Warum das so ist, ist noch nicht restlos geklärt. Der Ökonom Christoph Koellreuter, der im Auftrag des Verbandes Angestellte Schweiz und des Internet-Stellenvermittlers x28 AG das Stellenangebot ein Jahr nach der Aufhebung des Mindestkurses des Schweizer Frankens analysierte, sieht folgende Gründe:

  • Digitalisierung: Während in den meisten Branchen Stellenangebote schon seit einiger Zeit auf der Website der Unternehmen zu finden sind, ist die Branche Tourismus/Hotellerie/Gastgewerbe noch voll im Prozess, in die diesbezüglichen Möglichkeiten des Internets einzusteigen. x28 AG schätzt, dass rund ein Drittel der Zunahme der Stellenangebote von 27% auf diesen „Einsteige-Effekt“ zurückzuführen ist. Selbst nach Bereinigung um diesen Effekt sei in der Branche Tourismus/Hotellerie/Gastgewerbe von einem Wachstum der Stellenangebote von rund 18% auszugehen, schätzt x28.
  • Hohe Personalfluktuation: Diese Branche kennt neben Arbeitsplätzen mit vergleichsweise hohen Anforderungen, die sehr schwer zu besetzen sind, auch anspruchslose Stellen mit unattraktiven Arbeits- und Anstellungsbedingungen, die wegen der hohen Personalfluktuation häufiger besetzt werden müssen. Beides liessen die Zahl der Stellenausschreibungen überproportional zunehmen.
  • Tourismus findet aber auch in den Städten statt. Und der ist nicht so schlecht unterwegs. Internationale Hotelketten haben die Schweiz entdeckt. Sie investieren bedeutende Summen, nicht nur in den schweizerischen Metropolitanregionen Zürich, Genf/Lausanne und Basel, sondern auch in der Zentralschweiz. Damit treten sie nun verstärkt als Nachfrager auf dem Arbeitsmarkt auf.
Veränderung gegenüber Vorjahresquartal in Prozent

Stellenangebote der exportorientierten Dienstleistungen Q4 2014-2015

Veränderung gegenüber Vorjahresquartal in Prozent

 

Tourismus, Hotellerie und Gastgewerbe machen in der Schweiz gegen 40% der exportorientierten Dienstleistungsbranchen aus.

Die Stellenangebote im Dienstleistungsbereich der Exportbranche insgesamt hätten sich seit der Aufhebung des Mindestkurses entgegengesetzt zum industriellen Bereich entwickelt, so Koellreuter.

Eine Zunahme der Stellenangebote in den exportorientierten Dienstleistungsbranchen (Finanzdienstleistungen, Grosshandel, Versicherungen, Forschung und Tourismus/Hotellerie/Gastgewerbe) von über 11% kontrastiert das Minus von gegen 11% in der Exportindustrie.

Das Angebot an offenen Stellen hat demnach bei den exportorientierten Dienstleistungen in den letzten zwölf Monaten noch einmal kräftig zugelegt, nachdem es Ende 2012 bis zum Ende  2015 schon um knapp 24% zugenommen hatte.

Vor genau einem Jahr hat die Schweizerische Nationalbank aufgehört, auf dem Devisenmarkt zu intervenieren, um den Kurs des Schweizer Frankens bei mindestens 1.20  für einen Euro zu halten. Nach dem ersten Crash auf eine 1:1-Parität erholte sich der Euro im Laufe des Jahres und liegt aktuell bei 1.09 Franken.

Veränderung in Prozent von Q4 2014 bis Q4 2015

Stellenangebote nach Unternehmensgrösse

Veränderung in Prozent von Q4 2014 bis Q4 2015

Damit liegt die nominelle Abwertung des Euros gegenüber dem Schweizer Franken bei rund 10%. Stellt man die Unterschiede in den Inflationsraten in der Schweiz im Vergleich zu denjenigen bei unseren Handelspartnern in Rechnung, beläuft sich die reale Aufwertung des Schweizer Frankens gar nur auf rund fünf Prozent.

Für die Schweizer Wirtschaft hatte die Freigabe einschneidende Folgen – auch für den Arbeitsmarkt.  Koellreuter, Mitgründer der BAK Basel, wertete hunderttausende von Stelleninseraten der Datenbasis des Stellenvermittlers x28 AG aus.

Diese Firma hat ein „Screening-System entwickelt, mit dem alle Internetseiten nach Stellen durchforstet werden und nach Branchen gegliedert werden. Doppelzählungen werden eliminiert. „Stellenangebote wiederspiegeln sehr gut die Zukunftserwartungen der Unternehmen“, sagt Koellreuter. Ein weiterer Vorteil: Die Zahlen sind sehr aktuell.

Die Resultate insgesamt:

  • Im Zeitraum vom vierten Quartal 2014 (dem Quartal vor der Aufhebung des Mindestkurses) bis zum vierten Quartal 2015 (dem Zeitraum eines Jahres nach Aufhebung des Mindestkurses) hat die Zahl der offenen Stellen um 2,3% abgenommen (von 97400 auf 95100).
  •  Die Prognosekorrektur des gesamtwirtschaftlichen Wachstums dürfte sich 2015 auf rund einen Prozentpunkt belaufen. Dagegen könnte die Korrektur der industriellen Produktion 2015 mit rund 4 Prozentpunkten von rund +2% auf rund -2% doch recht markant ausfallen.
  • Es überrasche wenig, dass die Trendumkehr bei den Stellenangeboten in der Industrie besonders deutlich ausfiel. Stellenangebote der Industrie haben Ende 2014 bis Ende 2015 um gegen 11% abgenommen, während sie im vierten Quartal 2014 gegen 12% höher lagen als Ende 2012. Einige Beispiele: Fahrzeugbau - 20%, Maschinen-Metall-Nahrungsmittel-Textil-Holz-Möbel-Glas -18%, Uhren- und Schmuckindustrie -13%.
  • In der Industrie ist Pharma (inkl. Chemie) die grosse Aussnahme, deren Stellenangebote im vierten Quartal 2015 um gut 8 % höher lagen als im vierten Quartal 2014. Die zentrale Rolle von Patenten und die damit verbundene Möglichkeit, eine sehr hohe Wertschöpfung pro Arbeitsstunde zu erzielen, können für diese Steigerung eine Erklärung sein., sondern erhöht hat.

Stellenangebote in den Top 20 Berufen

Bei Branchen wie der Uhrenindustrie oder der Branche Elektro-/Medizinaltechnik/Optik darf die momentane Flaute bei den offenen Stellen nicht überinterpretiert werden. Gegen eine zu pessimistische Perspektive spricht zum Ersten der Glaube an den Standort Schweiz und zweitens die hohe Produktivität.

Nicht nur die Exportindustrie, sondern auch der Binnensektor, der im vierten Quartal 2015 rund 55% der Stellenangebote auf sich vereinigte, spürt die Aufwertung des Schweizer Frankens. Nebst dem Detailhandel leiden auch viele andere binnenorientierte Dienstleistungsbranchen unter der aufwertungsbedingten höheren preislichen Wettbewerbsfähigkeit insbesondere des näheren Auslandes.

Die Vakanzen nahmen in diesem Bereich vom vierten Quartal 2014 bis zum vierten Quartal 2015 um 4.5% ab. In absoluten Zahlen bedeutet dies eine Abnahme von 55300 auf 52800. Dies nachdem sie vom vierten Quartal 2012 bis zum vierten Quartal 2014 um über 13% zugenommen hatten.

Die verstärkte Präsenz der Pharma- und Finanzbranche als Nachfrager auf dem Arbeitsmarkt, wie sie sich in der Zunahme ihrer Stellenangebote in den letzten 12 Monaten manifestiert, findet sich auch abgeschwächt in der Auswertung der Entwicklung der Stellenangebote seit dem vierten Quartal 2014 in zwei weiteren Dimensionen.

Da die Branchen Pharma und Finanzdienstleistungen vor allem in den Metropolitanräumen Zürich, Genf/Lausanne und Basel präsent sind, erstaunt es nicht, dass der Anteil der Stellenangebote der metropolitanen Schweiz (ZH, ZG, SH, AG, BS, BL, GE, VD) am Total der Stellenangebote in den letzten 12 Monaten von 58.3% auf 58.5% ebenfalls leicht zugenommen hat.