Susanna Kunz hat im Kanton Solothurn eine Selbsthilfegruppe* für Menschen in dieser Situation gegründet. Ich bin Teilnehmerin und dankbar für die vielen Erfahrungen, die weitergegeben werden.

Wir sind eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Von Oberpessimisten bis unerschütterlichen Optimistinnen haben wir das ganze Spektrum an Persönlichkeiten zur Verfügung. Eine tolle Herausforderung und reich an Austausch.

Jede Person hat ihre eigene Geschichte, ihren Hintergrund, Ängste und Befürchtungen.
Einige haben sich ihr Leben lang weitergebildet, Stress bewältigt, sich immer wieder angepasst, Herausforderungen angenommen, sind sogar einem neuen Standort der Firma gefolgt und passten dann doch nicht mehr.

Weibliche Klassiker dieser Altersgruppe haben Kinder grossgezogen, Familie und Haushalt gemanagt. Die stehen jetzt ohne schriftliche Qualifikation da und müssen sich überlegen, wofür sie in der Berufswelt überhaupt noch taugen.

Wir hätten das Leben jetzt etwas gemütlicher gestalten können. Neben dem Job. Die Kinder sind selbständig, Karrieregelüste grösstenteils abgeschlossen und die Wohnsituation in etwa wie gewünscht.Es wäre Zeit das Leben zu leben. Wir könnten unsere Wünsche nach fernen Ländern erfüllen, den einen oder andern Kurs besuchen, uns ein Theater Abo oder sonst was leisten.

Fragen zu «immer noch arbeitslos und noch mehr über 50»

Was soll ich denn hier in der Gruppe? Was kann ich selbst einbringen?

  • Mich mit andern Menschen in selber Situation austauschen
  • Neue Sichtweisen kennenlernen
  • Potentiale entdecken und weitergeben
  • Aufmunterung bekommen und schenken, je nach Verfassung
  • Gegenseitiges Interesse
  • Impulse und Ideen aufnehmen und reflektieren

Was bringt mir das Ganze?

  • Ich gehöre dazu, bin nicht alleine
  • Fühle mich gestärkt
  • Menschlichkeit

Was verändert sich mit der Zeit in der Gruppe?

  • Selbstzweifel gehören dazu, lernen, besser damit umzugehen und fühlen uns sicherer

Wovor fürchte ich mich am meisten?

  • Altersarmut
  • Isolation
  • Psychosomatische Krankheiten

Kein Job – kurz vor der Pension

Daraus wird noch nichts! Frau oder Mann ist arbeitslos. Mehr oder weniger kurz vor der Pension. Jetzt heisst es wieder zurückstecken. Nicht wegen unserer Aus- oder Weiterbildung oder den Kindern. Nein, weil wir nicht mehr so verdienen wie vorher. Niemand weiss, ob das vor dem Pensionsalter ändert. Da ist einschränken und sparen angesagt.
Hat eigentlich schon mal jemand ausgerechnet, was für ein Loch in vielen Kassen der fehlende Konsum dieser Altersgruppe in Zukunft hinterlässt?

Das Hauptproblem ist dieses scheussliche Gefühl der Nutzlosigkeit. Da darf ich im Plural schreiben. Wir fühlen uns nutzlos. Ausgestossen aus der sogenannten Normalität. Man braucht uns nicht mehr. Pessimismus? Ja, zugegeben und auch etwas dick aufgetragen. Aber manchmal fühlt es sich genau so an!

Jeder Mensch will dazugehören. Ein aktiver Teil unserer Gesellschaft sein. Wir wollen unseren Beitrag leisten. Was ist daran bitteschön falsch?
Die banale Frage: «Was machst du beruflich?», wird zum psychischen Minenfeld. In jeder Gesellschaft kommt sie irgendwann. Unweigerlich. Wir haben sie vorher selbst gestellt. Ahnungslos. Und jetzt? Was sollen wir darauf bloss antworten?

Erfahrungen liegen brach

Viel Potenzial und viel wertvolle Erfahrung liegen brach. Auf dem Abstellgleis. Zum Teil mit Füssen getreten. Wegrationalisiert wegen Umstrukturierung oder so ähnlich.
Jemand erzählte mir, sich nicht mehr auf Vorstellungsgespräche zu freuen, weil die Enttäuschung danach zu gross ist. Und das im Voraus! Nach zig Bewerbungen und darauf folgenden Absagen oder gar Funkstille, ist es jedenfalls extrem schwierig, nicht die Hoffnung zu verlieren!

Manche Menschen in unserem Alter haben Berufe gelernt, die es heute gar nicht mehr gibt. Verschwindet die Firma, fehlt die Nachfrage komplett. Dabei denken wir üblicherweise sofort an Umbildung. Nur ist diese ganze Ausbilderei einfach nicht jedermanns Sache. Es gibt Leute, die mit Theorien Mühe haben aber hervorragende PraktikerInnen sind. Gold sind die wert! Was wären kluge Köpfe ohne praktisch begabte Menschen?
Einige Wenige resignieren. Die meisten aber bemühen sich unermüdlich um berufliche Integration und neue Perspektiven.

So entstand dieser Artikel:

Ziele und Grundstrukturen haben wir gemeinsam bestimmt. Die Fragen zum Artikel etwa waren Inhalt eines Treffens. Wir haben sie zusammen ausgearbeitet und beantwortet.

Bei uns sind alle willkommen, die in derselben Situation sind wie wir. Treffen finden alle zwei Wochen am Mittwoch, 9 bis 10.30 Uhr, in Olten statt.

Gegen den Zerfall des Selbstwertes

Wir kämpfen in unserer Gruppe gegen den Zerfall unseres Selbstwertes. Bauen uns gegenseitig auf. Spornen uns zu Aktivitäten an. Lenken unsere Aufmerksamkeit auf positive Aspekte wie Zeit, Musse, Chance für Neues und so weiter. Der Austausch tut unglaublich gut. Gibt Mut und Zuversicht.

Die schöne Seite an der Situation ist, dass jetzt plötzlich auch die kleinen Erfolge wieder gewichten. Die gemeinsame Freude, wenn jemand wegen Anstellung nicht mehr in die Gruppe kommen kann, ist gross und kommt von Herzen.

Jetzt überlegen wir: Was will ich wirklich? Was kann ich besonders gut?
Wir werden uns unserer Erfahrung und Fähigkeiten bewusst. Das gibt Sicherheit. Sicherheit, die unter Umständen ermutigt, in einem ganz neuen Bereich etwas zu wagen.
Täten wir das auch, wenn wir noch im alten Trott wären?

* Kontaktstelle Selbsthilfe Kanton Solothurn, Regina Schmid, www.selbsthilfesolothurn.ch / info@selbsthilfesolothurn.ch

Susanna Kunz ist Initiantin und Koordinatorin der Gruppe «arbeitslos 50+»