hoffte, als amerikanischer Botschafter in der Schweiz zu wirken.

Wie viel Geld Morris veruntreut hat, will seine Arbeitgeberin nicht bekannt gegeben. Das «Wall Street Journal» spricht von Millionen von Dollar. «Der Gesamtbetrag war allerdings für Roche nicht materiell», sagt Sprecher Patrick Barth. Auch habe Roche Anstrengungen unternommen, die veruntreuten Gelder wiederzuerlangen. Roche gehe davon aus, dass es sich um einen Einzelfall gehandelt habe. Dennoch ermitteln das Justizministerium und die Bundespolizei FBI, wie das «Wall Street Journal» schreibt. Bereits werden in der Hauptstadt Erinnerungen an den letzten grossen Lobbyisten-Skandal wach, in den vor einer Dekade der Republikaner Jack Abramoff verwickelt war.