Seit Wochen tingeln Vertraute des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan durch die Schweiz und werben in Restaurants, Privatwohnungen und Gemeindesälen für eine Verfassungsänderung. Das Ziel: Das Verfassungsreferendum über ein Präsidialsystem soll durchkommen. Damit wäre Erdogan Alleinherrscher.

Mehrere dieser Auftritte von Erdogan-Vertrauten wurden verhindert. Nicht so ein Treffen am 5. März in Günsberg im Gemeindehaus der Reformierten Kirche. Murat Alparslan, Jurist und Vize-Chef der AKP Ankara, sprach zusammen mit dem türkischen Botschafter Ilhan Saygili vor knapp 100 frühstückenden Landsleuten. Organisiert wurde dieser Sonntagsbrunch der besonderen Art von der Union europäisch-türkischer Demokraten (UETD), ein Lobbyverein der AKP.

Die Kirchgemeinde wusste offenbar nichts von diesem Anlass. «Wir sind bewusst getäuscht worden», schreibt Barbara Fankhauser, Präsidentin der reformierten Kirchgemeinde Solothurn.

«Es gab keine Anzeichen, dass etwas ungewöhnlich ist», sagt sie auf Nachfrage. «Eine Routine-Vermietung, bis eine Woche später ein Artikel in der ‹SonntagsZeitung› erschien.» Die Schlagzeile: ‹AKP-Vize weibelte im Kirchensaal für Erdogan›. Verwundert rieben sich die Verantwortlichen der reformierten Kirchgemeinde Solothurn die Augen und mussten sich nach einigen Abklärungen eingestehen: Die Frau aus dem Bezirk Wasseramt, die bereits im Januar den Saal für den 5. März mietete, hat sie arglistig getäuscht. «Wir hatten keinen Hinweis, dass etwas anderes als ein üblicher Privatanlass dahinterstecken könnte», sagt Barbara Fankhauser. Ganz normal wurde das Lokal am Sonntagmorgen an die Mieter abgegeben und am Abend im besten Zustand wieder abgenommen.

Nachdem der wahre Inhalt der Veranstaltung bekannt wurde, verschickte die Kirchgemeinde-Präsidentin nun einen Warnbrief an alle Kirchgemeindepräsidien und -verwaltungen im Kanton. Bei Anfragen für grössere Familienfeste oder Weiterbildungen soll man Vorsicht walten lassen, heisst es darin. 

Warnbrief der reformierten Kirchgemeinde Solothurn

Warnbrief der reformierten Kirchgemeinde Solothurn

Im Schreiben an ihre Amtskollegen warnt Fankhauser: «Um ähnliche Erfahrungen zu vermeiden, empfehlen wir Ihnen bei Anfragen für grössere Familienfeste und/oder Weiterbildungen momentan genau hinzuschauen und Vorsicht walten zu lassen.» (ldu/fvo)