Der Konkurs der Grenchner Industriefirma Michel AG hinterlässt nur Verlierer – allen voran die 82 Beschäftigten, welche am Freitag aus heiterem Himmel ihren Job verloren haben.

Sie erhalten ab sofort auch keinen Lohn mehr. Die Löhne wurden nur bis Ende Oktober ausbezahlt.

Einen Sozialplan gibt es laut Geschäftsleitung mangels finanziellen Mitteln keinen. Alle Angestellten erhalten für den Monat November einmalig 2500 Franken, ein Tropfen auf den heissen Stein.

Anspruch auf Sozialleistungen

Aber immerhin bietet das Sozialversicherungssystem einige Hilfe. So können die Betroffenen bei der zuständigen Arbeitslosenkasse eine Insolvenzentschädigung beantragen für die Zeit vom 1. November bis zur Konkurseröffnung am 20. November, wie Jonas Motschi, Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA), erläutert.

Diese deckt die Lohnforderungen zu 100 Prozent bis zur Höchstgrenze des versicherten Verdienstes von zurzeit 10 500 Franken monatlich ab. Danach haben die Entlassenen Anspruch auf die Leistungen der Arbeitslosenversicherung.

Zudem können die Geschädigten die vor der Konkurseröffnung nicht bezahlten Forderungen wie Anteil 13. Monatslohn, Ferien- und Überzeitguthaben geltend machen, ergänzt Martin Schmalz, Chef des kantonalen Konkursamtes.

Dasselbe gelte für Forderungen während der ordentlichen Kündigungsfrist. Allerdings wird das dauern. Denn bis das Verfahren abgeschlossen und eine Aussage über eine mögliche Konkursdividende vorliegt, dürfte es erfahrungsgemäss Monate dauern. Insbesondere in Sachen Michel AG.

«Das ist ein sehr komplexer Fall und wir haben die für Konkursverfahren und Liquidationen spezialisierte Transliq AG in Bern mit dem Verfahren beauftragt», sagt Schmalz.

Die erste Gläubigerversammlung werde entscheiden, ob die Transliq AG als Sachwalterin eingesetzt werde. Komplex sei der Fall nicht nur wegen des Ausmasses, sondern auch, weil die Michel AG in Tschechien ein Werk als Tochterfirma führt.

Und deren Zukunft hat einen grossen Einfluss. In das Werk im tschechischen Brno habe man 25 Millionen Franken investiert, erklärt Michel-Verwaltungsratspräsident Konrad Beck.

Das Werk beschäftige 126 Mitarbeitende. Es werde nun versucht, einen Käufer für die Fabrik zu finden. Aber dies sei nur dann realistisch, wenn Aufträge vorhanden seien.

Deshalb hänge die Zukunft von den Kunden ab, ob sie ihre Aufträge – bislang an Michel Grenchen künftig ans tschechische Werk direkt – aufrechterhalten oder ob sie auf andere Lieferanten ausweichen. Ansonsten droht auch in Brno die Schliessung. Falls der Verkauf gelinge, würde der Erlös in die Konkursmasse fliessen.

Kein sanftes Runterfahren

Warum hat man nicht früher reagiert und die Schliessung der Michel AG dann vollzogen, als noch Mittel für einen anständigen Sozialplan vorhanden gewesen wären? Noch im Sommer habe man an eine Besserung der Situation geglaubt.

Doch die Preisverhandlungen mit den Kunden hätten gezeigt, dass sofort Investitionen von neun Millionen Franken in den Maschinenpark für neue Produkte getätigt werden müssten, um eine kostendeckende Produktion zu erreichen.

Erst ab 2021 hätte man wieder einen Gewinn erwirtschaften können. Und: «Ein Zulieferbetrieb kann nicht sanft runtergefahren werden.»

Die Michel AG gehört seit 2008 zur Ferton Holding in Delsberg, der zwei grössere Industriefirmen angehören. Die EMS SA in Nyon (Herstellerin von medizinischen Geräten) und die Preci-Dip SA in Delsberg (Herstellerin von Steckverbindungen für die Elektronikindustrie).

Es bestehe aber kein Synergiepotenzial, erklärt Thomas Specht, CEO der Michel AG; nicht nur produktemässig, sondern auch kundenseitig, weil die Michel AG fast ausschliesslich die Automobilindustrie beliefere. Die Ferton-Gruppe gehöre dem deutschen Unternehmer Bernd Bühner.

«Eine Katastrophe»

Zurück bleiben die 82 Mitarbeitenden in Grenchen. «Das ist eine Katastrophe», sagt Gewerkschafter Jesus Fernandez, Co-Leiter der Unia-Sektion Biel-Solothurn. Es habe sehr viele langjährige Angestellte darunter, die teilweise über 40 Jahre bei Michel gearbeitet hätten.

Für diese werde es sehr schwierig werden, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Auch für Jonas Motschi vom AWA ist «der Konkurs die schlechteste Lösung für die Mitarbeitenden».