Längst vorbei ist die Zeit, als die Elektromobilität (zu Neudeutsch E-Mobility) den bewegten «Birkenstock»-Idealisten vorbehalten war. Sich für umweltverträgliche Antriebssysteme, weg von Benzin- und Dieselmotoren, zu interessieren und sich mit diesen zu identifizieren, scheint schon fast eine Pflicht für jeden zu sein, der etwas auf sich hält.

Diesen Eindruck jedenfalls musste gewinnen, wer am Mittwochabend anlässlich des alljährlichen Kundenevents des Energieversorgers AEK im Solothurner Landhaus die Referate, Diskussionen und Wortmeldungen verfolgt hat. Über 600 – zu einem grossen Teil männliche – Gäste sind der Einladung der AEK gefolgt. So viele wie bis jetzt noch nie. Das Thema des Abends «Stau oder freie Fahrt für Elektromobilität» ist ganz offensichtlich «in».

Mit dem technologischen Fortschritt sind E-Mobility einerseits und Fahrkomfort sowie Fahrleistung andererseits keine Gegensätze mehr. Jedenfalls bei den Elektroautos der Premium-Klasse, die langsam, aber sicher den Markt erobern. Die Nase weit vorn hat in diesem Segment der amerikanische «Tesla». Es ist «stylish», ein solches Auto zu fahren – gerade auch in Solothurner Unternehmerkreisen. Gastgeber und AEK-Direktor Walter Wirth outete sich als Tesla-Fahrer, ihm gleich zieht Fraisa-Chef Josef Maushart. Und die beiden sind nicht alleine. Mittlerweile gehöre die Hälfte des Vorstands des Industrieverbands Solothurn und Umgebung (Inveso) zur Gruppe der Tesla-Fahrer, so Verbandspräsident Maushart. Zur Fahrzeugflotte der Fraisa SA zählen zudem sieben Elektroautos – der «E-Virus» soll auch auf die Mitarbeitenden übergehen.

Batterien werden günstiger

Haben sich die E-Bikes und E-Roller in der Schweiz und auch in Solothurn bestens etabliert, nehmen die Elektroautos allmählich Fahrt auf. Noch haben von
4,5 Mio. Autos in der Schweiz nur gerade 10 000 einen Stecker. 217 davon sind in Solothurn eingelöst. Diese Zahlen aber dürften in den nächsten Jahren markant steigen, wie der Tessiner Elektroauto-Pionier und Autodesigner Marco Piffaretti alleine anhand der Verkaufszahlen der letzten beiden Jahre demonstrierte. Er prognostizierte zudem tüchtig fallende Preise. So werde die Herstellung der Lithium-Batterie, das teure Herzstück eines Elektroautos, aufgrund der hohen Stückzahl immer günstiger. «2025 wird ein Elektroauto in der Anschaffung nicht mehr teurer sein als ein Diesel-betriebenes Auto.» Und: Im Jahr 2035 werde jedes zweite Auto in der Schweiz elektrisch unterwegs sein. Aufgrund der bedeutend günstigeren Betriebskosten würde sich der Kauf eines Elektroautos dabei schon heute rechnen, ist Piffaretti überzeugt.

Für Ständerat und AEK-Verwaltungsratspräsident Pirmin Bischof ist besonders die positive Energiebilanz von Interesse. «Elektroautos leisten einen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen und reduzieren zudem den Energieverbrauch.» Wenn immer mehr Elektroautos unterwegs seien, werde zwar der Strombedarf steigen, man verbrauche aber weniger Energie. Der elektrische Motor habe nämlich einen um viermal höheren Wirkungsgrad als der herkömmliche Verbrennungsmotor, löste Bischof den scheinbaren Widerspruch auf. Weiter lasse sich mit dem einheimisch produzierten Strom die Wertschöpfung im Land selber halten.

Elektroautos sind steuerfrei

Im anschliessenden Podiumsgespräch unter der Leitung von Kommunikationsberater Iwan Rickenbacher machte Landammann Roland Fürst deutlich, dass es sich gerade im Kanton Solothurn bereits jetzt lohnen kann, ein Elektroauto zu kaufen. «Solothurn gehört zu den sechs Pionierkantonen in der Schweiz, die Elektro und Solarautos von der Motorfahrzeugsteuer befreien.» Eines der künftigen Ziele des Kantons sei es zudem, vor allem an den Autobahnraststätten die Installation weiterer Ladestationen zu fördern.

Im Unterschied zu den Elektroautos haben E-Bikes ganz ohne öffentliche Subventionierung den Markt erobert. «Wir zeigen unseren Kunden auf, dass unser E-Bike im urbanen Bereich das schnellste und gleichzeitig ein sehr gesundheitsförderndes Fortbewegungsmittel ist», schilderte Thomas Binggeli, Inhaber der Thömus AG und Produzent der bekannten «Stromer», das Geheimnis seines Erfolgs. Nicht relevant im Kampf um neue Kunden sei indes das Umwelt-Argument, betonte Binggeli. «Der Konsument will einfach das für ihn beste Produkt.»

Das Autogewerbe habe die alternativen Antriebe längst zur Kenntnis genommen und sei sehr an Innovationen interessiert, hielt Thomas Jenni fest, Geschäftsführer der Solothurner Sektion des Autogewerbeverbands. «Die Erfahrung vieler Garagisten zeigt aber, dass die Kunden Elektroautos vielfach nicht kaufen, jedenfalls noch nicht.»

Er warnte deshalb vor allzu viel Euphorie. Jenni gab zudem zu bedenken, dass eine Reihe von Problemen rund um die Entsorgung und die Aufbereitung der Batterien noch nicht gelöst seien. Damit aber würden die Batterien zu «Sondermüll». Ein Einwand, den Elektroauto-Pionier Marco Piffaretti nicht so stehen lassen konnte: «Der Kreislauf von der Herstellung der Batterie über deren Lebensende und das Recycling ist geschlossen.» Für Elektroautos nicht mehr verwendbare Batterien werden etwa für Solarpanels genutzt.

Wie «sauber» ist der Strom?

Peter Arnet, Geschäftsführer der Alpiq E-Mobility, ist überzeugt, dass die Elektromobilität durch die Einführung einer CO2-Steuer ab 2020 weiter an Schwung gewinnen wird. Er hob in diesem Zusammenhang hervor, dass die Schweiz im Gesamtstrommix den geringsten CO2-Anteil aller Länder aufweise – und damit also über sehr sauberen Strom verfüge.

Ein Steilpass für AEK-Direktor Walter Wirth: Aus sämtlichen von der AEK betreuten Ladestationen fliesse «blauer» Strom, Strom also aus Wasser und Sonne, so der Energieexperte. Für ihn steht zudem fest, dass die Elektromobilität dereinst genauso ein Selbstläufer werden wird, wie die Wärmepumpen es längst sind.