Die Ankündigung von Sparmassnahmen der Stadt im Herbst 2013 war für die meisten Oltnerinnen und Oltner eine Hiobsbotschaft. Einer der grossen Verlierer: der Sektor Freizeit. Im Bereich Kultur wurden bis heute insgesamt 888 500 Franken gekürzt, im Bereich Kinder und Jugend 101 000 Franken.

Am meisten löste die politische Diskussion um die Museen der Stadt aus. Gar die Schliessung wurde damals im Parlament vorgeschlagen. Zu diesem Zeitpunkt ging eine Schock-Welle durch die ganze Kulturszene. Später hat sich herausgestellt: Das war der endgültige Auslöser für eine Reihe von Freiwilligen-Projekten, die seither ungebremst auf Oltner Boden entstehen.

Eine der ersten Gruppen, die sich in der Empörungswelle Ende 2013 bildeten, war das Kollektiv «wie wir leben wollen», bestehend aus sieben jungen Frauen aus Olten, einige in einem künstlerischen Umfeld tätig. Mit einer Postkarten-Aktion forderten sie die Stadtbewohner auf, in Sprechblasen ihre Wunschvorstellung von Olten festzuhalten. Zweihundert Stück erhielt das Kollektiv ausgefüllt zurück.

Diese überreichten sie dem Stadtrat als Bürgerinnen- und Bürger-Intervention. Reaktionen darauf gab es keine grossen. «Trotzdem war es nicht vergebens», sagt Kollektiv-Mitglied Cecile Weibel. Die Aktion habe Signalwirkung gehabt: «Wir denken mit. Es ist uns nicht egal.» Und genauso wertvoll: Es wurden viele neue Kontakte geknüpft. Aktuell konzentriert sich das Kollektiv auf die Asylsuchenden in Olten beziehungsweise auf deren Begegnungsmöglichkeiten mit der Bevölkerung. «Das ist entscheidend für ein gutes Zusammenleben», sagt Weibel.

Treffen im Hinterzimmer

Den Fokuswechsel kann das Kollektiv ohne schlechtes Gewissen machen. Am 21. Januar 2014 organisierte der Kunstverein den ersten Kulturstammtisch mit Akteuren aus der freien Kunstszene und aus vereinzelten Kulturinstitutionen. Spontan wurde beschlossen, das Komitee «Pro Kultur Olten» zu gründen, um in erster Linie das Kunstmuseum zu erhalten und die Existenz der städtischen Museen als eigenständige Institutionen zu sichern.

Übergeordnetes Ziel war aber die Oltner Kultur generell zu schützen, stärken und fördern. Im Hinterzimmer der christkatholischen Kirche und im «Coq d’Or» fanden die ersten Treffen statt. «Damals fehlte es noch an einer offiziellen starken Lobby», sagt Regina Graber.

Ein Ergebnis der Treffen: eine Petition gegen die Schliessung des Kunstmuseums. Die Gruppierung sammelte insgesamt 3740 Unterschriften und übergab sie Ende März 2014 dem Stadtrat.

Elegante Petitionsübergabe: Mit weissen Handschuhen übergab das Komitee die Bilderrahmen mit den Unterschriften.

Elegante Petitionsübergabe: Mit weissen Handschuhen übergab das Komitee die Bilderrahmen mit den Unterschriften.

In den anschliessenden Gemeinderatssitzungen wurde die Schliessung abgelehnt. Um die Bevölkerung auf die Folgen der Kürzungen aufmerksam zu machen, organisierte dieselbe Gruppierung am 10. Mai 2014 den Kulturtag unter dem Motto «Kultur hat mehr Wert».

Vertreter jeglicher Kultursparten, von Theater über Musik bis Fotografie, präsentierten auf der Kirchgasse die Vielfalt des Kulturangebots von Olten. Allerdings mit Unterbrechungen betitelt mit «Sparpausen».

Von der Gruppierung zum Verein

Erstmals rückten Kulturschaffende und Institutionen aus jeglichen Sparten so eng zusammen. «Das war das einzig Positive, dass aus den Sparmassnahmen der Stadt resultierte», sagt Christof Schelbert von der Kulturförderungskommission.

«Vorher kannte man sich unter Kulturschaffenden und arrivierten Institutionen noch nicht so gut. Das änderte sich dann. Man lernte die Leute kennen und es entstanden Kontakte, auf die man bis heute noch zurückgreift», sagt Daniel Kissling, Geschäftsführer des «Coq d’Or». Sein Lokal stellte er immer wieder für Treffen der Gruppierung Pro Kultur Olten zur Verfügung.

Diese Gruppierung entwickelte sich langsam zu einer richtigen Lobby, auf deren Unterstützung Betroffene in der Kulturszene zurückgreifen konnten. Wie zum Beispiel im Fall des Jugendkulturhauses Provisorium 8. Die Stadt hatte bekannt gegeben, die Beiträge von rund 260 000 Franken, die das Jugendhaus bislang erhielt, ganz zu streichen.

Auch ihm drohte dadurch die Schliessung. Im Juni 2014 sammelte ein Initiativkomitee «Save the Provi 8», bestehend vor allem aus Jungpolitikern von SP, FDP und Grünen sowie weiteren Vertretern aus Politik und Kultur, Unterschriften für den Erhalt der Institution. Dazu wurde eine Jugendmotion eingereicht, die schliesslich im Dezember im Parlament angenommen wurde. Das Parlament entschied schliesslich den Beitrag nur zu kürzen und nicht ganz zu streichen.

Inzwischen hatte das Komitee Pro Kultur Olten am 2. September 2014 im «Coq d’Or» den Verein Pro Kultur Olten gegründet. Ein Verein mit dem Ziel, als gemeinsame Interessensvertretung zugunsten des kulturellen Schaffens Kürzungen im Kulturbereich zu verhindern und sich unter anderem mittel- bis langfristig für ein Kulturkonzept in der Stadt einzusetzen.

Yves Stuber, Daniel Kissling, Regina Graber, Jürg Meier und Felix Wettstein haben den Verein «Pro Kultur Olten» gegründet.

Yves Stuber, Daniel Kissling, Regina Graber, Jürg Meier und Felix Wettstein haben den Verein «Pro Kultur Olten» gegründet.

«Ziel ist auch, dass es den Verein in Zukunft gar nicht mehr braucht», sagte Regina Graber bei der Gründung des Vereins, den sie seither präsidiert. Noch heute gibt es den Verein. «Und er wird voraussichtlich auch noch längere Zeit bestehen», sagt die Präsidentin.

Noch offen ist nach der vorgeschlagenen Revision der Gemeindeordnung die Zukunft der ausserparlamentarischen Kommissionen. Im Kulturbereich ist das die Kulturförderungs- und die Stadtentwicklungskommission, für deren Erhalt der Verein einsteht. «Wir schauen jetzt aufeinander», sagt Graber. «Und auch der Politik ist jetzt bewusst, dass sie nicht über das Thema Kultur entscheiden können, ohne dass Reaktionen kommen.»

Auf die mittlerweile 110 Mitglieder, darunter 20 Vereine, ist die Präsidentin von Pro Kultur Olten stolz. Auch darauf, dass der Verein von Kulturschaffenden aus anderen Kantonen angefragt wurde, die ebenfalls mit Kürzungen zu kämpfen haben. «Pro Kultur Olten wird von einigen als Vorbild wahrgenommen.»

Alternativen gesucht

Das Spardiktat der Stadt liess auch andere Freiwilligen-Bewegungen in Olten entstehen. Im Frühjahr 2014 regten sich einige Bürger über die grossen Diskussionen um das Geld auf und beschlossen, sich politisch nicht gegen die Kürzungen aufzulehnen, sondern nach Alternativen zu suchen. Mit der Botschaft «Man kann trotz Sparkurs tolle Sachen auf die Beine stellen» und ganz im Stil «es ist mehr möglich, als man denkt».

Urbane Gärten, später genannt «Garten für alle», war das erste Projekt. Der Initiant Tobias Vega holte bei der Stadt die Erlaubnis ein, mit anderen Garten-Interessierten aus der Bevölkerung die Trottermatte mitzugestalten und zu pflegen. Die Nachfrage, auf öffentlichen Grünflächen mitwirken zu können, stieg.

So kam es, dass an drei weiteren Standorten in Olten im Sommer rund 20 Menschen jeden Alters sich um Tomaten-, Kürbis-, Gurken-Pflanzen und weiteres Gewächs kümmerten und immer noch kümmern. Mit der Ernte der Gärten und mit geniessbaren Rest-Lebensmitteln aus Läden der Region kochte und kocht die Gruppe im Cultibo regelmässig kostenloses «Essen für alle».

Dort trafen Menschen aus allen Bereich zusammen: vom Asylsuchenden bis zum Manager. Die zusätzliche Botschaft der Essen ist dabei neben dem gemeinsamen Essen und Teilen auch die Vermeidung von Essensresten beziehungsweise von Lebensmittelverschwendung. Daraus entwickelte sich dann schliesslich mit weiteren Freiwilligen im Dezember 2015 die Restessbar. In der Zwischenzeit entstand «Donnerstag in Olten», eine Art Think-Tank für die Bevölkerung.

Synergien genutzt

Als bekannt wurde, dass im Gheid Flüchtlinge untergebracht werden, bildeten sich aus Freiwilligen von den bisher entstandenen kleinen Projekten und aus dem Kollektiv «wie wir leben wollen» die Gruppe «Refugees Welcome Olten», die im Dezember in Zusammenarbeit mit Freiwilligen aus anderen Projekten die Refugees Welcome Party organisierte.

Bei dieser ersten grossen Zusammenarbeit entstand die Idee, aus den vielen kleinen Gruppen den Verein Olten im Wandel zu gründen. «Jedes Projekt hatte ja administrativen Aufwand für die eigene Website», sagt Nick Bieri, Vorstandsmitglied «Olten im Wandel». «Es leuchtete allen ein, dass wir bei einem Zusammenschluss Synergien noch besser nutzen konnten.»

Sieben Vorstandsmitglieder hat der Verein nun. Jedes vertritt mindestens eines der Projekte und jedes Projekt kann auch eigenständig handeln, wie Bieri erklärt. Die Website Olten im Wandel deckt jetzt aber alle Projekte ab.

Hilfe von der Bevölkerung

Der Verein zählt aktuell 15 Mitglieder. Beteiligt sind laut Bieri derzeit aber über 50 Menschen, verteilt auf alle Projekte. «Wir wollen die Menschen nicht zu einer Mitgliedschaft verpflichten.

Die Freude und der Spass irgendwie sinnvoll mitwirken zu können, soll Priorität haben. Wir wollen auf jeden Fall vermeiden, dass Menschen wegen einer verbindlichen Vereinsmitgliedschaft gehemmt werden. bei einem Projekt mitzumachen. Einfach mitmachen genügt auch», sagt Bieri.

Bis jetzt seien die Projekte mit wenig bis gar kein Geld ausgekommen. Bei «Essen für alle» zum Beispiel gibts eine Kollekte. Obwohl die Gruppe im Cultibo keine Miete bezahlen müsste, zahlt sie mit dem Geld der Kollekte einen Beitrag. «Weil wir das Cultibo unterstützen möchten und auf die gute Zusammenarbeit setzen», so Bieri.

Mit ihren Stärken und Fähigkeiten arbeiten die Freiwilligen gratis für den Verein. «Manchmal braucht es aber zum Beispiel neues Gartenwerkzeug», erklärt Bieri. Dann sind sie froh um die kleine Spenderkasse. «Naturalien sind für uns aber auch Spenden.» So erhalten sie zum Beispiel manchmal gebrauchte Werkzeuge, Utensilien oder Lebensmittel aus der Bevölkerung. Es muss eben nicht immer das Neuste sein.