Vor ihm liegt die «Financial Times» – auf Englisch. Er liest die Wirtschaftszeitung in der Originalsprache. Für einen Mann wie den wilden FDP-Stadtratskandidaten Thomas Rauch kein Problem. Als Finanzanalyst hat der 51-Jährige schon in London gearbeitet.

Er spricht von 15-Stunden-Tagen, Goldgräberstimmung und Hedgefonds, diese in Verruf geratenen Anlageprodukte. Der studierte Volkswirtschafter hat auf höchster Ebene mit Firmenchefs um Fusionen und Übernahmen gekämpft und dabei gutes Geld verdient – bis 2008 die Finanzkrise kam.

Seither kennt er die negative Seite des Börsensturzes nicht nur aus der Zeitung. Rauch führte schon Restrukturierungen durch, war aber auch schon selbst davon betroffen. Heute arbeitet er in Zürich als Vermögensverwalter institutioneller Kunden wie Pensionskassen und ist verantwortlich für den Markt in der Westschweiz. Er wacht so über mehrere Milliarden Franken.

Die Zahlen, die sind seine Welt. Und diese Welt würde er auch im Stadtrat einbringen. Es ginge ihm nicht nur darum, die Städtischen Betriebe Olten auf die finanziellen Risiken für die Stadt hin abzuklopfen – Rauch gehörte als Gemeinderat immer zu den kritischsten Stimmen bei diesem Geschäft–, sondern um grundsätzliche Korrekturen.

Bei den Ausgaben etwa müsse man Prioritäten setzen und bestimmen, was zu den staatlichen Aufgaben gehöre und was nicht: Wichtig sei eine gute Infrastruktur wie Schulen oder Sportstätten, eine attraktive Steuerpolitik mit für Familien ausgebauten Tagesstrukturen oder ein Standortmarketing, welches aus der zentralen geografischen Lage mehr macht.

Thomas Rauch sagt, wieso man ihn wählen sollte

Dazu müsse man das Gemeinwesen mithilfe neuer Finanzierungsmöglichkeiten dringend entlasten. «Leasen statt kaufen» ist für Rauch ein prüfenswerter Ansatz. Oder mit Verhandeln versuchen, mehr rauszuholen. Etwa bei der Winkelunterführung, einem der Sorgenkinder der Stadt. «Warum können wir dem Besitzer nicht etwas anbieten, damit die Stadt im Gegenzug eine velotaugliche Winkelunterführung erhält?» Auch bei der Verwaltung sieht er in Sachen Bürgerfreundlichkeit noch Luft nach oben. Ihn stören etwa die pendlerunfreundlichen Öffnungszeiten des Werkhofs.

Mit solchen Ideen, die auf manche zu ausgefallen wirken, ist er schon im Parlament aufgefallen. In einem Vorstoss forderte er etwa, vor allem die schlechter bezahlten Stadtangestellten sollen finanziell daran beteiligt werden, wenn sie dazu beitrügen, mindestens fünf Prozent des Personalaufwandes zu reduzieren. Das Postulat wurde im Gemeindeparlament verworfen, auch von seinen FDP-Kollegen stimmte nur die Hälfte zu.

Anfang 2016 ist er freiwillig aus dem Parlament ausgeschieden, weil er zum Schluss kam, dass die Einflussmöglichkeiten zu gering sind. «Wenn man als Politiker etwas direkt bewirken will, muss man in die Exekutive.»

Das sagt die Ehefrau

Stärke: «Er ist vielseitig interessiert, kreativ, belesen, geht der Sache auf den Grund und ist manchmal sogar pünktlich.»

Schwäche: «Er sagt, was er denkt. Und das sehr klar und direkt, was nicht immer gut ankommt.»

Nicht aus der Partei ausgetreten

Der in einem FDP-Haushalt in Wohlen bei Bern aufgewachsene Rauch versuchte es zuerst über die interne Ausmarchung. Dort unterlag er der Parteipräsidentin Monique Rudolf von Rohr. Er entschied sich dann für eine wilde Stadtratskandidatur. Wenn er über die städtische FDP spricht, schwingt in seiner Stimme eine gewisse Enttäuschung mit. Die Partei hätte sich zu stark von einem wirtschaftlichen Profil entfernt, sagt er mit Blick auf die offizielle Kampfkandidatin. «Der FDP fehlen zunehmend Köpfe mit privatwirtschaftlichen Erfahrungen.»

Für die Wahlen tritt er mit dem Slogan «Initiative für ein unabhängiges Olten» an, bleibt aber der Partei als Mitglied treu. Die eine oder andere spitze Äusserung erlaubt er sich trotzdem, sei es in Inseraten oder in der Oltner Facebook-Gruppe. «Ich bin kein Diplomat», gibt er zu. Man müsse für seine Ideen kämpfen, sagt der Mann, der sich den Wettbewerb aus seinem beruflichen Alltag gewohnt ist. Oder dem Sport. Früher war er aktiver Volleyballer in der NLB, heute geht der Vater zweier schulpflichtiger Söhne im Sommer täglich schwimmen oder ist im Winter in seiner zweiten Heimat Engadin auf den Langlaufskiern anzutreffen.

Wer nun glaubt, dass der Vermögensverwalter die Welt nur durch die Finanzbrille sieht, liegt falsch. Privat brauche er keinen grossen Luxus, sagt der Fahrer eines alten Saabs. «Geld ist wichtig als Rohstoff, um Ideen umsetzen zu können.» Rauch bezeichnet sich als FDPler mit «sozialem Einschlag». Es brauche den Sozialstaat, profitieren davon sollen in seinen Augen aber vor allem die «Schlechtergestellten» und nicht der Mittelstand. Darum würde ihn auch die frei werdende Direktion Soziales reizen. Nicht, um primär zu sparen, sondern um zu prüfen, ob nicht das Geld und die Mitarbeiter im Rahmen des rechtlich Möglichen effizienter eingesetzt werden können. 

Ja oder Nein?

Persönliches

Glauben Sie an Gott oder eine sonstige höhere Macht? Ja.
Zahlen Sie Kirchensteuern? Ja.
Spenden Sie regelmässig für wohltätige Organisationen? Ja, einer kleinen Institution überweise ich jährlich einen Beitrag.
Rauchen Sie oder haben Sie früher geraucht? Ja, etwa bei einer Feier.
Trinken Sie Alkohol? Ja, Bier oder Rotwein aus dem Bordeaux.
Lesen Sie Bücher? Ja, Literatur wie der Franzose Albert Camus oder der Amerikaner Philip Roth, beide in Originalsprache.
Kaufen Sie Bio-Lebensmittel ein? Ja, selektiv einzelne Sachen.
Haben Sie Haustiere? Nein.
Kaufen Sie ab und zu Waren online ein? Ja, zuletzt eine Kanten-Schleifmaschine, weil in keinem Laden gefunden.
Gehen Sie regelmässig ins Ausland einkaufen? Nein.

Politisches

Braucht es eine neue Stadtteilverbindung ins Quartier Olten SüdWest? Ja, aber der bisherige Vorschlag ist zuwenig kosteneffizient und erst, wenn die Nutzung des Areals definitiv klar ist.
Muss die Stadt Olten den Steuerfuss für natürliche Personen von bisher 108 Prozent erhöhen? Nein, eine langfristig stabile Steuerpolitik ist wichtig für die Standortattraktivität Oltens.
Soll die Stadtkirche für die Renovation einen Beitrag der Stadt erhalten? Nein, weil dies in einer multikulturellen Gesellschaft Begehrlichkeiten weckt.
Ist die Parkplatzsituation in Olten zufriedenstellend? Nein, es braucht ein Parkleitsystem.
Müsste die Winkelunterführung von Grund auf neu geplant werden? Ja, aber ohne eine erhöhte Ausnutzung des Areals und Kooperation mit dem Grundeigentümer geht da nichts.
Soll die Stadt Olten mit umliegenden Gemeinden fusionieren? Ja, aber nur wenn die finanziellen und personellen Folgen für die Gemeinden klar sind.
Sollen Tagesstrukturen wie Mittagstische oder Aufgabenhilfe flächendeckend in ganz Olten eingeführt werden? Ja.