Wie immer geschlossene Reihen an der St.-Sebastians-Gemeinde 2016. Dem Wunsch der Organisatoren, in dunkler Kleidung zu erscheinen, folgten praktisch sämtliche der rund 370 Gäste (Frauen ausgenommen).

Und während draussen hin und wieder ein paar Flocken von Himmel fielen, mahnten drinnen Vater Bastian 2016 und Heinz Eng als Präsident der gastgebenden Stadtschützen Olten jenen Patriotismus an, der nichts mit dumpfem Nationalismus oder Chauvinismus gemein hat.

«Patriotismus ist kein Einheitsbrei» so Ueli Augsburger, Vater Bastian 2016, in seiner erfrischend kurz gehaltenen Antrittsrede.

«Kein Patriot glaubt an die Überlegenheit der eigenen Nation oder pflegt eine despektierliche Meinung über andere Völker», erklärte der einstige Berner Regierungsrat.

Es gehe vielmehr darum, die Balance zwischen allgemeiner Wohlfahrt und individueller Freiheit zu finden, so wie das die Fahnenträger des aufgeklärten Liberalismus – Augsburger nannte sie «Altvordere» – praktiziert hätten.

Es gelte, dieser Tradition der Suche nach Balance Sorge zu tragen, denn sie sei immer zukunftsträchtig. Augsburger hatte seine Rede unter die Prämisse Gustav Mahlers gestellt: «Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.»

Und weil dieses patriotische Feuer nie erlöschen dürfe und weitergetragen werden müsse, überreichten die Stadtschützen allen Gästen eine A-Post-Briefmarke. «Diese können Sie für die Weiterverbreitung der Botschaft brauchen», so Augsburger.

Es war eine stille, eigentlich unpathetische und unaufgeregte Rede Augsburgers, die trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – viel zustimmenden Applaus fand.

Eine Frauen-Fürzli-Kanone

Es hatte zuvor noch die Verabschiedung von Vater Bastian 2015, Marc Thommen, gegeben. Und weil dieser bei seinem

Bastiansredner Urban Federer, Abt Kloster einsiedeln: «Ich rede zu Ihnen als Gutmensch»

Es gehört zu den Privilegien des Vater Bastian, den jeweiligen Bastiansredner bestimmen zu dürfen. Ueli Augsburgers Wahl fiel auf Urban Federer, Abt des Klosters Einsiedeln. Und zwar darum, weil Oltner Gesellen um die Mitte des 15. Jahrhunderts im Schwarzbubenland brandschatzend umhergezogen waren und nachher zur Strafe nach Einsiedeln pilgern mussten.

Seiner rund zehnminütigen Bastiansrede stellte Urban Federer voran: «Auch wenn Sies vielleicht nicht gerne hören: Ich rede zu Ihnen als Gutmensch; ja, als einer, der an das Gute im Menschen glaubt.»

Dass auch Gutmenschen durchaus tüchtige Schützen sein können, davon berichtete der Abt ebenso. In der Rekrutenschule sei er der Beste gewesen damals. «Aber mittlerweile sind Sie alle hier im Saal wohl viel besser als ich», analysierte er weiter und kam zum Schluss: «Deswegen möchte ich Ihnen hier von Dingen erzählen, die ich heute gut kann.»


Was Federer damit meinte? Der Abt versteht sich als, wie man im Politjargon sagen würde, Brückenbauer; jenseits des Hardlinertums. «Als Ulrich Zwingli, einstiger Leutpriester von Einsiedeln nach Zürich auszog, um die Reformation im Grossmünster voranzutreiben, wäre es undenkbar gewesen, dass ein Katholik dort jemals wieder eine Predigt halten würde», so Federer.

Aber just dies hatte der Abt von Einsiedeln am Bastiansmorgen gemacht. Federer nannte gegenseitigen Respekt als Basis solchen Wirkens. «Man kann nicht nur Rechte einfordern, man muss auch Pflichten leben», so der 59. Abt des Klosters Einsiedeln.

Was der 47-Jährige allerdings nicht sagte: dass Brücken bauen eine Pflicht sei. Diesen allfälligen Gedankenschritt überliess er der St.-Sebastians-Gemeinde.
«Wer etwas weitergeben will, der muss zuerst etwas haben.»

Damit zielte Federer auf die von Augsburger ausgewählte Losung ab: Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche. Fehle dieses Feuer als Brückenbauer, so folge Zynismus und später Respektlosigkeit. Konfrontation eben.

Aber: Wer Werte lebe, der brauche sich vor Kritik an ihnen nicht zu fürchten, obwohl es halt manchmal auch an Bildung fehle, welche dieser Einsicht zum Durchbruch verhelfen könne. Fern dieser Analyse wertete Federer jedenfalls die Einladung als ein Zeichen von Respekt ihm gegenüber, deren Annahme habe er gerne und freiwillig zugestimmt.

Sein Gesicht zeigen und aus der Anonymität heraustreten: der erste Schritt der Brückenbauer. (hub)

Amtsantritt den Stadtschützen vor Jahresfrist eine Zibele-Kanone geschenkt hatte, die – logischerweise – mit Zwiebeln als Munition und eingesetztem Haarlack tatsächlich auch funktioniert, hielten die Stadtschützen Gegenrecht und überliessen Thommen eine noch funktionierende Frauen-Fürzli-Kanone; «aus den frühen 1970er-Jahren», wie Eng betonte und bei den wenigen anwesenden Frauen gleichzeitig um Verzeihung für den vulgären Ausdruck bat.

Selbstverständlich gabs zur Kanone auch eine grossfürstliche Ladung «Lady Crackers» (so heissen Frauenfürze neuerdings) und den dazu gehörigen traditionellen Zündungsinitianten – eine Schachtel mit guten alten Streichhölzern.

Gelberbssuppe mit Gnagi

Der Rest war Gelberbssuppe mit Gnagi, Berner Platte, Rahmkirschtorte, Kaffee Crème; wenn auch nicht ganz: Staatsschreiber Andreas Eng wurde zum Bastiansehrenbruder ernannt; eine Auszeichnung, die an Personen geht, die sich um das Schiesswesen im Allgemeinen und durch ihren Einsatz im öffentlichen Leben verdient gemacht haben.

Geehrt wurden auch die jeweiligen Jahresmeister der Stadtschützen in den unterschiedlichsten Disziplinen.

Zu Klängen der Stadtmusik, «letztmals in alter Uniform», wie Heinz Eng an die Adresse möglicher Uniformenspender im Konzertsaal meinte, Rhythmen der Tambouren der Jugendmusik Olten und, als eigentliches Novum, unterhaltenden Melodien der Dixieland Preachers Olten fand die St.-Sebastians-Gemeinde 2016 ihren Ausklang.

Nicht fehlen durften natürlich das finale «Heideröslein» und der anschliessende Auszug aus dem Konzertsaal – direkt ins gegenüberliegende Restaurant Aarhof.

Aber zuvor noch gab die Erinnerung Engs, dass nach dem Bastian vor dem Bastian sei. Am 15. Februar 2017 ists wieder so weit.