Angst und Ärger machten sich vor einem Jahr in Biberist breit. Am 12. Juli 2014, morgens um vier Uhr, flogen nach einem ohrenbetäubenden Knall in der Stahl Gerlafingen AG glühend heisse Gesteinsbrocken in Richtung Schachen durch die Luft. Dies wegen des hohen Wasserspiegels der Emme.

Wasser drang in die Schlackengrube ein und liess die glühende Schlacke verpuffen. Glücklicherweise blieben Personen unversehrt. Aber Autos und Häuser wurden beschädigt. Als Sofortmassnahme erhöhte das Stahlwerk die Kühlzeit der Schlacke und installierte eine elektronische Grundwasseranzeige. Diese erlaubt, durchgehend zu überwachen, dass eine genügend dicke Schlackenschicht in der Grube eine sichere Barriere zum Grundwasser bildet.

Engagement der Anwohner

«Was machen wir jetzt?», rätselten die verängstigten Anwohner nach der Verpuffung und riefen eine Arbeitsgruppe (AG) mit Willy Pieren, Max Flückiger, Markus Bieri und Peter Kunz ins Leben. «Für uns war klar, dass wir das Problem mit dem Stahlwerk gemeinsam lösen wollten und dass Prozessieren keinen Sinn macht», sagt Willy Pieren.

Die ersten Sitzungen fanden im Beisein von Daniel Aebli (COO Stahl Gerlafingen AG) sowie Christoph Zeltner (Leiter Qualität und Umwelt) statt. «Wir waren anfangs fachlich überfordert», blickt Willy Pieren zurück. Die AG stiess auf einen 600-seitigen Bericht des Forschungsinstitutes für Eisenhüttenschlacken aus Duisburg.

Die Einladung des Stahlwerks, an einem zweitägigen Schlacken-Symposium teilzunehmen und die Lech-Stahlwerke im deutschen Meitingen zu besuchen, nahmen die Anwohner gerne an. «Diese Besichtigung zeigte auf, dass die Lösung nur darin bestehen kann, Flüssigschlacke in ein Schlackenbeet zu leeren, in welchem sich garantiert keine Wasserlachen bilden», erzählt Willy Pieren.

Prozessverbesserung mit «Clean Pit»

Ein Jahr später stehen die Stahlwerk-Verantwortlichen und die Anwohner-AG vor den Schlackenkübeln beisammen. Alle 40 Minuten bringt der Schlackentransporter einen mit acht Tonnen gefüllten Schlackenkübel aufs Gelände. Rund 14 Stunden kühlt die Schlacke ab, sodass die Temperatur aussen noch rund 400, innen aber immer noch bis zu 1000 Grad sein kann. Viel ist in der Lösungssuche in der Zwischenzeit passiert. Das Stahlwerk zog Experten aus der Schweiz, Deutschland und Italien bei, die vier Varianten erarbeiteten.

Ziel war, Sicherheit, Umweltverträglichkeit und Prozessabläufe bei der Schlackenaufbereitung nachhaltig zu verbessern. Nun traf der Verwaltungsrat der Stahl Gerlafingen AG den Grundsatzentscheid für die Variante «Clean Pit», die eine integrierte Verbesserung des ganzen Prozesses beinhaltet. 

Auch weniger Lärm

Künftig wird die Schlacke nicht mehr mit Kübeln aus dem Stahlwerk transportiert, sondern direkt im Stahlwerk in zwei Schlackenbeete von 5 mal 4 Metern geleert. Von dort wird sie in bereits erstarrter Form mit Spezialfahrzeugen zur Abkühlung in ein Zwischenlager gebracht. Dazu wird die heutige Schlackengrube in eine Lagerbox umgebaut. Der nachfolgende Brech- und Siebvorgang bleibt bestehen. Vorteile dieser Variante sind in erster Linie die Eliminierung der Verpuffungsgefahr, erzeugt durch Kontakt von flüssiger Schlacke mit Wasserlachen. Es wird nur noch feste Schlacke aus den Stahlwerkhallen geführt. Der Aufwand und der Lärm zum Brechen der Schlacke in der Brechanlage wird viel kleiner, weil die abgekühlte Schlacke poröser ist und keine grösseren Brocken mehr enthält. (mgt/APB)

Diese Variante bewertete auch die Anwohner-AG als die beste. «Geplant sind zwei Vorumbauten und, einer Herzoperation gleich, ein Hauptumbau mit Verlegen von rund 300 Rohrleitungen und Kabeln», sagt Christoph Zeltner (siehe Kasten). Im kommenden September wird das Baugesuch eingereicht. Frühestens im Sommer 2017 sollen sämtliche Arbeiten beendet sein.

Gegenseitiges Vertrauen

«Wir Anwohner sind sehr erleichtert, dass wir zu dieser Lösung beitragen durften», sagt Willy Pieren stellvertretend für die AG. Das Verhältnis der Anwohner zum Stahlwerk sei nämlich während Jahrzehnten sehr belastend gewesen. «Für die Anwohner war entscheidend, dass seitens des Stahlwerks überhaupt Bereitschaft herrschte, die Abläufe kritisch zu hinterfragen und einen neuen Weg aufzuzeigen», so Willy Pieren. Er ist überzeugt, dass mit der neuen Schlackenbewirtschaftung das grosse, risikobehaftete Umweltproblem in Biberist sachgemäss gelöst wird.

Daniel Aebli rollt die Vergangenheit auf. Die «von Roll» sei über 200 Jahre hier. Früher habe es viel weniger Häuser und demzufolge weniger Konflikte gegeben. Die meisten Leute, die im Schachen wohnten, hätten auch in der von Roll gearbeitet. «Heute leben wir in einer andern Welt, es ist notwendig, dass wir die Bevölkerung mit einbeziehen und uns nicht nur an gesetzliche Bestimmungen halten», zeigt der COO auf. Alles andere führe zum juristischen Weg, bei welchem es schliesslich nur Verlierer gebe.