Im unteren Teil der stillgelegten Tongrube Fasiswald, im Schutt am Fuss einer Lias-Felswand, lebt eine der grössten Geburtshelferkröten-Populationen der Schweiz. Die Geburtshelferkröte, wegen den glockenähnlichen Lockrufs im Volksmund «Glögglifrosch» genannt, gilt als gefährdet und ist deshalb bundesrechtlich geschützt. Wenn ab 2015 die Tongrube mit dem Aushub des Belchen-Sanierungstunnels aufgefüllt wird, verlieren die Hägendörfer Glögglifrösche ihren bisherigen Lebensraum. Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat deshalb ein sich über zwei Jahre erstreckendes Umsiedlungsprojekt in die Wege geleitet, das der mehrere Hundert Amphibien umfassenden Kolonie zu einer neuen Bleibe verhelfen soll.

Vereine aus der Region im Einsatz

Abend für Abend sind nun seit Anfang Mai 17 Personen abwechslungsweise im Einsatz. Ab Anbruch der Dunkelheit suchen kleine Gruppen jeweils während rund zwei Stunden mit Hilfe von Taschenlampen unter den Steinen nach den nachtaktiven Tieren. Die Suchtrupps rekrutieren sich aus dem Ornithologischen Verein Hägendorf, dem Naturschutzverein Egerkingen, dem Natur- und Vogelschutzverein Oensingen und Oberbuchsiten sowie dem Vogelschutzverein Wangen. Bis Mitte Mai haben sie nach Angaben des Astra 134 Tiere aufgegriffen, darunter 35 Männchen mit Eierpaketen. Wenn das Weibchen die 30 bis 50 Eier abgelegt hat, schlingt das Männchen die Laichschnur um seine Fersen und hütet sie während der 20- bis 50-tägigen Reifezeit. Ist diese zu Ende, trägt das Männchen die Eier ins Fortpflanzungsgewässer, wo die Kaulquappen innert einer Stunde schlüpfen.

Entlang der Felswand wurde eine Abschrankung errichtet, welche die Glögglifrösche daran hindert, das Fortpflanzungsgewässer – den Teich unten in der Tongrube – zu erreichen. Tiere, die sich auf der Suche nach einem Durchgang entlang der Absperrung bewegen, fallen in bodeneben eingegrabene Fangbehälter. Um Männchen, die mit dem Abstossen ihrer Fracht nicht mehr zuwarten mögen, eine entsprechende Gelegenheit zu geben, wurde bei der Abschrankung auch ein kleines Bassin eingerichtet. «Notgebärsaal», nennt Christoph Bühler die Pfütze. Der Biologe vom Büro Hintermann & Weber AG in Reinach BL ist als Projektleiter für die Umsiedlungsaktion verantwortlich.

Wenn Christoph Bühler an diesem Abend den Kessel mit den eingefangenen Tieren – rund ein halbes Dutzend an der Zahl – zum neuen Habitat bringt, ist es dunkle Nacht. C’est la vie. «Ich bin auch schon mal nachts um eins hier gewesen», sagt der Projektleiter. Vom Laub im Kessel kann man die gut getarnten Geburtshelferkröten im Schein der Taschenlampe kaum unterscheiden. Der neue Lebensraum ist nur 250 Meter von der Tongrube entfernt, liegt aber in einer andern Geländekammer.

Zu erreichen ist der in einer Waldlichtung gelegene Abhang, der aussieht, als hätte sich hier ein Gartenbauer verwirklichen dürfen, auf einem richtig steilen Schotterweg, den ein in der Dunkelheit schwer auszumachender Stacheldraht quert. Terrassenartig wurden hier drei Tümpel angelegt und die Umgebung mit Bruchsteinmauern eigens als Geburtshelferkröten-Versteck gestaltet.

Hoffen auf die Larven

Urs Aeschlimann vom Astra, Projektleiter Sanierungstunnel Belchen, überblickt das Gelände. «Ich finde das eine gute Sache», sagt er. Rund 260 000 Franken kostet die ganze Übung – ein Klacks, gemessen an der halben Milliarde, welche der Sanierungstunnel kostet.

Die Neuankömmlinge werden von Christoph Bühler in einer südexponierten Bruchsteinmauer beim untersten Tümpel ausgesetzt, der von einer Abschrankung umgeben ist. Geburtshelferkröten sind standorttreu. Ohne Gegenmassnahme würden sie ihre alte Heimat suchen. Im September, wenn die Saison zu Ende ist, wird die Sperre nach Aeschlimanns Angaben aufgehoben.

Damit, dass einzelne Tiere den Heimweg finden werden, wird gerechnet. Eine Sisyphusarbeit? – Darum wird die Umsiedlungsaktion 2015 noch einmal aufgenommen. Und im Herbst 2014 wird der Teich in der Tongrube abgepumpt. Dabei – und fortlaufend jetzt schon im «Notgebärsaal» – können die zum Vorschein kommenden Larven eingesammelt und im neuen Habitat ausgesetzt werden. Der Vorteil: Dort wo sie an Land gehen, liegt für sie der Lebensraum. Diese Generation wird also der Tongrube nicht mehr nachtrauern – und nicht mehr davonlaufen.