In der städtischen FDP könnte sich ein Richtungsstreit anbahnen. Die wilde Stadtratskandidatur von Thomas Rauch zeigte, dass Wirtschaftsleute wie er in der Partei derzeit zu kurz kommen. Bei den Kantonsratswahlen vor einer Woche hat die FDP zudem in der Amtei Olten-Gösgen ihren siebten Sitz verloren. Nun stellt die städtische FDP nur noch einen Vertreter im 100-köpfigen Kantonsparlament.

An der Parteiversammlung vor einer Woche nahm dies der nicht gewählte Stefan Nünlist zum Anlass, vermehrt Inhalte und Dialog einzufordern. Er schlug eine «urbane Interpretation des liberalen Gedankenguts» vor, was mithilfe einer Arbeitsgruppe konkretisiert werden soll. Der 55-jährige Ex-Gemeinderat und Leiter Kommunikation und Nachhaltigkeit bei der Swisscom sagt im Interview, wie er sich das vorstellt.

Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für das schlechte Abschneiden der FDP-Kandidaten aus Olten? Der zweite Sitz vom nicht mehr antretenden Oltner Ex-Stadtpräsident Ernst Zingg ging verloren.

Stefan Nünlist: Mit Benvenuto Savoldelli als Stadtrat hatten wir Erfolg, mit Monique Rudolf von Rohr eine breit abgestützte Kandidatin für einen zweiten Sitz im Stadtrat und eine starke Gemeinderatsliste. Aber bei den Kantonsratswahlen haben wir in Olten nicht reüssiert. Zum einen ist das ein schweizweiter Trend. Die FDP verliert eher Wähleranteile in den Städten und gewinnt auf dem Land. Zum anderen beschäftigt sich die Oltner Stadtpolitik stark mit sich selber und vernachlässigt etwas die Amtei.

Ernst Zingg war hier die löbliche Ausnahme. Und nicht zuletzt gibt es Unterschiede zwischen den Kandidaten aus Olten und den umliegenden Gemeinden: Die letzten sind stark in der Region verankert, weil sie hier nicht nur leben, sondern auch arbeiten. Die städtischen Bewerber hingegen sind oft Pendler und knüpfen ihr berufliches Netzwerk auch auswärts. Damit fehlt die lokale Bekanntheit.

Auffallend ist, dass die Mehrheit der gewählten FDP-Kandidaten in der Amtei den Lohn vom Staat beziehen. Hat sich die FDP von der Wirtschaft verabschiedet?

Es ist bedenkenswert, wenn Daniel Probst als Handelskammer-Direktor, Urs Knapp als Partner der grössten Schweizer Kommunikationsagentur Farner oder ich als Kader der Swisscom mit 1000 Arbeitsplätzen alleine in Olten auf den Ersatzplätzen landen, dafür zwei Lehrer respektive drei Gemeindefunktionäre gewählt werden. Ich glaube aber nicht, dass wir zu weit weg sind von der Wirtschaft. Die FDP ist und bleibt eine Volkspartei mit hoher Wirtschaftskompetenz. Aber es braucht mehr inhaltliche Debatten und Auseinandersetzungen mit wirtschaftlichen Themen und Anliegen. Das müssen und können wir besser machen.

Sie haben an der Parteiversammlung letzten Montag vorgeschlagen, dass die städtische FDP eine urbane Interpretation des liberalen Gedankens braucht. Was stellen Sie sich vor?

Es geht darum, die liberalen Werte wie Eigenverantwortung, Freiheit und Gemeinsinn auf den Alltag der Leute runterzubrechen und in lebensnahe Themen zu überführen wie öffentlicher Verkehr, Qualität der Schulen, gute Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten oder bezahlbaren Wohnraum. Ich engagiere mich gern in einer Gruppe, welche an solchen Inhalten arbeitet und urbane liberale Impulse entwickelt. Im Bereich Bildung haben wir dies im Januar bereits an die Hand genommen.

Sie kritisierten an der Versammlung auch den Wahlkampf unter den Parteien: Es sei kaum über Inhalte und Themen debattiert worden.

Die Debatte über Inhalte habe ich vermisst. Ich war an zwei innerparteiliche Podien geladen: Beim einen haben wir gejasst, beim anderen waren wir mehr Kandidaten als Zuschauer. Überparteiliche Veranstaltungen für Kantonsratskandidaten fanden nicht statt. Ich glaube daran, dass im Wettbewerb der Ideen und Meinung die besten Lösungen gefunden werden.

Ein Omen für die rekordtiefe Wahlbeteiligung von rund 35 Prozent?

Als Mensch ist man heute vielen Einflüssen ausgesetzt, Aufmerksamkeit ist zu einem knappen Gut geworden. So konzentriert man sich auf Bekanntes und Wesentliches wie Job, Familie und Freundeskreis. Zeit und Lust sind beschränkt, sich mit Themen zu beschäftigen, die von der eigenen Lebenswelt etwas weiter weg sind.

Sie führten einen aufwendigen Wahlkampf und haben es trotzdem nicht in den Kantonsrat geschafft. Wie gehts nun politisch weiter mit dem einstigen Hoffnungsträger der Partei?

So aufwendig war der nicht. Aber wenn mir etwas am Herzen liegt wie die Schweiz, ihre Zukunft und die Freiheit, so kämpfe ich dafür. Wo und wie ich das tue, wird sich zeigen.